Forschung###Publikationen###Essay: Automatisierung und Sicherheit

Automatisierung und Sicherheit

Automatisierung kann unsere Welt sicherer machen. Aber wie viel Vertrauen ist gerechtfertigt, wenn Systeme komplex und schwer durchschaubar werden?
Essay von Kerstin Thurow, 20. Mai 2026

Automobilproduktion 1902: Innenansicht der St. Louis Motor Car Company, Zusammenbau von Getrieben.
Automobilproduktion 1902: Innenansicht der St. Louis Motor Car Company, Zusammenbau von Getrieben.

Automatisierung prägt heute viele Bereiche unseres Lebens. Industrielle Anlagen arbeiten hochautomatisiert, Fahrzeuge bewegen sich zunehmend autonom durch den Verkehr, und auch im privaten Umfeld werden immer mehr Tätigkeiten von technischen Systemen übernommen. Automatisierung eröffnet uns vielfältige Möglichkeiten: Sie befreit den Menschen von repetitiven und gefährlichen Arbeiten, z. B. im Labor oder in der Produktion; sie erleichtert unseren Alltag und schafft Freiräume für kreative und schöpferische Tätigkeiten. Gleichzeitig ist sie ein wesentlicher Faktor für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich. An Automatisierung führt heute kein Weg mehr vorbei. Wir werden zukünftig sehen, dass der Grad der Automatisierung in allen Lebensbereichen noch deutlich zunehmen wird. 

Automobilproduktion 1913: Arbeiter auf einem der ersten Fließbänder montieren Schwungräder für Ford-Autos.
Automobilproduktion 1913: Arbeiter auf einem der ersten Fließbänder montieren Schwungräder für Ford-Autos.

Technische Dimension von Automatisierung und Sicherheit 

Automatisierung wirft auch neue Fragen der Sicherheit auf. Während im Deutschen meist nur der allgemeine Begriff „Sicherheit“ verwendet wird, unterscheidet das Englische in Bezug auf technische Systeme präziser zwischen Safety und Security. Diese sprachliche Differenzierung ist konzeptionell von grundlegender Bedeutung. Safety bezeichnet die physische Sicherheit von Systemen und ist ein zentraler Aspekt jeder Automatisierung. Sie bezieht sich auf die Vermeidung von Gefahren, die direkt von Maschinen, Robotern oder automatisierten Prozessen ausgehen und negative Auswirkungen auf den Menschen, die Umwelt oder Sachwerte haben können. 

Typische Risiken sind mechanische Verletzungen durch bewegliche Teile, Fehlreaktionen autonomer Systeme oder chemische und biologische Gefährdungen in automatisierten Laboren. Entsprechend kommen hier klassische Sicherheitsmechanismen zum Einsatz: Sensoren zur Kollisionsvermeidung in der Robotik, Lichtschranken und Schutzbereiche in der Produktion, redundante Auslegung kritischer Komponenten sowie Not-Aus-Systeme. Auch in autonomen Fahrzeugen ist Safety zentral, etwa in Form von Notbremsfunktionen oder sicheren Zuständen bei Systemausfällen. Einschlägige Sicherheitsnormen definieren dabei Anforderungen, um ein akzeptables Sicherheitsniveau zu gewährleisten. Security hingegen beschreibt die funktionale Sicherheit automatisierter Systeme. Sie bezieht sich auf die Verhinderung von Gefahren, die einem Automationssystem durch äußere Einwirkungen drohen. Hier geht es um die Widerstandsfähigkeit und Zuverlässigkeit automatisierter Systeme als Fähigkeit, auch unter nicht idealen Bedingungen stabil und korrekt zu funktionieren. Dazu gehören insbesondere unerwartete Betriebszustände, fehlerhafte Eingangsdaten, Umweltveränderungen oder auch menschliche Fehlbedienung. Ein automatisiertes Logistiksystem muss auch bei Ausfall einzelner Komponenten funktionsfähig bleiben; eine Produktionsanlage darf bei Störungen nicht unkontrolliert reagieren, sondern muss in einen sicheren Zustand übergehen. Maßnahmen wie Failsafe-Konzepte, redundante Systemarchitekturen, kontinuierliche Überwachung und regelmäßige Tests tragen dazu bei, diese Form der Sicherheit zu gewährleisten. Ziel ist es, die Resilienz eines Systems zu erhöhen – also seine Fähigkeit, Störungen zu verkraften, ohne dass es zu einem vollständigen Systemversagen kommt. Doch selbst bei sorgfältigster Planung und Umsetzung lässt sich Sicherheit nie vollständig garantieren. 

