Sicherheit durch Küstenschutz ist eine Daueraufgabe
In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 rollte eine große Sturmflut auf die deutsche Nordseeküste zu. Ich war damals fast 15 Jahre alt. Als Jugendlicher aus Bayerisch-Schwaben war ich mit solch einer angsteinflößenden Naturgewalt nicht vertraut, die sich zur größten Flutkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten entwickeln sollte. Insgesamt 347 Tote waren zu beklagen und 60.000 Menschen wurden obdachlos. Die Berichterstattung zu diesem Ereignis verfolgte ich im Radio, vor allem aber im Fernsehen mit großem Interesse.
Der Grund, warum mir die Nachrichten über dieses Naturereignis so nahegingen und mich in den Bann zogen, ging zurück auf einen Sommerferienaufenthalt an der Nordsee, den ich mit meiner Mutter und zwei meiner Geschwister im Jahre 1956 verbrachte. Wir wohnten in einer Pension in Cuxhaven, besuchten fast täglich den Strand und machten Ausflüge nach Duhnen und Döse wie auch auf die Hochseeinsel Helgoland. Unsere Heimfahrt unterbrachen wir für einen Tag, um auch noch etwas von Hamburg kennenzulernen. Wir besuchten u. a. den Rathausmarkt und den Park Planten un Blomen. Hängen blieben in meinem Gedächtnis von dieser Reise Ortsnamen entlang der Küste und Elbe sowie die Namen einiger Stadtteile Hamburgs.
Sechs Jahre später hörte ich dann in den Nachrichten über die gewaltige Sturmflut Namen, die ich aus meinem damaligen Sommerurlaub kannte.
Die Eindrücke über das Ausmaß der Flutschäden – besonders in Hamburg – und die vielen Menschen, die ums Leben kamen, haben mich tief erschüttert und sind mir in bleibender Erinnerung geblieben. Ich hatte das Gefühl, dass solch eine furchtbare Katastrophe in meiner süddeutschen Heimat nicht passieren kann und wir deshalb in Sicherheit leben können, ohne Sorge vor Fluten, Überschwemmungen, Erdbeben, Felsstürzen usw. Eine Sicherheit, die in Küstenregionen nicht so gewährleistet werden kann. Aber Menschen, die dort leben, sind mit den Risiken vertraut, deren Bewusstsein wurde durch Katastrophen geschärft und sie können damit umgehen.
Wann immer ich heute die Elbinsel Wilhelmsburg überquere, wo 1962 alleine 207 Menschen umgekommen sind, kommen bei mir Erinnerungen an die Sturmflut hoch; ich erinnere mich auch an die Bilder von Menschen, die auf Dächern stehen und auf Rettung warten.
Erst sehr viel später, vor allem seit ich in Hamburg wohne, habe ich gelernt, dass das Ausmaß der Katastrophe wohl auch durch städtebauliche und verwaltungstechnische Mängel und technisch unzureichende, teilweise schlecht gepflegte Deiche und Hochwasserschutzeinrichtungen begünstigt wurde.
Ich habe mir in den letzten Jahren eine Reihe von Küstenschutzmaßnahmen angeschaut und war ganz besonders beeindruckt von den zum Teil gigantischen Bauwerken, mit denen in den Niederlanden das Land und die Menschen geschützt werden.
Sturmfluten an Nord- und Ostsee
Große Sturmfluten in Norddeutschland werden seit dem 12. Jahrhundert dokumentiert. Ein kurzer Überblick über drei der schwersten Sturmfluten vermittelt einen Eindruck über die Dramatik der Ereignisse und Maßnahmen, die zur Vorsorge ergriffen wurden, für längere Zeit wirksam waren, aber dann doch nicht ausreichten.
Die Julianenflut1, die vom 16. auf den 17. Februar 1164 auf die friesische Küste traf, gilt als die erste historisch belegte Sturmflut.2 Mehrere Chronisten aus jener Zeit berichteten übereinstimmend von ca. 20.000 Opfern, die an der gesamten Nordseeküste neben den verheerenden Zerstörungen zu beklagen waren. Die schon existierenden Deiche konnten den Wassermassen nicht standgehalten.
Zwei besonders verheerende Sturmfluten, am 16. Januar 1362 und am 11. Oktober 1634, verwüsteten die norddeutsche Küste, vor allem im heutigen Schleswig-Holstein.3 Die als Grote Mandränken (großes Ertrinken) bezeichneten fatalen Sturmfluten haben den Küstenverlauf neu geformt. Die Fluten überspülten die Deichkronen, und viele Deiche entlang der nordfriesischen Küste brachen. Bewohnte Inseln verschwanden und Husum, zuvor eine im Landesinnern gelegene kleine Siedlung, wurde als Folge zur Küsten- und Handelsstadt! Die von Chronisten genannte Zahl von 100.000 Menschen, die ums Leben kamen, ist nicht gesichert, wahrscheinlich übertrieben. Besonders tragisch ist, dass beide Naturkatastrophen ausgerechnet dort die schlimmsten Auswirkungen hatten, wo sich die Menschen – im trügerischen Vertrauen auf den fortgeschrittenen Deichbau – dauerhaft in flutgefährdeten Gebieten niedergelassen hatten.
