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„Akademien müssen die Pluralität der Perspektiven kommunizieren“

Veranstaltungsbericht zur Podiumsdiskussion im Rahmen des Festkolloquiums „Wissenschaft für die Gesellschaft“ am 16. Oktober 2025

Wie kann sich das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft produktiv gestalten? Welche Erkenntnisse und welche Kommunikationsformate der Wissenschaft befördern eine informierte und demokratische Gesellschaft? Welche Rolle spielen dabei Medien und Politik, Gesetze und Akademien? Diese und eine Reihe weiterer Fragen rund um das Thema „Wissenschaft für die Gesellschaft“ beleuchtete die Podiumsdiskussion am 16. Oktober 2025 kritisch und auch kontrovers. Das Festkolloquium anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Akademie der Wissenschaften in Hamburg eröffnete ein Begrüßungsgespräch mit Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal, mit Prof. Dr. Tilo Böhmann, Vizepräsident der Universität Hamburg, und Akademiepräsident Prof. Dr. Mojib Latif. Es folgten Impulsvorträge von Wissenschaftsphilosoph Prof. Dr. Martin Carrier, von Makrosoziologe Prof. Dr. Steffen Mau und von Prof. Dr. Bettina Rockenbach als Präsidentin der Leopoldina zum Thema „Wissenschaft für die Gesellschaft“. Anschließend bat Wissenschaftsjournalist und Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky zur Podiumsdiskussion.

Es diskutierten:
• Prof. Dr. Martin Carrier, Seniorprofessor für Wissenschaftsphilosophie, Universität Bielefeld; Impulsvortrag: „Zur Legitimität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in der sozialen Arena“ – abrufbar als Podcast und als Video

• Prof. Dr. Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie, Humboldt-Universität zu Berlin, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen (Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“); Impulsvortrag „Wissenschaft und Öffentlichkeit in der Krise?“ – abrufbar als Podcast und als Video

• Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina; Impulsvortrag „Wie können wir die Legitimation unabhängiger wissenschaftsbasierter Politik- und Gesellschaftsberatung stärken?“ – abrufbar als Podcast und als Video

Moderation: Dr. Jan-Martin Wiarda, Journalist für Bildung und Wissenschaft 

➤ Begrüßungsgespräch, abrufbar als Podcast und Video

➤ Podiumsdiskussion, abrufbar als Podcast und Video

Lehren aus der Pandemie und dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik

Zum Einstieg in die Podiumsdiskussion griff Moderator Dr. Jan-Martin Wiarda die Kritik auf, die Prof. Dr. Martin Carrier im Anschluss an seinen Impulsvortrag „Zur Legitimität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in der sozialen Arena“ geäußert hatte: Die strengen Maßnahmenempfehlungen der Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina Ende November 2021, um die Corona-Pandemie einzudämmen, diese Maßnahmen seien deutlich zu weit gegangen. Direkt angesprochen, erinnerte Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Leopoldina-Präsidentin seit März 2025, an die damals neue und bedrohliche Situation, in der Forschende um Orientierung gebeten worden seien. „Wir haben sicherlich alle noch die Bilder im Kopf von den Leichenwagen, die da in Italien standen“, sagte Rockenbach. „Es war klar, es ist ein Problem, wofür die Wissenschaft einen Beitrag leisten kann. Und da müssen wir uns dann fragen, was ist das richtige Maß an dieser Stelle?“ Gerade wenn die Entwicklung dynamisch und unübersichtlich ist, könne man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, gar nichts zu sagen, bis genügend Erkenntnisse vorliegen. Das sei ein ernster Konflikt, betonte Rockenbach. „Wenn wir uns zu wenig äußern, ist es falsch. Wenn wir uns zu viel äußern, ist es auch falsch. Wir müssen irgendwie die Mitte finden.“ 

