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Klimawandel, Wasserknappheit und Weltsicherheit

Der menschengemachte Klimawandel verändert die Wasserkreisläufe in einer Weise, die die Wasserknappheit rund um den Globus erhöht. Ein ungebremster Klimawandel hätte unkalkulierbare Auswirkungen auf die Weltsicherheit.
Essay von Mojib Latif, 21. März 2026

Silvretta‑Stausee: Gletscherschwund gefährdet langfristig Schmelzwasserzufuhr (Vorarlberg, Österreich)
Silvretta‑Stausee: Gletscherschwund gefährdet langfristig Schmelzwasserzufuhr (Vorarlberg, Österreich)

Nur etwa 2,5 Prozent des gesamten Wassers der Erde sind Süßwasser, das als Trinkwasser oder zur Bewässerung in der Landwirtschaft genutzt werden kann. Dem UN-Weltwasserbericht 2025 zufolge lebten mehr als zwei Milliarden Menschen ohne eine sichere Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Weit über drei Milliarden Menschen mussten ohne eine sanitäre Grundversorgung auskommen.[1]

Hinzu kommt, dass wir den Planeten durch den Ausstoß von Treibhausgasen aufheizen, wodurch die Wasserknappheit noch zunimmt.[2],[3] Mit dem Pariser Klimaabkommen waren die Länder 2015 übereingekommen, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, sie nicht über 1,5 °C ansteigen zu lassen. [4],[5] Trotzdem erreichen die weltweiten Treibhausgasemissionen immer neue historische Höchststände.[6] Im Jahr 2025 betrug die globale Erwärmung schon 1,44 °C (± 0.13 °C).[7] Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Welt die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlen wird. Derzeit steuern wir auf eine Drei-Grad-Welt zu.

Jährliche globale mittlere Temperaturabweichungen im Vergleich zu einer vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900)
Jährliche globale mittlere Temperaturabweichungen im Vergleich zu einer vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900)

Wasserspeichern droht unumkehrbarer Bankrott

Die terrestrischen Wasserspeicher umfassen die gesamte Wassermenge in den Landregionen, also das Wasser in Vegetation, Böden, Flüssen, Seen, Schnee, Eis, Grundwasser und den künstlichen Reservoiren wie Stauseen.[8] Die zeitlichen Veränderungen der terrestrischen Wasserspeicher stellen den Nettoeffekt von natürlichen Klimaschwankungen und menschengemachtem Klimawandel sowie von weiteren anthropogenen Einflüssen auf den Wasserkreislauf dar. Wir beobachten eine Abnahme der terrestrischen Wasserspeicher auf allen Kontinenten. Der Wasserverlust auf den Landflächen ist ein Alarmsignal, denn die Wasserverfügbarkeit ist eng an die terrestrischen Wasserspeicher gekoppelt. Der globale Mangel an Süßwasser ist so dramatisch, dass die Universität der Vereinten Nationen von einem „Wasserbankrott“ spricht. Es reiche nicht mehr, von einer Krise zu sprechen. Das Wort Krise suggeriere, dass es sich um einen vorläufigen Zustand handelt, von dem man sich erholen könne. Der Verlust von Süßwasser ist jedoch unumkehrbar.[9]

Dürre in Kerala (Indien)
Dürre in Kerala (Indien)

Trockenzonen weiten sich aus

Es ist eine Mischung aus Klimawandel und massiver Übernutzung der Süßwasserressourcen, die die Kontinente austrocknen lässt.[10] Dabei ist es schwierig, zwischen dem tatsächlichen Klimawandel und der übermäßigen Entnahme von Grundwasser zu unterscheiden, da letztere, zumindest teilweise ebenfalls mit dem Klimawandel in Zusammenhang steht. Die Grundwasserentnahme wird durch den Verbrauch in der Landwirtschaft, von Unternehmen und Städten auf der ganzen Welt vorangetrieben. Unterirdische Wasserreservoire entwickeln sich zu einer Art Notfallreserve, auf die Menschen und Gemeinschaften zurückgreifen, wenn ihre Oberflächengewässer zur Neige gehen oder Dürren diese für einen kürzeren Zeitraum erschöpfen.

