Was ist gerecht?

Der Begriff der Gerechtigkeit hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur in der praktischen Philosophie, sondern auch im politischen Diskurs eine ungeahnte Konjunktur erlebt. Gerechtigkeitsforderungen durchziehen nahezu alle wichtigen Felder sozialer und politischer Debatte. Gerechtigkeitsideale wie beispielsweise soziale Gerechtigkeit, intergenerationelle Gerechtigkeit oder Klimagerechtigkeit markieren wichtige Infragestellungen gegenwärtiger Handlungsstrukturen und Ordnungen.

Zielsetzung der Arbeitsgruppe Gerechtigkeitsvorstellungen im globalen Vergleich: Gerechtigkeit zwischen Universalitätsanspruch und kultureller Bedingtheit

Die seit Mai 2022 bestehende Arbeitsgruppe wird zunächst Untersuchungsfelder abstecken, in denen das Thema „Gerechtigkeitsvorstellungen“ behandelt werden soll. Dazu zählen unter anderem:

  • die verschiedenen geschichtlichen Phasen Europas ausgehend von der Antike,
  • religiöse Gerechtigkeitsvorstellungen im Vergleich,
  • das gesellschaftliche und soziale Zusammenleben in europäischen und außereuropäischen Gesellschaften,
  • Umwelt und Klima.

Um die Untersuchungsfelder einzugrenzen, findet im November 2022 ein interner Eröffnungsworkshop statt. Daran schließen sich öffentliche wie halböffentliche Veranstaltungen an. Geplant sind zudem verschiedene Publikationen.

Projektbeschreibung

War Gerechtigkeit bei Platon und Aristoteles noch ein Teil gesellschaftlicher Tugendlehren, was in der christlichen Tradition (etwa bei Thomas von Aquin) fortwirkte, so trat die Frage der institutionellen Voraussetzungen von Gerechtigkeit in der Sozialphilosophie der Aufklärung in den Vordergrund. Doch bleibt auch hier die klassische „Goldene Regel“ prägend, das „Suum cuique“ („Jedem das Seine“) der antiken und christlichen Tradition. Erst mit der Renaissance der Gerechtigkeitsdiskurse im Gefolge von John Rawls und seinem die moderne Debatte prägenden Werk A Theory of Justice treten Aspekte der Verfahrensgerechtigkeit in den Vordergrund.

Die aktuelle Debatte um „globale Gerechtigkeit“ knüpft an diese Diskurse an und stellt sich der Frage, ob und inwieweit Gerechtigkeitspostulate sozialethisch auch über die Grenzen historisch verfasster Gemeinwesen hinaus sinnvoll erhoben werden können – ein von Seiten kommunitaristischer Philosophie durchaus bestrittener Anspruch. Was bei diesen Debatten weitgehend im Hintergrund bleibt, das ist die fundamentale Frage, ob die zentralen Kategorien der aktuellen Gerechtigkeitsdebatten, die aus dem theologischen und philosophischen Erbe der europäischen Geistesgeschichte gespeist sind, global tatsächlich anschlussfähig sind. Versuche einer interkulturell vergleichenden Beschäftigung mit Gerechtigkeitsvorstellungen sind über erste Ansätze bislang kaum hinausgekommen.

Dabei zeigt ein Blick über den (eher schmalen) Fundus einschlägiger Arbeiten, dass ein Denken in Gerechtigkeitskategorien tatsächlich so etwas wie eine universale Konstante über alle kulturellen Unterschiede hinweg zu sein scheint. Zugleich wissen wir aber – zumindest in einer systematisch vergleichenden Perspektive – noch recht wenig über die konkrete normative Füllung der Gerechtigkeitsvorstellungen in verschiedenen Kulturen. Die Bindung von Gerechtigkeit an Dimensionen von Sozialität und die Vorstellung eines „Jedem das Seine“ scheint zwar über viele Kulturen hinweg gewisse Konvergenzen aufzuweisen, ist aber zugleich im Detail dann doch sehr unterschiedlich gefüllt.

Die gelebte Multidisziplinarität der Akademie der Wissenschaften lässt es als überaus vielversprechend erscheinen, hier einen exemplarisch vertieften Blick aus einer interkulturell vergleichenden Perspektive und mit disziplinär unterschiedlichen Annäherungsweisen auf die ganz unterschiedlichen Schattierungen und Nuancen zu werfen, in denen Gerechtigkeitsfragen in verschiedenen Kulturen und Gemeinschaften verhandelt werden. Gegenwärtig deckt die Gruppe einen kulturellen Raum ab, der Europa, den islamischen Raum, Indien und Afrika umfasst.

Perspektiven

  • WS 2022/23: gruppeninterne Vortragsreihe zu den Gerechtigkeitsvorstellungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten
  • 2023: Workshop mit internationaler Beteiligung zur Diskussion von Gerechtigkeitsvorstellungen im globalen Vergleich
  • Herbst 2023: Mitwirkung am Akademientag der Akademienunion in Berlin zum Thema „Was ist gerecht? Gerechtigkeitsvorstellungen im globalen Vergleich“
  • 2023/2024: Vortragsreihe mit internen und externen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für ein breites Publikum
  • 2024: Workshop mit internationaler Beteiligung zu Gerechtigkeitsvorstellungen
  • 2025: Konferenz „Gerechtigkeitsvorstellungen im globalen Vergleich“
  • 2026: Buch-Publikation (Anthologie)

Mitglieder der Arbeitsgruppe

Amt Name Fachgebiet
Prof. Dr. Gabriele Clemens Neuere westeuropäische Geschichte und Europäische Integrationsgeschichte
Dr. Anne Dienelt Rechtswissenschaft/Öffentliches Recht/Internationales Recht
Prof. Dr. Silke Göttsch-Elten Europäische Ethnologie / Volkskunde
Sprecher Prof. Dr. Anna Margaretha Horatschek Englische Literaturwissenschaft
Prof. Dr. Ulrike Jekutsch Slawische Literaturwissenschaft
Vertretung Prof. Dr. Stefan Oeter Deutsches und ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht
Prof. Dr. Angelika Redder Germanistische Linguistik und Allgemeine Sprachwissenschaft
Prof. Dr. Christine Straehle Philosophie
Jun. Prof. Dr. Stephanie Zehnle Geschichtswissenschaften
Essays zum Thema "Gerechtigkeit"

Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg hat in 2022 eine neue Essay-Reihe zum Thema „Gerechtigkeit“ gestartet.

Die Mitglieder der Akademie widmen sich sich aus der Perspektive ihrer Fachdisziplin unterschiedlichen Facetten von Gerechtigkeit.

Themen sind etwa Klimagerechtigkeit, Öko-Gerechtigkeit, Gerechtigkeit in der Energieversorgung, Gerechtigkeit und Frieden.

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