Science Comics

Die Vermittlung wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse an eine breitere Öffentlichkeit geht seit einigen Jahren auch neue Wege. Dazu gehören mittlerweile auch Medienformate, welche sich zuvor selten mit wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt hatten. Sogenannte Science Comics vermittelten akademisches Wissen zunächst nur an Kinder und Jugendliche. Heute sind sie jedoch auch für ein erwachsenes Publikum etabliert - nicht zuletzt durch anspruchsvolle Recherche und Gestaltung der Bild-Text-Erzählungen.

Eine Initiative zur Wissenschaftskommunikation der Young Academy Fellows 2020

Die Young Academy Fellows des Jahrgangs 2020 der Akademie der Wissenschaften in Hamburg sehen in dem Format Science Comic eine hervorragende Möglichkeit, sich und ihre Forschungsthemen der Öffentlichkeit vorzustellen. Im Zuge des Projekts reflektieren sie die Rolle sequenzieller Kunst bei der Repräsentation, Verdichtung und Evaluation von Wissensbeständen.

 

Braintalk

Bettina Schwab (Neurowissenschaften)

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Assoziierte Publikationen:

  • Bettina C. Schwab, Jonas Misselhorn, Andreas K. Engel, Modulation of large-scale cortical coupling by transcranial alternating current stimulation, Brain Stimulation, Volume 12, Issue 5, 2019, Pages 1187-1196, https://doi.org/10.1016/j.brs.2019.04.013

Künstlerinnen: Veronika Mischitz (Konzept & Story; https://linktr.ee/verocomics), Anna Fuchs (Umsetzung)

Datum: 30.06.2021

Der Kommunikation im Gehirn auf der Spur

Nervenzellen in unserem Gehirn kommunizieren über elektrische Impulse. Über eine nichtinvasive Technik — das Elektroenzephalogramm (EEG) — können wir untersuchen, wie sich große Gebiete im Gehirn zueinander verhalten, wenn sie miteinander kommunizieren.

Oft schwingen diese Gebiete dabei phasengleich, sie synchronisieren sich. Ob eine solche Synchronisierung jedoch ursächlich an der Kommunikation beteiligt ist, und ob sie auch für die Symptome von Krankheiten verantwortlich sein kann, wissen wir noch nicht genau. Deshalb stimulieren wir das Gehirn von außen mit elektrischen Strömen. Dabei können wir zwei Gebiete des Gehirns gleichzeitig oder abwechselnd stimulieren und im EEG beobachten, ob sich die Gebiete dadurch synchronisieren. Mit diesem Setup kann dann untersucht werden, welchen Einfluss die Synchronisierung auf Kommunikation im Gehirn hat und insbesondere, ob es einen Zusammenhang zu den Symptomen neurologischer Erkrankungen gibt.

Reflexion

Véro Mischitz und Anna Fuchs fassen in diesem Comic einen Grundgedanken meiner neurowissenschaftlichen Arbeit allgemeinverständlich zusammen. Durch ihren Hintergrund in Biologie konnte sich Véro Mischitz fachlich einarbeiten und präsentierte verschiedene Herangehensweisen an die entsprechende Publikation. In regelmäßigen Abständen haben wir kritische Punkte und deren Darstellung diskutiert, beispielsweise auch ethische Aspekte der Hirnstimulation.

Die Zusammenarbeit war für mich eine ausgezeichnete Gelegenheit um zu reflektieren, wie meine Wissenschaft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, und zu welchen Missverständnissen es kommen könnte.

Colonial Man-Eaters

Stephanie Zehnle (Geschichtswissenschaften)

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Assoziierte Publikationen:

  • Stephanie Zehnle 2021: Colonial Man-Eaters. Secret Societies and Murder Trials in British Sierra Leone, Habilitationsschrift, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

  • Stephanie Zehnle 2018: The Liminal Youth between Town and Bush. Humans, Leopards and Initiation in Colonial West Africa. In: Clemens Wischermann / Aline Steinbrecher / Philip Howell (Hg.), Animal History in the Modern City. Exploring Liminality, London: Bloomsbury, S. 161–180. 10.5040/9781350054066.0015