Jeder technische Prozess ist mit einem gewissen Risiko verbunden. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des Grenzrisikos von zentraler Bedeutung (DIN VDE 31000 Teil 2). Er bezeichnet das größte noch vertretbare Risiko eines technischen Systems oder Prozesses. Absolute Sicherheit ist prinzipiell unerreichbar; Risiken müssen daher so weit reduziert werden, dass sie unterhalb dieses akzeptierten Grenzwerts liegen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein System vollkommen sicher ist, sondern ob sein Restrisiko gesellschaftlich akzeptiert wird. Besonders deutlich wird dies bei autonomen Fahrzeugen oder hochautomatisierten Produktionsanlagen: Hier müssen Risiken kontinuierlich bewertet, transparent gemacht und in einen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden.

Automobilproduktion 1960: Innenansicht des Volkswagen-Werks. Karosserien werden von einer Überkopf‑Förderanlage auf Fahrgestelle abgesenkt.
Automobilproduktion 1960: Innenansicht des Volkswagen-Werks. Karosserien werden von einer Überkopf‑Förderanlage auf Fahrgestelle abgesenkt.

Gesellschaftliche Dimension von Automatisierung und Sicherheit

Mit der technischen Sicherheit automatisierter Systeme ist jedoch nur ein Teil der Problematik erfasst. Sicherheit ist keine rein technische Eigenschaft – sie ist immer auch eine Frage der Wahrnehmung, des Vertrauens und letztlich des gesellschaftlichen Konsenses.

Automatisierung hat das Potenzial, unser Sicherheitsgefühl grundlegend zu verändern. Technische Systeme sehen mehr, messen präziser und reagieren schneller als der Mensch. Sensoren erkennen Abweichungen, bevor sie kritisch werden; Assistenzsysteme greifen ein, bevor ein Unfall geschieht; und automatisierte Prozesse stabilisieren komplexe Abläufe. In dieser Perspektive erscheint uns Technik als Garant von Sicherheit, indem sie menschliche Schwächen nicht nur kompensiert, sondern übertrifft. Sicherheit wird berechenbar, kontrollierbar und scheinbar beherrschbar. 

Automobilproduktion 2005: BMW Werk Leipzig, Punktschweißen der BMW‑3er‑Karosserien durch KUKA‑Industrieroboter.
Automobilproduktion 2005: BMW Werk Leipzig, Punktschweißen der BMW‑3er‑Karosserien durch KUKA‑Industrieroboter.

Doch genau hier beginnt die Ambivalenz. Je leistungsfähiger und komplexer automatisierte Systeme werden, desto weniger sind sie für den Einzelnen nachvollziehbar. Was eigentlich als Gewinn an Sicherheit gedacht ist, führt vielfach zu einem Verlust an Verständnis. Systeme werden immer mehr zu Black Boxes mit intransparenten Entscheidungen. Unser Vertrauen basiert dann nicht mehr auf Einsicht, sondern auf Gewöhnung, oder im Extremfall auf einem fast blinden Glauben an die Zuverlässigkeit der Technik.