Selbst in Zeiten ohne Dürren füllen sich die Wasserspeicher langsamer als früher. Stark ausgetrocknete Böden sind weniger saugfähig als feuchte. Regen fließt an der Oberfläche ab, statt einzusickern, insbesondere wenn die Niederschläge als Starkregen fallen. Außerdem steigt die Verdunstung infolge der höheren Temperaturen und damit der schleichende Wasserverlust aus dem Untergrund. Höhere Lufttemperaturen erhöhen darüber hinaus die Fähigkeit der Atmosphäre Wasser zu speichern. Dies führt einerseits zu mehr und intensiveren Dürren und begünstigt andererseits Starkregenfälle. Zwar gibt es auch Gebiete, die feuchter werden, doch insgesamt verschiebt sich das Gleichgewicht in den Landregionen eindeutig in die Richtung von Austrocknung. Einzelne Hot Spots scheinen sich zu gigantischen Trockenzonen zu verbinden. Auf der Nordhalbkugel beobachten wir inzwischen so etwas wie Mega-Austrocknungsregionen – sprich miteinander verbundene Dürre-Hotspots auf kontinentaler Skala.[11] Zu diesen gehören weite Teile Nordkanadas und Nordrusslands, der Südwesten Nordamerikas und Mittelamerikas wie auch die riesige, drei Kontinente umfassende Region, die sich von Nordafrika über Europa, den Nahen Osten und Zentralasien bis nach Nordchina sowie Süd- und Südostasien erstreckt.

Konflikt um Wasser

Eine weitere globale Erwärmung ist unvermeidbar, sodass die Konkurrenz um die Ressource Wasser zunehmen wird. Daraus können sich gesellschaftliche, innerstaatliche und zwischenstaatliche Konflikte entwickeln, die die Stabilität von Gesellschaften und regionale Entwicklungen beeinträchtigen. Mit zunehmender Wasserknappheit wächst die Gefahr, dass es dabei auch zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten kommt. Die jährliche Anzahl wasserbezogener Konflikte weltweit wird schon auf über vierhundert geschätzt.[12] Wasserknappheit kann zudem als eine Art Brandbeschleuniger wirken und bestehende wasserunabhängige Konflikte verschärfen. Auf der anderen Seite kann Wasser auch eine friedensstiftende Wirkung entfalten, gesetzt den Fall es gibt eine gerechte Verteilung. Mehr als drei Milliarden Menschen weltweit sind von grenzüberschreitenden Wasserressourcen abhängig, doch nur etwa fünfzehn Prozent der Länder, die Wasserressourcen miteinander teilen, haben Kooperationsvereinbarungen darüber, wie die Modalitäten der gemeinsamen Wassernutzung aussehen sollen.[13]

Die Glen-Canyon-Talsperre staut den Colorado River in Arizona auf.
Die Glen-Canyon-Talsperre staut den Colorado River in Arizona auf.

Ein aktueller Konflikt um die Ressource Wasser ist der zwischen den USA und Mexiko. Die USA und Mexiko sind über mehrere grenzüberschreitende Flusssysteme miteinander verbunden und somit aufeinander angewiesen. Ein Vertrag aus dem Jahr 1944 regelt die Verteilung des Wassers. Das Abkommen sieht vor, dass die USA Wasser aus dem Colorado River mit Mexiko teilen und im Gegenzug Wasser aus dem Rio Grande erhalten, der in Mexiko als Río Bravo bezeichnet wird. Mexiko schuldet den USA eine große Menge Wasser. Das Land konnte zuletzt nur etwa dreißig Prozent seiner vertraglich vereinbarten Menge an die USA liefern. Der Grund ist die seit Jahren anhaltende Dürre in der Grenzregion, die Landwirte und die Agrarindustrie auf beiden Seiten der Grenze empfindlich trifft. Die für das Abkommen wichtigen Staudämme auf der mexikanischen Seite hätten offiziellen Angaben zufolge nur noch einen kleinen Teil ihrer vollen Kapazität. US-Präsident Donald Trump forderte Mexiko auf, unverzüglich die ausstehende Wassermenge zu liefern. Sonst würde er sich vorbehalten, drastische Sanktionen zu ergreifen. „Aber wenn es kein Wasser gibt, wie kann man es dann liefern?“, versuchte Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum die fehlende Wasserlieferung an den großen Nachbarn im Norden zu entschuldigen. Die beiden über eine mehr als dreitausend Kilometer lange Grenze verbundenen Länder werden künftig – neben Zollstreit, Migration und Fentanyl – einen Dauerkonflikt mehr haben, weil sich der Wassermangel in der Region durch die fortschreitende Erderwärmung verschärfen dürfte.