  •  Stephanie Zehnle 2015: Der kolonialistische Comic. Die Genese des „Leopardenmannes“ und die Verbildlichung kolonialer Ängste. In: Closure 2 (Journal für Comicforschung), http://www.closure.uni-kiel.de/closure2/zehnle

Künstlerin: Birgit Weyhe (https://birgit-weyhe.de)

Datum: 18.06.2021

"Leopardenmänner" und koloniale Gerichtsmedizin

Anhand des Todesfalles des etwa 14-jährigen Kalfalla in Sierra Leone im Jahr 1911 wird erklärt, wie unterschiedliche Perspektiven und Deutungen dieses tragischen Unglücks kollidierten. Der Junge war während seiner Initiation in den Männerbund der Poro nachts getötet worden.

Die Schuldfrage wird dabei auch kulturell divergierend erklärt. Zwei etwa gleichaltrige Jungen übernachteten mit Kalfalla zusammen in der Hütte, als er getötet wurde. Einer der Jungen erklärte der Polizei gegenüber, dass er den Täter nicht identifizieren könne, die Väter der Jungen sie aber morgens dazu gedrängt hätten, den Tod einer Giftschlange zuzuschieben, um weitere Skandalisierungen zu vermeiden. Der andere Junge gab an, ein Leopard sei nachts in die Hütte eingedrungen und habe Kalfalla angegriffen.

Die koloniale Gerichtsmedizin widersprach einer 'natürlichen' Todesursache vehement und beharrte darauf, dass nur ein Mensch mit scharfen Gegenständen solche Verletzungen hervorbringen könne. Die christlichen Missionar*innen vor Ort ergriffen ihrerseits die Chance, die von ihnen verhassten indigenen Männerbünde "Poro" für diesen Mord verantwortlich zu machen. Bei der Initiation der Jungen in den Bund würden regelmäßig Kinder getötet und Teile ihrer Leichen in kannibalischen Ritualen verspeist. Schließlich konkurrierten sie darum, die Kinder in ihren jeweiligen Institutionen auszubilden und an sich zu binden. Mit ihrer Abschreckungspropaganda versuchten sie also einerseits die kolonialjuristische Kriminalisierung aller indigenen Geheimgesellschaften zu beschleunigen und andererseits die Eltern der sierra-leonischen Kinder gegen die Poro aufzubringen.

Widersprüchliche Deutungen trafen aber nicht nur zwischen Kolonialisierenden und Kolonisierten aufeinander, sondern auch innerhalb der Familien und Dorfgemeinschaften. Kalfallas Vater konnte keine Auskunft zum Angreifer machen, da er nicht in der Hütte übernachtet hatte. Da er von der Kolonialjustiz und seinem der Mittäterschaft beschuldigt wurde, verteidigte er sich aber vehement. Er habe die Jungen nur deshalb schutzlos in einer Hütte übernachten lassen, weil er während der Initiation nicht auf ihre Arbeitskraft auf den Feldern verzichten konnte. Der ökonomische Druck der britischen Steuerpolitik war seit 1896 immens geworden, aber die Poro verlangten von den Eltern, ihre Kinder für die Initiation über Wochen oder gar Monate in großen Camps im Wald übernachten zu lassen. Aus diesem hatten die Väter der drei Jungen sie aber herausgeholt und stattdessen in relativer Dorfnähe – aber ganz allein – untergebracht. Kalfallas Mutter und andere weibliche Familienangehörige durften sich gar nicht dazu äußern. Ihnen blieb als Mitglieder des Frauenbundes Bundu jegliches Geheimwissen über die männliche Initiation versagt. Die schwarzen Hilfspolizisten aber, die meist aus anderen afrikanischen Kolonien oder der Karibik rekrutiert worden waren, verbreiteten Verschwörungstheorien über angeblich ritualmordende Poro-Gruppen.

