Entwicklung eines korpusbasierten elektronischen Wörterbuchs Deutsche Gebärdensprache (DGS) - Deutsch

 

Zur Projekthomepage: www.dgs-korpus.de

 

Unter Gehörlosen haben sich über Jahrhunderte visuelle Sprachen herausgebildet, die jedoch keineswegs identisch sind mit der nonverbalen Körpersprache Hörender: Vielmehr handelt es sich um eigenständige Sprachen, die über einen umfassenden Wortschatz und eine komplexe Grammatik verfügen. Elementare Bestandteile der Gebärdensprachen sind Handzeichen (Gebärden), die nach Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung klar strukturiert sind und nach eigenen Regeln im sog. Gebärdenraum ausgeführt werden; darüber hinaus spielen Mimik, Körperhaltung und Mundbild für die Bildung von Sätzen eine große Rolle. Gebärdensprachen sind natürlich gewachsene Sprachen: Die nationalen Gebärdensprachen unterscheiden sich zum Teil erheblich, Gebärdensprache ist also nicht - wie häufig angenommen - international. Auch innerhalb der Deutschen Gebärdensprache gibt es regionale Unterschiede.

In einem Langzeitprojekt der Akademie der Wissenschaften in Hamburg wird ein elektronisches, korpusbasiertes Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache erstellt. Das Projekt ist auf 15 Jahre angelegt (Beginn: 1. Januar 2009) und wird in Kooperation mit der Universität Hamburg am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser durchgeführt. Aus dem Akademienprogramm zur Förderung geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung, das von Bund und Ländern getragen wird, stehen dafür insgesamt 8,5 Mio. Euro zur Verfügung.

 

Das Projekt: Korpus und Wörterbuch

Ziel des Projekts ist zunächst eine umfassende Sammlung gebärdensprachlicher Daten: Hierzu werden Gebärden von ca. 250 gehörlosen Informanten aus dem gesamten Bundesgebiet erhoben. Diese werden per Video aufgezeichnet und dann systematisch, mithilfe einer eigens entwickelten Datenbank verarbeitet und analysiert. Dieses Korpus, das mehrere hundert Stunden Videomaterial umfassen wird, bildet die Grundlage für die Erstellung des Wörterbuchs. Die Auswahl der Stichwörter wird sich dabei in erster Linie auf die tatsächliche Gebärdenanwendung stützen - im Unterschied zu bisherigen Gebärdensammlungen, die von einer deutschen Wortliste ausgingen. Das Wörterbuch wird ca. 6000 Gebärdeneinträge umfassen. Es ist bidirektional angelegt, d.h. es kann in beide Richtungen nachgeschlagen werden, ausgehend von einer Gebärde oder einem deutschen Wort. Da es sich bei der Gebärdensprache um eine visuelle Sprache handelt, wäre das Projekt ohne moderne Technologien kaum denkbar: Die Gebärden werden als Filme gezeigt, die elektronische Datenbank erlaubt vielfältige Kombinations- und Suchstrategien, z.B. auch die Suche nach Gebärdenform.

 

Linguistische Grundlagenforschung

Mit der Erstellung dieses Korpus und Wörterbuchs werden die in Deutschland verwendete(n) Gebärdensprache(n) zum ersten Mal systematisch erfasst und analysiert. Während in der linguistischen Erforschung der Lautsprachen korpusbasierte Methoden mittlerweile sehr verbreitet sind, steckt die entsprechende Grundlagenforschung zur DGS noch in den Anfängen. Die Erstellung eines DGS-Korpus ist von besonderer Beutung, da die DGS bisher kaum standardisiert ist: Es existieren große regionale und individuelle Unterschiede in ihrer Verwendung - nicht zuletzt, weil sie lange aus Unterricht und Bildung der Gehörlosen verbannt war und sich keine einheitliche Gebärdengebrauchsschrift entwickeln konnte. Diese verschiedenen Formen der DGS zu erfassen und zu dokumentieren, ist ein zentrales Ziel des Korpus. Über die Entwicklung des Wörterbuchs hinaus wird das Korpus auch langfristig eine Vielzahl von Möglichkeiten für die empirisch fundierte Erforschung der DGS bieten.

Das Institut für Gebärdensprache und Kommunikation der Universität Hamburg nimmt seit seiner Gründung 1987 eine Pionierrolle bei der linguistischen Erforschung der Gebärdensprache ein. Das Forscherteam um Professor Siegmund Prillwitz hat bereits eine Reihe von Fachwörterbüchern erarbeitet, die wichtige Vorarbeiten darstellen. Bei dem Projekt arbeiten gehörlose und hörende Linguisten, Dolmetscher und Computerspezialisten zusammen. 

Beispiel: Fachgebärdenlexikon "Gesundheit und Pflege"

 

Beteiligung der Gebärdensprachgemeinschaft

Für die Gehörlosengemeinschaft hat das Projekt auch einen hohen ideellen Wert: Die traditionelle Gehörlosenpädagogik wertete bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gebärdensprachen als bloßes nicht-sprachliches Gestikulieren ab; auch von der Sprachwissenschaft wurden sie kaum als Forschungsgegenstand wahrgenommen. Diese ablehnende Haltung hat sich in Deutschland erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten geändert. Heute sind Gehörlose als Mitglieder einer sprachlichen Minderheit weitgehend anerkannt und ihre Gebärdensprache findet immer mehr Verwendung in Erziehung, Bildung, Beruf und Alltag.

Die Gebärdensprachgemeinschaft ist von Anfang an in die Erstellung des Wörterbuchs einbezogen - auch über die Beteiligung der Gebärdensprach-Informanten hinaus: So wird zu Beginn des Projekts eine Umfrage unter den potentiellen Nutzern des Wörterbuchs durchgeführt. Die verschiedenen Nutzergruppen - DGS-Muttersprachler wie gehörlose Erwachsene oder Kinder gehörloser Eltern, DGS-Lerner wie Spätertaubte, Eltern oder Lehrer gehörloser Kinder sowie Gebärdensprachdolmetscher und Linguisten - werden nach ihren Bedürfnissen und Erwartungen an das Wörterbuch befragt. Darüber hinaus wird über einen Großteil der Projektlaufzeit ein Internet-basiertes Voting-Verfahren durchgeführt, das es Mitgliedern der Gebärdensprachgemeinschaft erlaubt, ausgewähltes Material zu beurteilen und zu kommentieren. Eine laufend aktualisierte Projekthomepage informiert regelmäßig über den Fortgang des Projekts. 

Informationsflyer über das Projekt

Zum Download

Presseberichte:

Der SPIEGEL hat im August 2011 über das Projek berichtet mehr.

DRadio Wissen hat im August ein Interview zu dem Projekt gesendet mehr

Literaturhinweis:

S. König / G. Langer:
Signs Fiction? Ein Wörterbuch DGS - Deutsch wird entwickelt.
In: Das Zeichen 81 (2009)
Zum Download