Auf Pandemien besser vorbereitet sein durch effektivere Infrastrukturen und vertrauensbildende Kommunikation

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Um die nächste Pandemie besser zu bewältigen, gelte es, insbesondere Infrastrukturen für ein effektiveres Datenmanagement und eine schnelle Impfstoffproduktion wie -verteilung zu entwickeln. So ein Fazit des hochkarätig besetzten Symposiums „Infektionen und Gesellschaft – was haben wir gelernt?“ am Wochenende in Hamburg: Auf Einladung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg tauschten sich in der Patriotischen Gesellschaft rund zwei Dutzend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Vertreter aus Politik und Medien aus.

Akademiepräsident Prof. Dr. Mojib Latif (rechts) begrüßte gemeinsam mit dem Sprecher der Arbeitsgruppe „Infektionsforschung und Gesellschaft“, Prof. Dr. Ansgar W. Lohse (links), Hamburgs Ersten Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher zum Symposium.

Pandemien sind eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Als wesentlich für deren Bewältigung bewerteten mehrere Vortragende eine gute Kommunikation der Pandemie-Maßnahmen, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und zu erhalten. Auf dieses Thema gingen insbesondere die Philosophin Prof. Dr. Judith Simon von der Universität Hamburg und der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt vom Wissenschaftsmagazin „Science“ ein. Rückblicke wie Zukunftsprognosen aus medizinischer Perspektive steuerten etwa Prof. Dr. Jürgen Graf als Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt und Prof. Dr. Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bei. Die rasche Entwicklung und Verfügbarkeit von inzwischen zwölf Corona-Vakzinen sei großartig, unterstrich die Virologin. Mit Blick auf die nächste Pandemie müsse man früh mitdenken, wie Impfstoffe global gerechter zu verteilen seien, aber es brauche auch weitere Investitionen in die Grundlagenforschung, erläuterten die teilnehmenden führenden Virologen.

Die Bedeutung von Grundlagenforschung für die Pandemie-Bekämpfung wie -Prävention betonte auch Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas C. Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems bei Greifswald), und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Nur weil es umfassende Grundlagenforschung gegeben habe, war eine schnelle Impfstoffentwicklung in der COVID-19-Pandemie möglich. „Nach der Pandemie ist vor der Pandemie“, stellte Mettenleiter fest. In seinem Vortrag warb der Molekularbiologe und Virologe für den One-Health-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt umfassend betrachte. Das sei wichtig, weil Erreger von Infektionskrankheiten häufig – wie im Fall von COVID-19 – vom Tier auf den Menschen übergehen. Er plädierte für eine engere Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizin ebenso wie für ein Weltverständnis, das weniger den Menschen in den Mittelpunkt rückt und dafür mehr die Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt.

Zum Auftakt des Symposiums blickte Dr. Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, in seinem Grußwort zurück auf die Bekämpfung der COVID-19-Pandemie. Als Mediziner sei ihm früh klar gewesen, dass die Lage ernst war und sich die Stadt auf den „Katastrophenfall“ vorzubereiten hatte. Dies zu kommunizieren, war gerade zu Beginn der Pandemie herausfordernd: „Wir mussten Ernsthaftigkeit vermitteln, ohne Panik zu verbreiten“, erklärte Tschentscher. Zugleich fehlte es an Masken und dem Verständnis für deren Schutzwirkung.

Prof. Dr. Veronika Grimm, Wirtschaftstheoretikerin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, legte dar, dass die Pandemie sich relativ unabhängig von den sehr unterschiedlich getroffenen Maßnahmen in den meisten entwickelten Ländern ähnlich ausgewirkt habe. Der Verfassungsrechtler Prof. Dr. Horst Dreier mahnte an, dass die gesetzgeberischen Grundlagen für zukünftige pandemische Herausforderungen umgehend und vorausschauend neu gelegt werden sollten.

Dass Datenschutz und Infektionsschutz nicht im Widerspruch zueinander stehen müssten, erörterte der Philosoph Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin. Ergänzend stellte Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig ein Modell vor, nach dem alle Beteiligten – vom Bürger bis hin zur nationalen Gesundheitsbehörde – in einem digitalen Netzwerk effektiv zusammenwirken und gemeinschaftlich agieren können. Prof. Dr. Klaus Stöhr, ehemals WHO, verwies darauf, dass Pandemiebekämpfung von einem möglichen Ende her gedacht werden müsse.

Zusammenfassend wies Prof. Dr. Ansgar W. Lohse als Sprecher der Akademie-Arbeitsgruppe „Infektionsforschung und Gesellschaft“ darauf hin, dass der wissenschaftliche Diskurs unbedingt die Grenzen des jeweils aktuellen Wissensstandes, aber auch die Grenzen des jeweiligen Faches beachten und benennen müsse. Auch dies sei eine Voraussetzung für Vertrauen in die Wissenschaft.

Das Symposium wurde von der Arbeitsgruppe „Infektionsforschung und Gesellschaft“ der Akademie der Wissenschaften in Hamburg konzipiert. Die Vorträge werden voraussichtlich noch in 2022 als Tagungsband veröffentlicht.

Das Symposium „Infektionen und Gesellschaft“ war online live zu erleben. Die Aufzeichnung wird in Auszügen demnächst verfügbar sein auf dem YouTube-Kanal der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Presseberichte

Deutschlandfunk Nova, Hörsaal, 1. Juli 2022: "Coronavirus-Pandemie. Wem wir in ungewissen Zeiten vertrauen – und warum" - Ausstrahlung und Online-Aufbereitung von zwei Vorträgen des Symposiums

Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt, Nr. 6  (Juni) 2022: „Was haben wir gelernt und was (noch) nicht?“

Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 2. Mai 2022: "Lehren aus der Pandemie. Bessere Vorbereitung auf künftige Pandemien"

Hamburger Abendblatt, 30. April 2022: "Tschentscher gewährt Einblick in diffizile Corona-Politik"

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