Sie wirkten am Mythos von den "Leopardenmännern" mit, der über Hergés „Tim im Kongo“ eine dauerhafte Präsenz in Comic- und Popkultur erhielt. Die gut ausgebildeten afrikanischen Verteidiger aus den urbanen Zentren der Kolonie argumentierten als einzige im Gerichtssaal, dass Kalfallas Verletzungen wahrscheinlich von einer Raubkatze stammten. Der britische Richter glaubte ihnen nicht, wohl aber der Theorie der „Leopardenmänner“. Zwei Väter der Jungen erhielten von ihm daher die Todesstrafe und ein führender Poro lebenslange Haft. Der Fall erklärt die komplexen Zusammenhänge von ökonomischer, ökologischer, religiöser und juristischer Kolonialisierung an einem konkreten Beispiel.

Reflexion

Durch diesen Wissenschaftscomic wollten wir Auszüge aus meiner gleichnamigen Habilitation zur afrikanischen Geschichte darstellen.

Dabei war es mir wichtig, dass die Darstellung der afrikanischen Akteurinnen ohne Rückgriffe auf diffamierende Stereotypen auskommt. Birgit Weyhe hatte sich künstlerisch bereits intensiv mit der Geschichte deutsch-afrikanischer Beziehungen beschäftigt und zu einem diskriminierungsfreien und nicht-rassistischen Stil gefunden. Daher schlug sie vor, die Panels jenseits kolonialer Hierarchien zu ordnen, auch wenn diese Machtgefälle zeitgenössisch vorhanden waren und bis heute fortwirken. Zwar habe ich mit Birgit Weyhe koloniale Fotografien rund um die Mordprozesse gesichtet – etwa von Gefängnissen, Poro-Tänzen, Missionsschulklassen usw. –, aber uns war bewusst, dass sie nur Informationen zu visuellen Details wie etwa zeitgenössischer Kleidung, Haartracht oder Landschaft verschiedener Milieus geben können, wohingegen die typische Anordnung mit weißen Männern (und Frauen) in erhöhten Positionen und Schwarzen in erniedrigter Körperhaltung auf historischen Fotos keinesfalls zu kopieren war. Auch die kolonialistische Ordnung mit einzelnen Weißen als Individuen und großen anonymen Gruppen von Schwarzen galt es zu vermeiden.

Die gleichberechtigte Darstellung der Akteurinnen in je einem Panel als Portrait versucht diese visuellen Ordnungen der Kolonialzeit zu vermeiden. Die Anordnung kann so zwar klassisch von links nach rechts und von oben nach unten gelesen werden. Es geht jedoch auch anders. Das Tableau zeigt kein festes narratives Muster, sondern kann – abgesehen von klar konturiertem Anfang und Ende – auch der Flexibilität von Online-Lesepraktiken entsprechend in ganz unterschiedlichen Reihenfolgen sowie auch unvollständig gelesen werden. Dieses Vorgehen visualisiert die Multiperspektivität, die ich historisch jenseits einer klar binären Dichotomie von Kolonialmacht versus Kolonisierte rekonstruiert habe. Ebenfalls kann so eine Dynamik der kolonialjuristischen Eskalation verbildlicht werden und dennoch die konfuse Gleichzeitigkeit verschiedener historischer Stimmen und Deutungen in einem Maß von Ausdrucksstärke bestehen bleiben, wie es mit einer wissenschaftlichen Textarbeit wie meiner Habilitation, die einem linearen Textfluss folgt, gar nicht möglich ist.

Für mich war es auch ein Anliegen, dass die Gewalt unabhängig von Täterschaft gezeigt wird, gerade weil die Kolonialarchive und die Kolonialpropaganda sie tabuisierten. Nur auf diese Weise wird klar, wie eine koloniale Gesellschaft, die durchaus mit dem Sterben vertraut war, durch den gewaltsamen Tod von Kindern wie Kalfalla derart aus den Fugen geraten konnte. Und nur dadurch wird visuell klar, wie die Kolonialmacht die schockierende Gewalt durch ihre Rolle als Richter noch vervielfachte und daher Verschwörungstheorien unabsichtlich weiter befeuerte. Birgit Weyhe hat für diese Panels einen respekt- und pietätvollen Weg gefunden.