Die Politik solle die Wissenschaft konkret beauftragen, lautete die Empfehlung von Martin Carrier für solche konkreten Situationen. „Ich bin ein großer Fan von alternativen Politik-Paketen: Also wenn Ihr die Menschenleben priorisiert, dann raten wir dieses, wenn Ihr eine gleichgewichtige Behandlung von Wirtschaft und der psychologischen Integrität der Jugend einbezieht, dann vielleicht eher dieses.“ Makrosoziologe Prof. Dr. Steffen Mau merkte mit Blick auf die Stellungnahmen in der Corona-Pandemie an, dass es keine öffentliche Debatte zum fehlenden Fächerspektrum gegeben habe. Wenn er sich die Disziplinen anschaue, „die daran beteiligt gewesen sind, dann waren das, glaube ich, ein oder zwei Leute aus den Sozialwissenschaften und ein Bildungsforscher, den ich kenne. Wenn man das institutionell weiter aufgefächert hätte und auch über die Fächer hinweg, wäre mehr Kompetenz reingekommen.“ Schließlich seien das alles „Mosaiksteinchen, die man zusammenlegen muss“. Wie es gelaufen ist, sei es für ihn „ein Versagen der Wissenschaft“ gewesen. Doch: „Wir können sehr, sehr viel aus dieser Pandemie und dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik lernen.

Forschungsdatengesetz „extrem wichtig“

Problematisch sei damals der „enorme statistische Blindflug“ gewesen, so Mau. „Wer infiziert sich wo, in welchen Schichten, in welchem Wohnviertel? Ist das die Kassiererin? Sind das die Kinder? Das hätte man relativ leicht durch ganz normale sozialwissenschaftliche Survey-Forschung erfassen können.“ Für solche und ähnliche Forschungsfragen bräuchte es mehr empirische Daten, unterstrich Bettina Rockenbach. Das sich in Arbeit befindende Forschungsdatengesetz sei „extrem wichtig“, so „dass wir Daten für die Forschung haben und dass wir auch Daten verknüpfen können“. Etwa die Gesundheitsdaten mit den sozioökonomischen Daten.

 

Auf verschiedene Köpfe aus der Wissenschaft zu setzen gelte auch für die Wissenschaftskommunikation in Richtung Politik und Medien, betonte Steffen Mau. Die Pluralität der wissenschaftlichen Zugangsweisen und der Methodiken zu kommunizieren solle „für uns eine Selbstverpflichtung“ sein, so Mau. Hier käme den Wissenschaftsakademien eine wichtige Rolle zu, damit die „Pluralität dieser Perspektiven nicht in dem Prozess des Übermittelns an die Politik verloren geht“. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssten mehr dafür einstehen, „dass wir disziplinär vielfältig sind“.

Bettina Rockenbach pflichtete Mau bei. Die Rolle der Akademien sieht die Leopoldina-Präsidentin darin, „dass man dann in der breiteren Vielfalt auch der Disziplinen, die vertreten sind, diese Erkenntnisse aggregieren kann. Wir machen keine eigene Forschung, sondern nehmen die Expertise unserer Mitglieder und führen die über die unterschiedlichen Disziplinen zusammen und bilden daraus dann ein neues Gesamtbild.“

Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier verwies in diesem Zusammenhang darauf, wie der Kommunikationsprozess innerhalb der Wissenschaft grundsätzlich laufe, gerade in der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung: „Am Anfang, wenn ein neues Feld erschlossen wird, dann gibt es ganz viel Kontroverse. Und das ist genau das Richtige. Das ist das, was die Leute natürlich machen müssen, die müssen sich dem Problem aus verschiedenen Perspektiven nähern.“ Typischerweise stelle sich im Laufe der Zeit einer dieser Zugänge als in allen möglichen Hinsichten überlegen heraus. „Also wir haben so eine automatische Konsensentwicklung. Da spielt sich immer das Spezifische der Grundlagenforschung ab und das ist dann der Streit in den Journals.“ Den nehme niemand außerhalb der Wissenschaft wahr. In den gesellschaftlich relevanten Wissenschaftsbereichen aber:,„da gucken die Leute auf den Prozess, und das ist erst mal schädlich“.

Wissenschaftliche Evaluation folgenlos geblieben

Ernüchtert zeigte sich Soziologe Steffen Mau mit Blick auf die geringen Folgen, die Politikberatung nach sich zieht: Er habe erfahren, dass selbst aufwendige Evaluationsverfahren „folgenlos“ geblieben sind. „Wir haben vor vielen Jahren mal alle familienpolitischen Leistungen evaluiert. 56 an der Zahl, ein unglaubliches Wirrwarr und kompliziertes System. Da sind Daten erhoben worden, ökonometrische Analysen gemacht worden. Da gab es ein Interesse der Politik, das zu machen. Auch die Empfehlungen sind völlig folgenlos geblieben. Das ist für die Politik natürlich ein Risiko, wenn sie sagt: ‚Wir machen jetzt evidenzbasierte Politik!‘ Und dann stellt sie fest, dass ihre Handlungszwänge so enorm sind, dass sie das gar nicht mehr umsetzen können.“ Die gleiche Erfahrung hat Mau als Mitglied im Sachverständigenrat für Migration und Integration gemacht: „Wir haben da regelmäßig Papiere und Jahresgutachten geschrieben, aber der Effekt auf die Politik war extrem gering, weil das die Handlungsspielräume natürlich verengt. Also selbst mit guten Absichten ist Politik nicht ohne Weiteres in der Lage, den Schalter umzulegen. Und das führt dann dazu, dass man bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse links liegen lässt.“