Konflikte ums Wasser zeichnen sich ebenfalls in Asien ab für den Fall, dass die globale Erwärmung unvermindert fortschreitet. Die Hindukusch-Himalaya-Region ist eine Gebirgskette, die sich von Afghanistan im Westen bis Myanmar im Osten und über acht Länder erstreckt. Sie weist die größte Gebirgsvergletscherung außerhalb der Polargebiete auf und speist mit ihren Gletschern eine Reihe großer asiatischer Flüsse, unter anderem den Indus, den Ganges und den Mekong. Die Hindukusch-Himalaya-Region versorgt fast zwei Milliarden Menschen mit Wasser. Die Gletscher in der Gebirgsregion ziehen sich in beispiellosem Tempo zurück. Bei einer globalen Erwärmung um 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit würden die Gletscher bis zum Jahr 2100 bis zu fünfzig Prozent ihres Volumens verlieren können.[14] Bei einer globalen Erwärmung um 4 °C, die ich angesichts der politischen Umbrüche, vor allem in den USA, und des allgemeinen Rollbacks in Sachen Klimaschutz nicht mehr ausschließen würde, könnten die Gletscher in der Hindukusch-Himalaya-Region auf ein Fünftel ihres Volumens schrumpfen.

Auch vor diesem Hintergrund müssen die aktuellen Konflikte zwischen Indien und Pakistan betrachtet werden. Die beiden Atommächte nutzen gemeinsam das Wasser aus dem Indus-Fluss-System. „Wir werden sicherstellen, dass kein einziger Tropfen aus dem Indus-Fluss Pakistan erreicht“, sagte Indiens Wasserminister nach einem Terroranschlag mit über zwanzig Toten in dem indisch verwalteten Teil Kaschmirs im Frühjahr 2025, für den die indische Regierung den Nachbarn verantwortlich gemacht hatte. Indien kündigte an, das Abkommen mit Pakistan aus dem Jahr 1960 über die Wasserverteilung auszusetzen – bis Pakistan glaubhaft und unwiderruflich seiner Unterstützung des grenzüberschreitenden Terrorismus abschwören würde.[15] Ich wage mir kaum vorzustellen, was passieren könnte, falls das Wasser des Indus-Fluss-Systems spärlicher fließen sollte.

Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre am Blauen Nil
Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre am Blauen Nil

Ein weiteres Beispiel, das die Möglichkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen um die Ressource Wasser verdeutlicht, ist der im September 2025 eingeweihte Mega-Staudamm in Äthiopien, der den blauen Nil staut. Der Staudamm ist der größte in Afrika und einer der zehn größten Staudämme der Welt. Für die flussabwärts liegenden Länder Sudan und Ägypten stellt der Damm eine potentielle Bedrohung dar. Sie hegen Befürchtungen, dass Äthiopien ihnen etwa in Dürrezeiten das Wasser nehmen könnte.[16] Insbesondere die Beziehung zwischen Ägypten und Äthiopien ist extrem angespannt. „Der Nil ist für Ägypten eine Frage des Lebens, eine Frage der Existenz“. Mit diesen Worten beschrieb Ägyptens Präsident Abd al-Fattah as-Sisi vor ein paar Jahren den ägyptischen Standpunkt.[17] „Wer sich der Illusion hingibt, Ägypten werde eine existenzielle Bedrohung seiner Wasserversorgung ignorieren, irrt sich“, legte der Präsident nach. Die Äußerungen As-Sisi hören sich für mich wie eine unverhohlene Kriegsdrohung an.