Philosophie der Quantengravitation

Niels Linnemann (Philosophie der Physik und Wissenschaftstheorie)

➟ Download von "Philosophie der Quantengravitation"

Assoziierte Publikationen:

  • Linnemann, Niels: Non-empirical robustness arguments in quantum gravity. Studies of History and Philosophy of Modern Physics (2020). doi: 10.1016/j.shpsb.2020.06.001

  • Linnemann, Niels: On the empirical coherence and the spatiotemporal gap problem in quantum gravity — and why 
    functionalism does not (have to) help. Synthese: SI Spacetime Functionalism (2020). doi: 10.1007/s11229-020-02659-3

  • Linnemann, Niels & Visser, Manus: Hints toward the emergent nature of gravity. Studies of History and Philosophy of Modern Physics (2018). Doi: 10.1016/j.shpsb.2018.04.001

  • Crowther, Karen & Linnemann, Niels: Renormalizability, fundamentality, and a final theory: The role of UV-completion in the search for quantum gravity. The British Journal for the Philosophy of Science (2017). Doi: 10.1093/bjps/axx052

Künstler: Moritz Stetter (https://www.moritz-stetter.de)

Datum: 31.05.2021

Wie eine physikalische Theorie konstruieren?

Der Comic führt in die zentrale Problematik ein, die in meiner Doktorarbeit zur Philosophie der Quantengravitation behandelt wird: Welche Methoden werden und sollten in der Konstruktion einer physikalischen Theorie ohne (direkte) empirische Daten - wie es für die Entwicklung von Quantengravitationstheorien der Fall ist - angewandt werden?

Reflexion

Nach einigen ersten Gesprächen zur Philosophie der Quantengravitation kristallisierte sich heraus, dass vieles in meiner Arbeit mit sehr starken Bildern verknüpft war - die Schwierigkeit in der Anfertigung des Comics bestand daher vor allem darin, für den Außenstehenden interessante Bilder auszuwählen und in einen eindrucksvollen Zusammenhang zu bringen.

Relativ früh drängte Moritz auf eine nicht-lineare Struktur für den Comic. Als große Klammer für die einzelnen Bilder bot
sich der Urknall und die seit diesem stattfindende Expansion des Universums an (schließlich erwartet man sich von einer Theorie der Quantengravitation Aufschluss über die Natur des Urknalls). Der Urknall selbst wird durch eine atomare Struktur dargestellt, was betont, dass die Quantenmechanik zu seiner Beschreibung eine große Rolle spielt. Zudem haben wir uns die Freiheit genommen, den Expansionstrichter auch gleichzeitig - von innen aus betrachtet - als schwarzes
Loch umzudeuten, das genauso wie der Urknall mit einer Raumzeitsingularität verknüpft ist, deren Natur wohl erst durch eine Theorie der Quantengravitation geklärt werden wird.

Was trägt die Ethik zur Bearbeitung von gesellschaftlichen Konflikten bei?

Hermann Diebel-Fischer (Ethik)

Das Für und Wider rund um den Bau eines Windparks

Der Comic stellt den Beitrag der Ethik zur Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte dar: Anhand des Konflikts um die Erbauung eines Windparks zu Forschungszwecken vor einer Küste werden die Argumente der Befürworter*innen und Gegner*innen gegenüberstellt. Nach der Habermas’schen Theorie, dass das bessere Argument sich unter den Bedingungen eines idealisierten, herrschaftsfreien Diskurses, sollte ein Konflikt über Anwendung der Vernunft beigelegt werden können. Stattdessen weisen Konflikte bisweilen Prämissen in ihren Strukturen auf, die sich nicht auf rationalem Wege aufbrechen lassen. Die Aufgabe der Ethik besteht hier zunächst in einer Beschreibung des Konflikts und seiner Bedingungen, um die beteiligten Parteien im Austausch zu halten. Ethik wirkt hier moderierend, was sie nicht unbedeutend macht, sondern die Beteiligten dazu befähigt, verfahrene Situationen als solche zu erkennen und so damit umzugehen, dass ein gesellschaftlicher Zusammenhalt trotzdem möglich bleibt.