Auch wenn auf politischer Ebene wissenschaftliche Erkenntnisse nicht sofort zu Kurs-Korrekturen führten, Wissenschaft müsse Interesse einfordern, sagte Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach. Etwa mit Blick auf die alternde Gesellschaft: Ob Gesundheitsversorgung und Pflegesituation der Zukunft – das müsse „im größeren Kontext“ betrachtet werden, nicht nur aus medizinischer Perspektive „Das interessiert uns, das muss uns interessieren“, so Rockenbach. Hier bekäme die Rolle der Medien Gewicht: „Im Idealfall sind die Medien natürlich ein Vehikel, mit dem wir auch die Dinge in die Öffentlichkeit transportieren können.“ Ideal sei auch, wenn Medien eine Übersetzungsarbeit leisteten. Zugleich weiß Bettina Rockenbach aus eigener Erfahrung, dass selbst inhaltlich gut geschriebene Artikel mit unpassenden Überschriften erschienen, die um Aufmerksamkeit heischen. Als problematisch betrachtete das Podium eine falsche Balance, eben wenn in den Medien eine wissenschaftliche Mindermeinung gleichwertig neben der Position steht, die breiten wissenschaftlichen Konsens findet, wie es immer mal wieder etwa beim Thema „Menschengemachter Klimawandel“ zu beobachten sei.

Demokratie durch Wissenschaftskommunikation retten?

Wissenschaftskommunikation gilt vielerorts als Zaubermittel. Moderator Jan-Martin Wiarda fragte entsprechend zugespitzt, ob auch die Demokratie durch Wissenschaftskommunikation zu retten sei? Gesellschaftswissenschaftler Steffen Mau berichtete, dass es tatsächlich eine „enorme“ Nachfrage gäbe. „Jeder will natürlich wissen: Wo kommt der Rechtspopulismus her? Was sind die Gründe? Was kann man dagegen machen?“ Das seien oft gestellte Fragen. „Solchen Erwartungen kann man sich gar nicht entziehen. Und man muss sich auch an der öffentlichen Kommunikation beteiligen.“ Auch wenn die Forschung zu Polarisierungsfragen sicherlich noch fünf Jahre Zeit bräuchte, findet Mau es wichtig, „trotzdem in bestimmte gesellschaftliche Debatten einzugreifen“. Aktuell habe man auch nicht die Zeit, sich in die Forschung zurückzuziehen. Der „Zeitdruck“ sei angesichts der Fülle der gesellschaftlichen und geopolitischen Krisen da: „Diesen Zeitdruck kann die Wissenschaft nicht ignorieren“, so Mau.

„Wissenschaft gebrauchter denn je“

Moderator Jan-Martin Wiarda wies daraufhin, dass hinter vorgehaltener Hand manche meinen, „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hätten nicht zu sehr politisieren sollen“. Die Fülle der Veränderungen und Umbrüche seit ein paar Jahren sei sehr groß, entgegnete Bettina Rockenbach, da sei so ein Vorwurf schwierig. Denn: „Eine Aufgabe der Wissenschaft ist zum einen natürlich zu sagen: ‚Was passiert um uns herum?‘“. Mit Blick etwa auf die Klimakrise unterstrich sie zudem, „dass wir als Wissenschaft, wenn wir auf diese Dinge reagieren, dann versuchen sollten, nicht in eine Art Alarmismus zu verfallen: ‚Das ist jetzt alles schlecht und es wird katastrophal‘, sondern auch die Wissenschaft sollte versuchen, einen positiven Lichtblick am Ende zu setzen. So dass man sagt: ‚Es ist alles wahnsinnig komplex, aber wir tun das Beste, um Euch allen zu helfen, die Dinge in den Griff zu kriegen.‘ Das ist natürlich etwas, wo die Wissenschaft extrem gefragt ist, genau in solchen komplexen Situationen zu versuchen, einen Weg zu weisen. Von daher, glaube ich, ist die Wissenschaft gebrauchter denn je.“

