Wie groß ist der Einfluss des Menschen aufs Klima? Diese Frage kann der Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif sehr gut beantworten, denn zu seinen Forschungsgebieten gehört insbesondere das Feld „Anthropogene Einflüsse auf das Klima“, also die Frage nach den menschlichen Einflüssen auf das Klimasystem.
Auf diese Frage geben wir Ihnen in der ersten Schlaglicht-Folge eine Antwort; es sind Auszüge aus dem Gespräch mit unserem Akademie-Mitglied Mojib Latif für unseren neuen Podcast, den ich Ihnen natürlich sehr ans Herz lege. Neben der Gesprächsfassung bieten wir Ihnen immer ein kurzes Schlaglicht auf ein zentrales Thema der langen Podcast-Fassung. Mein Name ist Dagmar Penzlin, ich bin Referentin für digitale Kommunikation an der Akademie der Wissenschaften in Hamburg: Hallo!
„Der Einfluss des Menschen auf das Klima, der ist heute wirklich dominant. Und es kommt ja nicht von ungefähr, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute schon vom sogenannten Anthropozän sprechen. Das heißt dem Zeitalter, in dem der menschliche Einfluss schon mindestens so groß, wahrscheinlich schon größer ist als der Einfluss der natürlichen Faktoren. Und das gerade im Klimabereich wirklich sehr, sehr ausgeprögt! Wenn wir uns die letzten Jahrzehnte ansehen, wenn wir uns die gigantische Erderwärmung angucken, dann ist die zu 90 Prozent menschengemacht. Natürliche Einflüsse scheiden praktisch aus.“
Die Menschheit verbrennt seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung viel Öl, Kohle und Erdgas. Das verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt. Durch ihn wird Wärmeenergie zur Erde zurückgestrahlt.
„Wir sind ja auf der Erde in der glücklichen Lage, dass wir so milde Temperaturen haben. Im Gegensatz zu unseren beiden Nachbarplaneten. Also auf der Venus – da herrschen Temperaturen von über 400 Grad. Das ist nicht lebensfreundlich. Und der andere Nachbar – das ist der Mars, das ist der ewige Kühlschrank. Das herrschen Temperaturen von ungefähr minus 50 Grad. Nur bei uns sind die Temperaturen relativ mild und lebensfreundlich – die liegen so bei plus 15 Grad im globalen Durchschnitt. Und das hat eben mit diesem Treibhauseffekt zu tun, weil es gibt so bestimmte Gase wie Wasserdampf, wie Kohlendioxid oder wie Methan. Die haben keinen großen Beitrag zur Atmosphäre, sind sogenannte Spurengase, die tragen weniger als ein Prozent zur Erdatmosphäre bei. Aber die beeinflussen das Klima; der Rest wie Sauerstoff und Stickstoff, die 99 Prozent der Erdatmosphäre ausmachen, die beeinflussen das Klima nicht. Und wir produzieren eben sehr viele Treibhausgase, vor allem indem wir Kohle verbrennen, indem wir Öl verbrennen, also die fossilen Brennstoffe. Und deswegen verstärken wir den Treibhauseffekt und deswegen wird es wärmer.“
Global betrachtet, hat sich die Erde mittlerweile auf rund 1,1 Grad Celsius erwärmt; laut Pariser Klimaabkommen von 2015 sollte die Weltgemeinschaft den Temperaturanstieg bei 1,5 Grad Celsius möglichst gestoppt haben. Es drohen sonst Kipppunkte: Etwa wenn das Grönlandeis komplett abschmilzt, könnte der Meeresspiegel um sieben Meter steigen. Wenn Kipppunkte erreicht sind, kommt es zu unumkehrbaren Prozessen. Wann genau das geschieht, ist nicht eindeutig und abschließend geklärt, betont Klimaforscher Mojib Latif.