Reflexion

Ein geisteswissenschaftliches Thema visuell auf einer Seite so zu veranschaulichen, dass das Ergebnis in seiner gebotenen Kürze fachlich vertretbar ist, stellte sich für mich als große Herausforderung dar. In einer eher textlastigen Wissenschaft wie der Theologie und der Ethik geht es gerade darum, sehr genau zu explizieren, worum es geht – dies in Form eines Wissenschaftscomics abzubilden erschien mir unmöglich, weswegen ich für die Anregung von Simon Schwartz sehr dankbar war, einen sehr speziellen, gleichwohl auch exemplarischen Fall der angewandten Ethik zu nutzen. Am Ende fiel die Wahl auf das stark abstrahierte und zugespitzte Windkraft-Beispiel, da sich so ein gesellschaftlicher Konflikt pointiert darstellen lässt, zudem aber auch von einer Metaebene auf diesen Konflikt geblickt werden kann. Es kam mir darauf an, dass deutlich wird, was Ethik gerade nicht ist, nämlich das Entscheiden von Konflikten. Anhand von Stichwörtern und Textteilen, die ich lieferte, hat Simon Schwartz den Comic in seiner vorliegenden Form erstellt. Es ist ihm hervorragend gelungen, die verschiedenen Ebenen, von denen ein solcher Konflikt betrachtet werden kann, graphisch umzusetzen.

Umweltschutz im bewaffneten Konflikt

Anne Dienelt (Rechtswissenschaften)

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Assoziierte Publikationen:

  • Dienelt, Armed Conflicts and the Environment: Complementing the Laws of Armed Conflict with International Environmental Law and Human Rights Law, Dissertation, Georg-August-Universität, Göttingen, 2019
  • Dienelt/Oeter, Die Prinzipien der UN Völkerrechtskommission zu „Schutz der Umwelt in Bezug auf bewaffnete Konflikte“ – Eine Erweiterung des Schutzes der Umwelt ohne Änderung des humanitären Völkerrechts?, 143-162, in: Hofmann/Malkmus (Hrsg.), 70 Jahre Genfer Konventionen - Stand und Perspektiven des humanitären Völkerrechts, 2021

Künstlerin: Marlin Beringer (www.leaf-imp.de)

Datum: 31.05.2021

Wie die Umwelt juristisch schützen

Die "natürliche Umwelt" ist im bewaffneten Konflikt durch das humanitäre Völkerrecht geschützt und darf grundsätzlich nicht direkt angegriffen werden. Unterstützend wird die Umwelt im Krieg auch durch einzelne Verträge im Umweltvölkerrecht und einige Menschenrechte geschützt. Das genaue Verhältnis der Verträge und Rechte aus humanitärem Völkerrecht, Umweltvölkerrecht und Menschenrechten gilt es näher zu untersuchen.

Der explizite Schutz der Umwelt im bewaffneten Konflikt wurde erst nach dem Vietnamkrieg in das 1. Zusatzprotokoll zu den Genfer Konventionen aufgenommen. Dieser Schutz ist sehr vage gehalten, so dass zur Klärung einzelner Rechtsfragen in diesem Zusammenhang andere Rechtsgebiete des Völkerrechts, wie bspw. das Umweltvölkerrecht oder Menschenrechte, unterstützend herangezogen werden können. Methodisch gestaltet sich dieses Zusammenspiel mehrerer Völkerrechtsgebiete als komplexe Herausforderung mit zahlreichen Begrenzungen in der praktischen Anwendung. Daher wurde im Rahmen des Promotionsprojektes ein Ansatz entwickelt, welcher über die aktuell bestehenden Harmonisierungsmethoden verschiedener Völkerrechtsgebiete hinausgeht.

Reflexion

Die gemeinsame Erarbeitung des Comics war in vielerlei Hinsicht sehr erkenntnis- und lehrreich! Ausgangspunkt waren einige meiner Veröffentlichungen zu der Thematik, welche ich der Künstlerin Marlin Beringer zur Verfügung gestellt habe. Sie hat sich mit diesen Unterlagen in das Thema eingearbeitet und anschließend mit mir ihr Verständnis meiner Disziplin, des Themas und auch meines Lösungsansatzes besprochen. Dadurch hatte ich zum einen die Möglichkeit zu erfahren, wie eine fachfremde Person (Marlin Beringer ist nicht Juristin) meine Texte, welche für ein Fachpublikum geschrieben wurden, versteht und interpretiert. Zum anderen hat sie hat auch direkt Bilder mit meinen Texten assoziiert und konnte diese für eine erste Skizze des Comics nutzen. Dieses bildliche Denken ist sicherlich ein Werkzeug, welches ich zukünftig auch im Zuge meiner Arbeit in Forschung und Lehre mehr einsetzen werde.