Im Ergebnis bilden sich zwei gegensätzliche Haltungen: Auf der einen Seite ein nahezu grenzenloses Vertrauen in Automatisierung, das Risiken ausblendet und Technik als unfehlbar betrachtet. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine diffuse Skepsis oder sogar Angst gegenüber Systemen, deren Funktionsweise sich dem eigenen Verständnis entzieht. Beide Extreme sind hochproblematisch. Denn Sicherheit entsteht weder durch blindes Vertrauen noch durch pauschale Ablehnung, sondern durch ein reflektiertes Verhältnis zur Technik.

Diese Spannung zeigt sich besonders deutlich in automatisierten Infrastrukturen, auf die moderne Gesellschaften in hohem Maße angewiesen sind. Energieversorgung, Logistik, Kommunikation oder medizinische Systeme funktionieren heute nur noch durch ein enges Zusammenspiel automatisierter Prozesse. Diese Systeme schaffen Stabilität, stellen gleichzeitig aber auch die größte Verwundbarkeit moderner Gesellschaften dar. Gefährdungen können aus dem System selbst heraus entstehen, etwa durch technische Defekte, unerwartete Wechselwirkungen oder Kaskadeneffekte, bei denen kleine Störungen sich zu großflächigen Ausfällen auswachsen. Ebenso bringen zunehmend auch äußere Einflüsse  automatisierte Systeme an ihre Grenzen. Beispiele hierfür sind u. a. Naturkatastrophen, politische Krisen oder gezielte Angriffe. In solchen Situationen zeigt sich, dass Sicherheit nicht nur eine Frage der Funktion, sondern auch der Robustheit gegenüber dem Unvorhersehbaren ist.

Automatisierung erzeugt nicht nur reale Sicherheit, sondern mitunter auch eine Illusion von Sicherheit. Systeme funktionieren zuverlässig – bis sie es nicht mehr tun. Gerade weil Störungen selten sind, werden sie umso weniger erwartet. Risiko verschwindet nicht, sondern wird unsichtbar und verlagert sich von der alltäglichen Erfahrung in seltene, aber potenziell gravierende Ausnahmefälle.

Hinzu kommt eine oft unterschätzte Entwicklung: der schleichende Verlust menschlicher Kompetenz. Wenn Systeme zuverlässig arbeiten, wird der Mensch vom Handelnden zum Überwachenden. Fähigkeiten, die früher selbstverständlich waren, werden nicht mehr benötigt und gehen mit der Zeit verloren. Im Normalbetrieb ist das unproblematisch. Im Störfall jedoch kann genau dieses Wissen entscheidend sein. Sicherheit bedeutet daher nicht nur, Systeme stabil zu gestalten, sondern auch, die Fähigkeit zu bewahren, sie im Zweifel ersetzen zu können.

Daraus ergibt sich eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung: Wie viel Abhängigkeit von Automatisierung ist vertretbar? Eine Gesellschaft, die ihre grundlegenden Funktionen vollständig an technische Systeme delegiert, ohne deren Funktionsweise zu verstehen oder im Notfall manuell eingreifen oder die Kontrolle übernehmen zu können, begibt sich in eine fragile Lage. Der Gedanke eines länger anhaltenden Stromausfalls verdeutlicht dies als realistische Stressprobe für eine hochautomatisierte Welt.

Sicherheit ist damit nicht länger nur eine technische Zielgröße, sondern ein dynamisches Gleichgewicht. Sie entsteht im Zusammenspiel von Technik, menschlicher Kompetenz und gesellschaftlicher Akzeptanz. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Systeme sicher sind, sondern wie wir mit ihrer Unvollkommenheit umgehen – und welches Maß an Risiko wir bereit sind zu tragen. Doch genau an diesem Punkt verlässt die Diskussion den rein technischen Raum. Denn die Festlegung dessen, was als „akzeptables Risiko“ gilt, ist keine ingenieurwissenschaftliche, sondern eine normative Entscheidung. Sie berührt Fragen von Verantwortung, Gerechtigkeit und Macht: Wer entscheidet über Sicherheitsstandards? Wer trägt die Folgen, wenn Systeme versagen? Und wer profitiert von den Effizienzgewinnen der Automatisierung?

