Frisist Christoph Winter erhält den Elise-Reimarus-Preis 2023

Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg verleiht den Elise-Reimarus-Preis 2023 an den Frisisten Christoph Winter. Er überzeugte die Jury mit seiner Dissertation „Der Kompass der Nordfriesen. Sprachliche Kodierung absoluter Orientierung am Beispiel der Himmelsrichtungen und Richtungspartikeln im Nordfriesischen“. Mit der Auszeichnung ist ein Druckkostenzuschuss von 4.000 Euro verbunden. Der junge Wissenschaftler vom Institut für Skandinavistik, Frisistik und allgemeine Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat mit seiner Arbeit bisherige Annahmen auf dem Gebiet der Raumlinguistik in ein neues Licht gerückt.

Christoph Winter, Elise-Reimarus-Preisträger 2023

In seiner Dissertation „Der Kompass der Nordfriesen“ untersucht Christoph Winter aus raumlinguistischer Perspektive, wie die Nordfriesen die Begriffe für die Himmelsrichtungen und Wörter wie ap – „rauf“, dil – „runter“, üt – „raus“, ouer – „rüber“ und am – „rum“ verwendet haben, um auszudrücken, wo sich ein Objekt befindet oder wohin es sich bewegt. Winters Forschungsarbeit wurde maßgeblich angeregt von Orts- und Richtungsbeschreibungen wie del tod Nôarden („runter nach Norden“), ep jitter Horbel ta („rauf nach Horsbüll“) oder Det wiar de Hukstuul üüb e Waastereeg faan e Boosel („Das war der Eckstuhl auf der Westseite des Tischs“). Diese Beschreibungen werfen aus der standardsprachlichen Perspektive des Hochdeutschen zum Beispiel folgende Fragen auf:
• Heißt es nicht „rauf nach Norden“?
• Wieso ist Horsbüll oben, obwohl das Kirchspiel weniger als ein Meter über dem Meeresspiegel liegt?
• Und warum kann die Position von Möbeln mit Himmelsrichtungen beschrieben werden, wenn laut gängiger Lehrmeinung nur geografische oder größere immobile Objekte auf diese Weise lokalisiert werden?

Um Antworten auf diese und vergleichbare Fragen finden zu können, hat Christoph Winter sämtliche ihm zur Verfügung stehenden schriftlichen Quellen aller nordfriesischen Dialekte ausgewertet. Außerdem hat er in Nordfriesland (Bökingharde, Wiedingharde, Föhr, Amrum und Sylt) Daten mit Hilfe der Forschungsmethode der „semistrukturierten Interviews“ erhoben und so 19 Sprecherinnen und Sprecher des Nordfriesischen interviewt.

In seiner Dissertation konnte er schließlich darstellen, dass die Nordfriesen bis ins 20. Jahrhundert und teilweise auch darüber hinaus über ein absolutes Orientierungsvermögen verfügten. Dieses äußerte sich im geografischen Gebrauch der Richtungspartikeln sowie in der auffälligen Verwendung der Himmelsrichtungen im Zusammenhang mit kleineren oder auch mobilen Objekten. Das Orientierungsvermögen beruhte sowohl auf der charakteristischen, sehr flachen Landschaft Nordfrieslands als auch auf siedlungsstrategischen Traditionen, die die Nordfriesen im Zuge der Adaption an die Naturgewalten und im Einklang mit der lokalen Topografie entwickelt hatten. Mit diesem Ergebnis trägt die Arbeit zur Revidierung der etablierten raumlinguistischen Lehrmeinung bei, dass absolute Orientierung nur in exotischen Sprachen außerhalb Europas zu finden ist – wie etwa im Guugu Yimidhirr in Australien oder im Tzeltal in Mexiko.

Christoph Winter, geboren 1989 in Niebüll, hat an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel Skandinavistik und Friesische Philologie studiert. Auch seine Promotion im Fach Frisistik absolvierte er an der CAU. Seit April 2023 ist Christoph Winter wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Frisistik am Kieler Institut für Skandinavistik, Frisistik und allgemeine Sprachwissenschaft.

Seine Dissertation „Der Kompass der Nordfriesen. Sprachliche Kodierung absoluter Orientierung am Beispiel der Himmelsrichtungen und Richtungspartikeln im Nordfriesischen“ wird mit Unterstützung des Elise-Reimarus-Publikationskostenzuschusses voraussichtlich im Juli 2023 als Band Nr. 194 in den Beiheften der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (Franz Steiner Verlag, Stuttgart) erscheinen.

➤ Zum ausführlichen Interview mit Christoph Winter: „Der Kompass der Nordfriesen“: Wie Landmarken, Himmelsrichtungen und mentale Karten des nordfriesischen Milieus Sprachgebrauch beeinflussten

In diesem Jahr beriet der Akademie-Ausschuss für Nachwuchspreise als Auswahljury des Elise-Reimarus-Preises über zehn Bewerbungen. Christoph Winters Dissertation überzeugte die Jury unter anderem durch ihre neue Perspektive und die originelle Herangehensweise. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Akademieabends am 17. November 2023 statt.

Zum Elise-Reimarus-Preis
Der Elise-Reimarus-Preis richtet sich an promovierte norddeutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht auf eine unbefristete Professur berufen sind. Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg fördert mit dem Elise-Reimarus-Preis seit 2021 jährlich exzellente Monografien aus allen thematischen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg widmet den Preis der Hamburger Schriftstellerin, Pädagogin, Übersetzerin und Philosophin Elise Reimarus (1735-1805). Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Aufklärung in Deutschland. Mit dem Elise-Reimarus-Preis wird diese wichtige Persönlichkeit der Hamburger Stadtgeschichte gewürdigt.

Ansprechpartnerin

Dagmar Penzlin
Referentin für Kommunikation 
Telefon +49 40 42948669-24
E-Mail dagmar.penzlin(at)awhamburg.de

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