In der Corona-Zeit sei „Wissenschaft als Partei“ wahrgenommen worden, daher rühre die Wahrnehmung einer Politisierung, ergänzte Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier. Zugleich sei er ratlos und fassungslos, was im Internet passiere, woher etwa der „kurzsichtige Egoismus“ stamme, der „von der Realität losgelöste“ Debatten bestimme. Soziologe Steffen Mau wies auf die nicht vorhandenen journalistischen Standards der digitalen Plattformen hin. Hinzukomme ein „Rückgang der Qualitätsmedien“, auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk werde weniger genutzt, dafür eben soziale Medien, „die nach ganz anderen Aufmerksamkeitsökonomien funktionieren. Eben als Affektgeneratoren, wo man eben auch sehr zugespitzte, sehr emotionalisierte Botschaften besser absetzen kann als andere. Da gibt es ein Aufmerksamkeits-Bias und das führt dazu, dass man nur noch mit bestimmten Botschaften durchdringen kann.“ Dem gegenüber stehe „die stille Mitte. Also die Leute, die sagen ‚sowohl als auch‘, also die komplexe, widersprüchliche Situation einigermaßen gut aushalten können. Wenn sie einen Tweet absetzen und den ein bisschen ausdifferenzieren, dann ist er natürlich relativ erfolglos.“ Die Mechanismen, wie man durch Zuspitzung und Aggression Aufmerksamkeit bekommen kann, liegen laut Mau auf der Hand. „Die Frage ist, ob man in so einen Aufmerksamkeitswettbewerb überhaupt hineingehen sollte. Das ist so eine Art Wettrüsten der Emotionalisierung des Publikums. Und ich glaube, da kann man eigentlich nur verlieren.“

Potenzial kleinformatiger, dezentraler Veranstaltungen erkennen und nutzen

Mau selbst würde am ehesten zu einem „politischen Akteur in eigener Sache“ werden, um etwa die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen. „Da sollte man das tun. Bei anderen Aspekten sollte man Versachlichung und Nüchternheit und Differenzierung nach vorne stellen. Ich glaube, die Wissenschaft ist auch gut beraten, wenn sie sagt: ‚Wir gehen in Kontexte oder in Foren oder in Formate, wo wir auch erfolgreich kommunizieren können.‘ Ich mache ja unglaublich viele, auch kleinformatige Veranstaltungen, dezentrale Veranstaltungen in Mittelstädten oder in Kleinstädten oder im ländlichen Raum. Und da kommen auch viele Leute, die sind jetzt erst mal keine Wissenschaftsanhänger oder wissenschaftsaffin, aber es funktioniert, dort zu kommunizieren. Und ich glaube, dann sind wir vielleicht in solchen Face-to-Face-Interaktionen manchmal erfolgreicher als in diesen Affektgeneratoren.“

Nach der Diskussion mit dem Publikum im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek folgte eine Schlussrunde. Jan-Martin Wiarda frug das Podium: „Was ist in der aktuellen Situation und der nahen Zukunft die wichtigste Aufgabe von Wissenschaft?“ Martin Carrier glaubt, dass Sorgfalt eine noch größere Rolle spielen sollte und dass Wissenschaft mehr „Luft“ bekomme, um zu lösungsorientierten Vorschlägen vorzudringen. Bettina Rockenbach betonte: „Wissenschaft hilft, die Probleme, die wir haben, in den Griff zu bekommen. Ohne Wissenschaft wird es schwieriger und schlechter.“ Wichtig sei zudem mehr Zuversicht in der Wissenschaft und in der Gesellschaft, verbunden mit dem Glauben, „dass wir auch der Hebel sind, um diese Dinge alle irgendwie zum Guten in den Griff zu kriegen“.