Bilder veranschaulichen Themen und Probleme nicht nur für Laien. Auch einem Fachpublikum kann dadurch der Einstieg in ein Forschungsprojekt oder Themenfeld vereinfacht werden. Im Ergebnis haben wir uns entschieden, den Comic zum Einstieg in die Problematik zu nutzen. Die von mir ausgearbeiteten Lösungsansätze werden letztendlich nur in einem Comic Panel kurz in Form einer Forschungsfrage angesprochen. Da eine Ausstellung der Wissenschaftscomics geplant ist, können diese Ansätze dann im direkten Gespräch mit Leser:innen diskutiert werden. Ich kann den Comic aber auch genauso für meine Lehre an der Universität verwenden und ihn als Themeneinstieg und Diskussionsvorlage mit Studierenden nutzen.

Das finale Panel spricht die Leser:innen direkt an: Nicht nur Staaten und Wissenschaft können und sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen, jede:r Einzelne kann Druck auf Staaten erzeugen und sich für einen besseren Umweltschutz im Krieg einsetzen. Mir persönlich hat diese direkte Ermutigung von einzelnen Personen sehr gut gefallen, auch wenn dies in wissenschaftlichen Texten eher unüblich ist. Es wird dadurch aber klar, dass durch den Comic auch eine Sensibilisierung für die Thematik entsteht und dies nicht nur der Information, sondern auch der Motivation der Gesellschaft dient. Das wichtige Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft wird damit angeschnitten, und genau darum geht es meines Erachtens auch bei Wissenschaftskommunikation.

Ethische Innovation mit KI

Christian Herzog (Technikethik)

➟ Download von "Ethische Innovation mit KI"

Assoziierte Publikationen:

Künstler: Hamed Eshrat (https://www.eshrat.de)

Datum: 17.06.2021

Von "Ethik-washing" und Habermas, von Moral und KI

Der Ethical Innovation Hub der Universität zu Lübeck arbeitet daran, die Berücksichtigung ethischer und gesellschaftlicher Aspekte in den technologischen Entwicklungsprozess zu integrieren und damit sichtbar und systematisch produktiv zu machen. Im inhaltlichen Fokus steht derzeit der Transfer der Methoden der Künstlichen Intelligenz in die vorwiegend medizintechnische Anwendung.

Diese Integration bewegt sich in dem Spannungsfeld, "Ethik" sowohl in effektiver und effizienter Weise operationalisierbar zu machen und somit auch als eine Art „Treiber“ von Innovationen zu verstehen, gleichzeitig aber auch die kritische Distanz geisteswissenschaftlicher Reflexion nicht zu verleugnen. Der Ethical Innovation Hub sieht es daher als seine Aufgabe, ethische Bedenken in ein positiv konstruktives Milieu zu wandeln, welches nicht im Sinne eines „Ethics-Washing“ für Marketingzwecke vereinnahmt werden darf. Die Integration muss also im beiderseitigen offenen Austausch und in einer vertrauensvollen interdisziplinären Zusammenarbeit erfolgen. Die ideale Sprechsituation nach Habermas stellt dafür ein gutes, zum Teil aber auch unerreichbares Leitbild dar: Partizipative Ansätze sollen Zeit und Raum für die Ausbildung von Empathie in einer Gruppe bilden, in der Machtgefälle neutralisiert sind und alle Akteure in Offenheit und Transparenz, d.h. ohne strategische Einflussnahme, miteinander auf der Suche nach dem überzeugendsten Argument lösungsorientiert diskutieren.

In diesem Sinne stehen wir dafür, beispielsweise die moralische Komponente vertrauenswürdiger KI-Systeme zu thematisieren, die jenseits von Verlässlichkeit und robuster technischer Realisierung auch Aspekte berücksichtigt, die im assoziierten sozio-technischen Gesamtsystem relevant sind: Fairness, Kooperation, Kommunikation, Empathie etc. Konstruktiv wird dies, wenn zum Beispiel sogenannte erklärbare KI-Systeme nicht nur die Erklärbarkeit im Kontext der Regulatorik berücksichtigen, sondern auch die soziale Funktion von Erklärung im Anwendungskontext ebenso wichtig ist.