Damit wird deutlich: Die Sicherheit automatisierter Systeme ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch eine Frage von Ethik und Politik.

Automobilproduktion 2023: VinFast (Vietnam), Karosseriebau für Elektroautos.
Automobilproduktion 2023: VinFast (Vietnam), Karosseriebau für Elektroautos.

Zukunftsperspektiven: Resilienz und das Gestalten sicherer Automatisierung

Wenn wir auf die Zukunft automatisierter Systeme blicken, wird deutlich, dass Sicherheit nicht statisch ist, sondern sich ständig weiterentwickelt. Systeme werden zunehmend adaptiv, vernetzt und komplexer. Gleichzeitig steigt die gesellschaftliche Abhängigkeit von ihrer Funktionsfähigkeit – vom autonomen Fahrzeug über smarte Produktionsanlagen bis zu kritischen Infrastrukturen wie Energie, Wasser und Logistik.

Vor diesem Hintergrund wird Resilienz zum Schlüsselbegriff. Resilienz bedeutet nicht nur, dass ein System im Normalbetrieb zuverlässig funktioniert, sondern dass es Störungen abfangen, Ausfälle kompensieren und sich schnell erholen kann. Technische Redundanz, Failsafe-Mechanismen und kontinuierliche Überwachung sind wichtige Voraussetzungen. Aber Resilienz ist mehr als Technik: Sie erfordert menschliches Wissen, Handlungskompetenz und institutionelle Vorbereitung. Ein hochautomatisiertes System, dessen Bedienung nur wenige Personen verstehen, bleibt anfällig für seltene, aber gravierende Störungen.

Dynamische Anpassung automatisierter Systeme – durch Sensorik, Datenanalyse und flexible Steuerungslogiken – kann Risiken frühzeitig erkennen und adaptive Reaktionen ermöglichen. Gleichzeitig darf dies nicht zur Illusion von Kontrolle führen: Systeme sind nie vollkommen fehlerfrei. Entscheidungen über Effizienz, Komfort und Sicherheit bleiben ein gesellschaftlicher und technischer Aushandlungsprozess.

 

Automobilproduktion (nahe Zukunft): Vollautomatisierte „Dark Factory“: Karosseriebau ohne menschliche Eingriffe; Halle kann lichtlos betrieben werden. (KI-generierte Vision)

Zusammenfassung

Automatisierung schafft Sicherheit – sie erkennt Gefahren schneller, stabilisiert Abläufe und entlastet den Menschen. Zugleich verändert sie unsere Wahrnehmung von Sicherheit: Systeme, deren Funktionsweise wir nicht verstehen, erzeugen Angst, während blindes Vertrauen Risiken verschleiert. Zwischen diesen Extremen entsteht ein Spannungsfeld, das technische Perfektion allein nicht auflösen kann.

Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein dynamisches Gleichgewicht aus Technologie, menschlicher Kompetenz und gesellschaftlicher Resilienz. Redundanz und adaptive Systeme sind notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidend bleibt die Fähigkeit, im Notfall selbst einzugreifen und zu übernehmen – denn je sicherer unsere Systeme erscheinen, desto wichtiger ist es, ihre Grenzen zu kennen.

Prof. Dr.-Ing. habil. Prof. E. h. Kerstin Thurow

Nach der Promotion in Metallorganischer Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat Kerstin Thurow ihre Ausbildung im Bereich der Ingenieurwissenschaften fortgesetzt. Die interdisziplinäre Verbindung von Messtechnik und Naturwissenschaft war Thema ihrer Habilitation und Grundlage der weiteren Forschungsfokussierung. Das Center for Life Science Automation (celisca), dessen Leitung sie mit seiner Gründung 2003 übernommen hat, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem weltweit führenden Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Entwicklung und Ausbildung an der Schnittstelle zwischen Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Medizin entwickelt.