 

Für Steffen Mau ist der entscheidende Punkt die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit: „Dass wir nicht teilnehmende Beobachter unserer Destruktion werden, wenn unsere Möglichkeiten eingeschränkt werden, freie Erkenntnis nicht mehr möglich ist. Und ich glaube, da müssen wir vielleicht auch so etwas wie einen Begriff der wehrhaften Wissenschaft entwickeln, wenn wir in dieser veränderten globalen Situation nicht untergehen wollen.“

„Wehrhafte Wissenschaft“ und Zuversicht als Ziele

Zum Auftakt des Festkolloquiums zum Thema „Wissenschaft für die Gesellschaft“ gab es statt Grußworte ein Begrüßungsgespräch, das der Wissenschaftsjournalist Dr. Jan-Martin Wiarda moderierte. Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal begeisterte sich für die Perspektiven, die Forschung eröffnet. „Deswegen ist ‚Wissenschaft für die Gesellschaft‘ genau das, was wir insbesondere in dieser heutigen Zeit brauchen, um Debatten konstruktiv einzuordnen.“ Denn: „Wenn wir der Wissenschaft mehr Raum in der Gesellschaft geben würden, auch in öffentlichen Debatten, dann wäre alles gut“, so Blumenthal.

Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg sei dabei ein „sehr wichtiges Puzzleteil“ in der gesamten Wissenschaftslandschaft. Kurz vor dem Festkolloquium hatte die Senatorin die Ausstellung der Akademie „Notwendig, nützlich, neu – Langzeitforschung in Hamburg“ im Ausstellungsraum der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky gemeinsam mit Akademiepräsident Prof. Dr. Mojib Latif eröffnet. Latif hatte dabei in seinem Eröffnungsvortrag herausgearbeitet, wie stark die Grundlagenforschung zum Kulturellen Erbe Fragen zu uns als Menschen beantwortet – Fragen wie: „Wo kommen wir her? Wie haben wir uns entwickelt? Und warum sind wir heute da, wo wir sind?“ Darauf Bezug nehmend, sagte Maryam Blumenthal: „Ich glaube, dass man die Antworten darauf braucht, um überhaupt weitermachen zu können und sich für die Zukunft gut aufstellen zu können. Von daher ist das ein sehr wertvoller Beitrag, der hier geleistet wird. Und wir sind als Stadt und der gesamte Senat ist sehr froh, dass wir die Akademie hier haben.“

Akademie als „sehr wichtiges Puzzleteil“ in der Wissenschaftslandschaft

Als Vizepräsident der Universität Hamburg hob Prof. Dr. Tilo Böhmann hervor, dass die Akademie für die Universität eine unverzichtbare Wertepartnerin sei – beispielsweise beim „Bespielen des Diskursraumes der Gegenwart“, wenn es um Themen gehe wie „echte Interdisziplinarität“ und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, oder bei den gemeinsam veranstalteten Academy Lectures für die Wissenschaftscommunity und die Öffentlichkeit. „Das sind alles Dinge, die wir natürlich als Universität sehr schätzen und teilen. Und deswegen stärkt die Arbeit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg den Wissenschaftsstandort und damit auch uns als Teil dieses Wissenschaftsstandortes.“

Akademiepräsident Prof. Dr. Mojib Latif schließlich hob im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda als markantes Merkmal der Akademie ihre Interdisziplinarität hervor und die damit verbundene Vielfalt. „Wir sind eine Akademie, die keine Klassen besitzt. Traditionelle Akademien sind aufgespalten in verschiedene Klassen, in verschiedene Fachrichtungen. Das sind wir nicht. Wir haben alle Kolleginnen und Kollegen sozusagen unter einem Dach aus allen Forschungsbereichen. Und das ist, glaube ich, eine unserer ganz großen Stärken, dass wir tatsächlich interdisziplinär arbeiten können“, so Latif. Das würden die Mitglieder und Young Academy Fellows sehr schätzen. Zudem entspricht dieser interdisziplinäre Ansatz bei der inhaltlichen Arbeit den Erfordernissen von Gegenwart und Zukunft. Denn: „Wir erkennen gerade in der heutigen Zeit, dass bestimmte Themen wie Corona oder Klimawandel tatsächlich nicht mehr disziplinär zu lösen sind.“ 

Das Begrüßungsgespräch endete ähnlich wie die Podiumsdiskussion mit einem Blick auf den Schutz der Wissenschaftsfreiheit. Akademiepräsident und Klimaforscher Mojib Latif mahnte: „Mit Wissenschaftsfeindlichkeit fängt es an, zum Beispiel bei der Leugnung des Klimawandels, und mit der Abschaffung von Demokratie und Freiheit hört es auf. Das muss unser gemeinsames Interesse sein, dem entgegenzuwirken.“

Dagmar Penzlin