Nicht nur die Nordseeküste, auch die Ostseeküste wurde und wird immer wieder von Sturmfluten heimgesucht!4 Erwähnt sei das „Ostseesturmhochwasser“ vom 12. – 13. November 1872, das mehr als 250 Menschenleben forderte, oder in jüngster Zeit das Ostseesturmhochwasser vom 20. und 21. Oktober 2023. Diese letzte Flut traf vor allem die Ostküste Schleswig-Holsteins, mit dem höchsten Scheitelwasserstand von 2,27 m über Mittelwasser in Flensburg, und hatte massive Zerstörungen zur Folge. Die Schäden an den Deichen, Stränden, Hochwasserschutzbauten, Häfen und Booten alleine in Deutschland wurden auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt.
Literarische Beschreibung von Küstenschutz und Sturmflutrisiken
Eindrucksvoll wird die Bedrohung durch Sturmfluten und die Maßnahmen in der Novelle Der Schimmelreiter 5 von Theodor Storm an der Lebensgeschichte des fiktiven Deichgrafen Hauke Haien beschrieben. Storm erzählt das Ringen des Deichgrafen für die Verbesserung des Schutzes seines Dorfes vor den Sturmfluten der Nordsee an der Küste Nordfrieslands und die Dramatik des schicksalhaften Verlaufs der Ereignisse während einer Sturmflut.
Hauke ist schon als Kind von der Entwicklung neuer Deichformen fasziniert. Es fällt ihm auf, dass der alte Deich nicht stabil genug ist, um einer Hochwasserflut standzuhalten. Er denkt über neue Modelle nach und träumt davon, später selbst Deichgraf zu werden. Nach Lehrjahren als Knecht beim Deichgrafen und der Heirat mit dessen Tochter wird Hauke zum Deichgrafen ernannt. Damit hat er seine Berufung gefunden und kann seine Pläne für einen neuen Deich realisieren, der zur Seeseite nicht steil wie früher, sondern allmählich verlaufend abfällt. Die Bauarbeiten und Haukes hohe Ansprüche führen zu Spannungen mit der Dorfbevölkerung. Hauke verliert schließlich die Unterstützung des Dorfes. Am Ende kommt es bei einer schweren Sturmflut zur Katastrophe: Der Deich bricht, Haukes Familie versinkt im Wasser, er wird Zeuge des Unglücks und stürzt sich mit seinem Schimmel in die Fluten und versinkt für immer!
Die Lehren aus Katastrophen und Küstenschutz als dauernde Verpflichtung – Wer nicht deichen will, muss weichen!
Was über die Jahrhunderte von immer wiederkehrenden Sturmfluten berichtet wird, könnte noch heute Menschen in den Küstenregionen von Nord- und Ostsee in Angst und Schrecken versetzen! Das ist der Grund dafür, dass die Nordsee in manchen Berichten als Mordsee bezeichnet wird. Seit der Sturmflut 1962 wurde sehr viel für den Küstenschutz sowie an den Flüssen Elbe und Weser und deren damals noch ungesicherten Nebenflüssen getan. Das Küstenschutzprogramm, das die Bundesregierung nach der Flut von 1962 angestoßen hatte, zeigte Wirkung: Die Deiche wurden erhöht und es wurden Sturmflutsperrwerke an den Flussmündungen errichtet. Diesen Maßnahmen ist es wohl zu verdanken, dass es bei der schwersten Sturmflut an der Nordseeküste im Jahr 1976 nicht wie 1962 zu einer Katastrophe gekommen ist. Die Deiche hielten! Hervorgerufen wurde diese Sturmflut durch den sogenannten Capella-Orkan6, der am 3. Januar 1976 über Mitteleuropa zog und an der Nordseeküste zum deutlichen Überschreiten der Extremwerte der Pegel von 1962 führte. Diese Sturmflut hat entlang der gesamten Nordseeküste 82 Menschenleben gefordert und erhebliche Schäden angerichtet, eine Katastrophe an der deutschen Küste blieb aber aus.
Nach derzeitigen Prognosen könnte bis Ende des 21. Jahrhunderts als Folge des Klimawandels der Meeresspiegel der Nordsee – je nach zugrunde gelegtem Berechnungsmodell – um 30 cm bis knapp einen Meter höher werden. Dies hätte auch Auswirkungen auf künftige Sturmfluten, die in der Nordsee durch den Meeresspiegelanstieg über einen Meter höher auflaufen könnten als beispielsweise die schwere Sturmflut im Februar 1962.