Globaler Zusammenhalt ist möglich und nötig

Das Klimaproblem ist nur von den Ländern gemeinsam zu lösen, denn Treibhausgase kennen keine Grenzen. Internationale Zusammenarbeit ist jedoch auf dem Rückzug. Die Länder stehen sich zunehmend feindselig gegenüber. Gewalt scheint als politisches Mittel hoffähig zu werden. Wegen der Trägheit des Klimas und von sozioökonomischen Prozessen wird die Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten voranschreiten. In der Folge wird die Wasserknappheit zunehmen, was die Weltsicherheit bedroht. Wir Menschen müssen zur Besinnung kommen, die globalen Umweltprobleme zielstrebig angehen und der Gewalt abschwören. Nichts würde uns prinzipiell daran hindern können

Fußnoten

  1. www.unesco.de/aktuelles/un-weltwasserbericht-2025-gebirge-und-gletscher-in-gefahr/ Aufgerufen 22.01.2026.
  2. www.de-ipcc.de/media/content/Hauptaussagen_AR6-SYR.pdf. Aufgerufen 13.03.2026.
  3. www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/chapter-4/. Aufgerufen 18.03.2026.
  4. Hierbei ist stets die durchschnittliche Erwärmung an der Erdoberfläche gemeint.
  5. Als vorindustrielle Zeit wird der Zeitraum 1850-1900 gewählt.
  6. Kurzfristige Rückgänge der Emissionen gab es nur während globaler Krisen, zuletzt 2020 durch Corona.
  7. wmo.int/news/media-centre/wmo-confirms-2025-was-one-of-warmest-years-record. Aufgerufen 14.03.2026.
  8. www.globalwaterstorage.info/anwendungen/terrestrisches-wasser. Aufgerufen 15.03.2026.
  9. unu.edu/inweh/collection/global-water-bankruptcy. Aufgerufen 21.03.2026.
  10. www.scinexx.de/news/geowissen/globaler-wasservorrat-ist-abrupt-geschrumpft/. Aufgerufen 03.08.2025.
  11. www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adx0298. Aufgerufen 20.12.2025.
  12. Madani K. (2026) Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our Hydrological Means in the Post-Crisis Era, United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH), Richmond Hill, Ontario, Canada, doi: 10.53328/INR26KAM001.
  13. www.watersaving.com/de/wasser-sparen-tipps/weltwassertag-frieden-nachhaltigkeit/. Aufgerufen 22.10.2025.
  14. www.icimod.org/wp-content/uploads/PR_HI-WISE-Report-Final.pdf. Aufgerufen 27.01.2026.
  15. www.dw.com/de/indien-und-pakistan-streit-um-das-wasser-im-indus-system/a-73798937. Aufgerufen. 03.10.2025.
  16. www.tagesschau.de/ausland/afrika/staudamm-nil-aethiopien-100.html. Aufgerufen 09.09.2025.
  17. www.zeit.de/2025/39/staudamm-aethiopien-strom-wasserkraftwerk. Aufgerufen 02.01.2026.

 

Prof. Dr. Mojib Latif

Seit über drei Jahrzehnten erforscht Mojib Latif die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre und deren Einfluss auf das Klima. Für seine Forschungsarbeiten ist er mehrfach ausgezeichnet worden. So mit der Sverdrup Goldmedaille der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft, mit dem Deutschen Umweltpreis und der Alfred-Wegener-Medaille der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Seit November 2017 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Die Mitgliederversammlung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg hat ihn am 19. November 2021 zum Akademiepräsidenten gewählt.