Reflexion

Die Erstellung eines Wissenschaftscomics zu der Arbeit des Ethical Innovation Hubs ist in mindestens zweierlei Hinsicht produktiv. Zum einen visualisiert das Comic die thematische Ausrichtung und den Kooperationsansatz der Arbeitsgruppe. Zum anderen wird das Comic dadurch auch ein Teil der Arbeit im Ethical Innovation Hub selbst, da ein nicht unerheblicher Anteil des zeitlichen Aufwandes darin besteht, eine vertrauensvolle Grundlage für eine Zusammenarbeit im Sinne einer Befähigung zur ethischen Reflexion zu schaffen. Der Ethical Innovation Hub versteht sich nicht als Dienstleister für die ethische Bewertung von Entwicklungs- und Innovationsprozessen, sondern vielmehr in der Bestärkung von Entwicklungsteams, die eigenen Visionen und Wertvorstellungen kritisch und systematisch zu hinterfragen und den Wert der Partizipation sogenannter anderer Stakeholder in der eigenen Entwicklungsarbeit zu erkennen. Auf ganz ähnliche Weise spiegelt das Comic auch den Prozess der Erstellung wieder. Der Dialog über die Forschungs- und Arbeitsinhalte des Ethical Innovation Hub mit dem Künstler Hamed Eshrat entwickelte sich im Rahmen einer Reihe von einzelnen Zwiegesprächen, die ein zunehmend klareres Bild erzeugten. In fast journalistischer Manier stellte Herr Eshrat kritische Fragen zu Hindernissen und Schwierigkeiten, zu Erfolgsmessungen und Leitprinzipien, sowie nicht zuletzt zum zugrundeliegenden Ethikverständnis. In der angewandten Ethik muss dieses zwangsläufig auch trotz der Formulierung klarer Ideale wider des Dogmas einer rein auf Zuverlässigkeit fokussierten Technikgestaltung zu offenen Enden führen. Mit einem solchen schließt auch das Comic.

Das Haus und seine Abfälle: London um 1750

Franziska Neumann (Geschichtswissenschaften)

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Assoziierte Publikationen:

  • The Realm of Cloacina? Excrement in London’s Eighteenth-Century Waste Regime, in: German Historical Institute London Bulletin [im Erscheinen];

  • E is for Excrement, in: Wastiary. Think Pieces. Institute for Advanced Studies, UCL London [im Erscheinen];

  • Entscheidend ist, was hinten raus kommt – Die Sitzung auf dem stillen Örtchen, in: Zeitschrift für Ideengeschichte [im Erscheinen]

Künstler: Simon Schwartz (https://www.simon-schwartz.com)

Datum: 19.05.2021

Stoffkreisläufe und Abfallwirtschaft früher

Der Comic visualisiert mein aktuelles Forschungsprojekt zu Abfällen in vormodernen Großstädten im 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt des Comics steht ein typischer Londoner Haushalt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Stilistisch als Wimmelbild angelegt, zeigt der Comic, welche Arten von Abfallstoffen im Haus anfielen: von Exkrementen, über Heizreste und zerbrochenes Geschirr bis hin zu Kochresten. Zugleich greift der Comic auf einer zweiten Ebene auf, in welche Stoffkreisläufe und Abfallökonomien Haushaltsabfälle eingebunden waren.

Reflexion

Mir war es besonders wichtig, gemeinsam mit Simon Schwartz einen Comic zu entwickeln, den ich in verschiedenen Formaten (etwa im Rahmen von Vorträgen) zur Visualisierung meiner Arbeit nutzen kann. Daher haben wir uns sehr schnell darauf geeinigt, nicht meine Person, sondern die Inhalte meiner Forschung in den Mittelpunkt zu rücken.

Die offene Gestaltung des Comics erlaubt es mir, den Comic je nach Bedarf etwa zur visuellen Unterstützung in Vorträgen einzusetzen, und auf verschiedene Aspekte von häuslichen Abfällen in der frühneuzeitlichen Stadt zu fokussieren.