Bei derart hohen Wasserständen würde sich das von Nordseesturmfluten bedrohte Gebiet von derzeit 10.800 Quadratkilometern um etwa zehn Prozent vergrößern. Durch die besonders starken westlichen Winde wäre besonders die Nordseeküste Schleswig-Holsteins betroffen.7
In der Ostsee könnten bis zum Ende des 21. Jahrhunderts Sturmfluten im Vergleich zur Sturmflut vom November 1872 durch den Meeresspiegelanstieg bis zu 80 cm höher auflaufen.
Nach den Erfahrungen in den Küstenregionen von Nord- und Ostsee drängen sich Fragen auf: Was sind die Herausforderungen für den Küstenschutz in der Zukunft? Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Sicherheit für die Bewohner und Infrastruktur zu gewährleisten? Sind unter Berücksichtigung des Klimawandels und des Meeresspiegelanstiegs die bisherigen Annahmen zur Bemessung von Küstenschutzmaßnahmen noch sachgerecht? Sind das Monitoring-Netzwerk und die Pegelbestimmung mit seismischen, satelliten- und modellgestützten Methoden kombiniert und trotz der damit verbundenen Unschärfe verlässlich? Ist das Sturmflutrisikomanagement ausreichend, um schützenswerte Regionen an Nord- und Ostsee widerstandsfähig zu machen?
Küstenschutzmaßnahmen waren und sind in den norddeutschen Bundesländern – dem Einzugsbereich der Akademie der Wissenschaften in Hamburg – Aufgaben zur Daseinsvorsorge gegen Überflutungen einerseits und Küstenerosion andererseits.
Von der Akademie der Wissenschaften in Hamburg wurde eine Arbeitsgruppe zum Thema Küstenschutz eingerichtet, um als unabhängiger Akteur zum Thema unterstützend beizutragen. In dieser Arbeitsgruppe sind Mitglieder aus verschiedenen Disziplinen vertreten und widmen sich u. a. Fragen wie: Grenzen des Küstenschutzes oder welche Gebiete sind schützenswert und welche nicht? Wer ist zuständig für den Küstenschutz? Wie werden Konflikte behandelt: z. B. rechtliche Fragen, Versicherungsfragen, Sedimenttransport? Zuständigkeiten: Bund, Land, Landkreise? Wie werden die Erkenntnisse in die Gesellschaft vermittelt?
Das Bewusstsein bei den Küstenbewohnern für die Gefahren bei Sturmfluten hat nachgelassen, so wird berichtet. Das könnte daran liegen, dass dramatische Bilder wie die von der 1962er Sturmflut dank der getroffenen Maßnahmen sich nicht mehr wiederholt haben und seitdem menschliche Tragödien ausblieben. Deshalb wäre es hilfreich, eine Erinnerungskultur zu fördern, die Ereignisse im historischen Kontext einordnet, mit Fakten belegt und vermittelt.
Entscheidend für die Wirksamkeit und Akzeptanz des Küstenschutzes sind besonders natürliche Maßnahmen und flexible Schutzstrategien, die unter Beteiligung und Information der Bevölkerung geplant und umgesetzt werden.
Anmerkungen
- Über mehrere Jahrhunderte wurden zerstörerische Stürme nach den Heiligen benannt, an deren Namenstag sie zuschlugen, da die Chronisten häufig klerikale Würdenträger waren. Die Sturmflut, die am 16. Februar 1164 über die friesische Küste hereinbrach, wurde nach der Heiligen Juliana von Nikomedia, Märtyrin der frühen Kirche, benannt, deren Namenstag an diesem Tag gefeiert wird.
- Egidius, Hans: Sturmfluten: Tod und Verderben an der Nordseeküste von Flandern bis Jütland. Varel: CCV, Concept-Center-Verl. 2003
- Rieken, Bernd: "Nordsee ist Mordsee" – Sturmfluten und ihre Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Münster; New York; München; Berlin: Waxmann 2005
- Meyer, Elke M.I.; Gaslikova, Linda; Groll, Nikolaus; Weisse, Ralf. (2024): The Baltic Storm surges of 1872 and 2023 – what do they have in common?. In: Die Küste 94. Karlsruhe: Bundesanstalt für Wasserbau. S. 121 – 131. https://doi.org/10.18171/1.094106.
- Der Schimmelreiter. In: Storms Werke. Salzburg: Verlag Das Bergland-Buch 1955, S. 867 – 955.
- Der Sturm wurde nach dem Schiff Capella aus Rostock benannt, das in diesem Sturm vor der niederländischen Küste mit elf Mann Besatzung gesunken ist.
- Hofstede, Jacobus (2019): Küstenschutz in Schleswig-Holstein: ein Überblick über Strategien und Maßnahmen. In: Die Küste 87. Karlsruhe: Bundesanstalt für Wasserbau. S. 287 – 302. https://doi.org/10.18171/1.087103.