„Wir wissen es nicht. Diese Prozesse, die mit dem grönländischen Eispanzer, mit der Antarktis zusammenhängen, die sind so kompliziert. Das sind ja kilometerdicke Eispanzer. Da können wir auch nicht einfach reingucken und sehen, was passiert da eigentlich. Und die große Gefahr ist eben, dass die durch das Schmelzwasser, was nicht direkt ins Meer fließt, sondern erstmal in den Gletscher, dass solche Gletscher gewissermaßen auseinanderbrechen und riesige Bruchstücke ins Meer kommen. Und da hätte man eben in kurzer Zeit relativ starke Meeresspiegelanstiege. Und da muss man ehrlich sagen: ‚Wir wissen es nicht, ob das jetzt wirklich passieren kann.‘ Wir wissen, es ist in der Vergangenheit passiert. Wir hatten die letzte Eiszeit - der Höhepunkt war vor ungefähr 20.000 Jahren. Damals war der Meeresspiegel 120 Meter niedriger als heute. Und dann ist er angestiegen auf das heutige Niveau, aber das ist eben nicht allmählich passiert, hin und wieder ist das aber auch in Sprüngen passiert. Also innerhalb eines Jahrhunderts mal ein paar Meter Meeresspiegelanstieg. Und das ist eben die große Frage: Kann das unter den heutigen Klimabedingungen auch passieren oder nicht? Wir wissen es eben nicht. Und das gehört zur Ehrlichkeit. Ich finde, Wissenschaft muss auch ehrlich sagen – man muss klar kommunizieren, was man eben nicht weiß. Aber, wenn Sie mir das gestatten, ich finde, gerade diese Unwissenheit ist doch ein guter Grund dafür, es nicht ausprobieren zu wollen. Sondern es muss doch immer das Vorsorgeprinzip gelten: Wenn ich nicht genau weiß, was passiert, dann ist das doch kein Grund, einfach so weiterzumachen.“
Zumal feststeht: Seit Beginn der Industrialisierung ist der CO2-Gehalt in der Atmosphäre um 50 Prozent angestiegen. Wie ist das zu beweisen: dass Industrialisierung und CO2-Anstieg zusammenhängen, also die Erderwärmung wirklich menschengemacht ist? Eine Frage, über die der Klimaphysiker Mojib Latif schon viel nachgedacht hat.
„Weil man könnte den unumstößlichen Beweis nur erbringen mit einer Zeitmaschine. Das heißt, wir würden mit dieser Zeitmaschine zurückreisen in die vorindustrielle Zeit. Dann würde man die Weltentwicklung noch mal starten, ohne dass wir Menschen zum Beispiel Kohle verbrennen oder Öl verbrennen. Oder Benzin im Auto verbrennen. Dann hätten wir eine zweite Weltentwicklung. Mit dieser zweiten Weltentwicklung könnten wir ganz genau quantifizieren, welchen Anteil der Mensch jetzt an der realen Entwicklung gehabt hat. Nun, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich habe jedenfalls keine Zeitmaschine und kann dieses Experiment so nicht durchführen. Es gibt aber eine andere Möglichkeit, dieses Experiment durchzuführen. Und zwar mit Hilfe von Klimamodellen. Weil das Klima ist ein physikalisches System und insofern gehorcht es den physikalischen Gesetzen. Und diese physikalischen Gesetze kann man in Form von mathematischen Gleichungen formulieren. Die kann man mit Hilfe eines Computers lösen und dann kann man genau das sozusagen im Labor machen, was ich gerade als Experiment mit der Zeitmaschine beschrieben habe. Und wenn man das macht und wenn man jetzt diese zweite Weltentwicklung simuliert, wo nur Vulkane ausbrechen, wo die Sonne sich verändert, dann sieht man einfach, dass man die Erwärmung nicht simulieren kann. Nur wenn man den Faktor Mensch hinzunimmt. Das heißt, wenn man jetzt den Anstieg der Treibhausgase hinzunimmt, dann können wir tatsächlich diese massive Erwärmung der letzten Jahrzehnte simulieren.“
Der Faktor Mensch: Der lässt sich auch chemisch nachweisen.
„Kommt das Co2 jetzt auch von uns? Das ist ja die entscheidende Frage. Das kann man eben aufgrund zweier Dinge zeigen: Auf der einen Seite mit Hilfe des Sauerstoff-Gehalts der Erde. Denn wenn wir zum Beispiel Kohle verbrennen, dann entsteht Kohlenstoff, also C – mit chemischer Formel – und das verbindet sich mit Sauerstoff. Also O2 – und daraus wird dann CO2. Das heißt also in dem Maße, wie sich CO2 in der Atmosphäre anreichert, muss der Gehalt von Sauerstoff runtergehen. Und das kann man eben zeigen, dass der Sauerstoff-Gehalt genau in dem Maße runtergeht, wie wir eben Kohle, Öl, Erdgas verbrennen, also die sogenannten fossilen Brennstoffe. Das ist die eine Möglichkeit. Und wem das nicht reicht, der hat noch eine zweite Möglichkeit. Denn Kohlenstoff, also C, ist nicht gleich Kohlenstoff. Es gibt bestimmte Formen von Kohlenstoff, die entstehen eben hauptsächlich, wenn wir fossile Brennstoffe verbrennen. Und auch das können wir nachweisen. Und insofern gibt es in der Wissenschaft überhaupt keinen Zweifel mehr daran, A: dass der Mensch verantwortlich ist, dass der Gehalt von CO2 in der Atmosphäre steigt. Und B: dass mehr CO2 eben den Treibhauseffekt verstärkt und es damit zwangsläufig zu einer globalen Erwärmung kommen muss.“