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Sicherheit beginnt mit Zugehörigkeit

Warum fühlen sich Menschen unterschiedlich sicher, obwohl objektiv dieselbe Gefahr besteht? Zugehörigkeit und Vertrauen erweisen sich als unsere wichtigste, oft übersehene Sicherheitsinfrastruktur, besonders für Menschen mit Migrationserfahrung im Alltag.
Essay von Adekunle Adedeji, 30. Juli 2026

Die russische Malerin Marianna Wladimirowna Werjowkina (1860–1938), bekannt als Marianne von Werefkin, war eine wichtige Wegbereiterin des deutschen Expressionismus. In ihren Bildern wird der Heimweg häufig zur psychologischen Bühne für Einsamkeit, Fremdheit und soziale Ausgrenzung. (Werefkin, um 1930)
Die russische Malerin Marianna Wladimirowna Werjowkina (1860–1938), bekannt als Marianne von Werefkin, war eine wichtige Wegbereiterin des deutschen Expressionismus. In ihren Bildern wird der Heimweg häufig zur psychologischen Bühne für Einsamkeit, Fremdheit und soziale Ausgrenzung. (Werefkin, um 1930)

Es ist später Abend. Zwei Menschen steigen an derselben Haltestelle aus und gehen dieselbe Straße entlang. Die Laternen brennen, einige Fenster sind noch erleuchtet, hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Objektiv befinden sich beide in derselben Umgebung und doch erleben sie den Heimweg völlig unterschiedlich. Die eine Person geht entspannt. Die andere schaut sich wiederholt um, registriert jeden Schritt hinter sich, hält vielleicht schon den Schlüssel in der Hand. Was macht den Unterschied?

(Werefkin, 1912)
(Werefkin, 1912)

Wenn Sicherheit zur Erfahrung wird

Wenn wir über Sicherheit sprechen, denken wir meist zuerst an Gefahr: an Kriminalität, Gewalt, Krieg, Terrorismus. Sicherheit erscheint dann als etwas, das hergestellt werden muss, durch Gesetze, Polizei, Kontrollen und Schutzmaßnahmen. Das ist zweifellos ein wichtiger Teil von Sicherheit. Aber nicht der einzige.

Denn Sicherheit ist nicht nur ein objektiver Zustand, sondern auch eine Erfahrung. Ob Menschen sich sicher fühlen, hängt nicht allein davon ab, wie groß eine konkrete Gefahr tatsächlich ist. Die Forschung zur Kriminalitätsfurcht zeigt seit Langem, dass wahrgenommene und objektiv messbare Sicherheit keineswegs deckungsgleich sein müssen. Zudem wird deutlich, dass Sicherheit und Unsicherheit von einem komplexen Zusammenspiel persönlicher, sozialer und räumlicher Faktoren geprägt werden (Lorenc et al., 2012; Hart, Chataway & Mellberg, 2022). Was also gibt Menschen Sicherheit, wenn es nicht allein die Abwesenheit von Gefahr ist?

Das unsichtbare Kapital der Beziehungen

Ein Teil der Antwort liegt in unserer sozialen Umwelt. Es macht einen Unterschied, ob wir die Menschen um uns kennen, ob wir ihnen vertrauen, ob wir im Bedarfsfall Unterstützung erwarten können und ob wir uns an einem Ort selbstverständlich zugehörig fühlen. Sicherheit beschreibt dann nicht nur, wovor wir geschützt sind, sondern auch, worauf und auf wen wir uns verlassen können.

Solche Beziehungen sind mehr als ein angenehmer Teil unseres Zusammenlebens. Sie sind eine Ressource. In der Forschung spricht man von sozialem Kapital: Ressourcen, die durch Netzwerke, Vertrauen, Gegenseitigkeit und gesellschaftliche Teilhabe entstehen. Menschen verfügen nicht nur über das, was sie selbst besitzen oder können, sondern auch über das, was durch ihre Beziehungen zu anderen verfügbar wird. Die Public-Health-Forschung zeigt seit Langem, wie eng soziale Beziehungen mit Gesundheit und Wohlbefinden verbunden sind (Kawachi & Berkman, 2001). Eine große Metaanalyse mit Daten aus 148 Studien zeigte darüber hinaus einen deutlichen Zusammenhang zwischen stärkeren sozialen Beziehungen und geringerer Sterblichkeit (Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010). Wer gesünder und länger lebt, erfährt damit auch mehr Sicherheit im elementarsten Sinn des Wortes: Schutz von Leib, Leben und Wohlbefinden.

Dieser Zusammenhang beschäftigt mich auch in meiner eigenen Forschung. In einer systematischen Übersicht zur Lebensqualität von Menschen mit Migrationserfahrung waren soziale Netzwerke, Teilhabe, Vertrauen und Gegenseitigkeit überwiegend positiv mit Lebensqualität verbunden (Adedeji, 2021). Auch in einer Untersuchung mit 518 Menschen aus Subsahara-Afrika in Deutschland zeigten sich Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen sozialen Kapitals und der Lebensqualität (Adedeji, Silva & Bullinger, 2021).

Entscheidend ist dabei nicht allein die Zahl der Kontakte. Man kann viele Menschen kennen und sich trotzdem fremd fühlen. Soziale Beziehungen entfalten ihre Bedeutung dort, wo aus Kontakt Verlässlichkeit wird, wenn Menschen erfahren, dass sie gesehen und unterstützt werden, dass ihre Stimme zählt und dass sie Teil eines größeren Zusammenhangs sind. Genau diese Verlässlichkeit, dieses Gefühl, eingebunden zu sein, ist es, was auch unser Sicherheitsgefühl trägt.

(Werefkin, vor 1939)
(Werefkin, vor 1939)

Die Erfahrung, dazuzugehören

Damit sind wir bei einem Begriff, der in Sicherheitsdebatten erstaunlich selten im Mittelpunkt steht: Zugehörigkeit.

Zugehörigkeit bedeutet mehr, als sich an einem Ort aufzuhalten oder formal Mitglied einer Gesellschaft zu sein. Sie beschreibt eine Erfahrung: Ich habe hier einen Platz. Ich werde anerkannt. Ich kann mich beteiligen. Meine Anwesenheit muss nicht ständig erklärt werden. Baumeister und Leary (1995) beschreiben das Bedürfnis nach stabilen, positiven Beziehungen als fundamentales menschliches Motiv. Fehlen solche Bindungen, kann dies Wohlbefinden und Gesundheit beeinträchtigen.

Gerade bei Menschen mit Migrationsgeschichte wird sichtbar, dass Zugehörigkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Man kann seit vielen Jahren in einem Land leben, arbeiten, Steuern zahlen, Kinder großziehen und dennoch immer wieder vermittelt bekommen, nicht ganz dazuzugehören. Die Frage „Woher kommst du wirklich?“ mag harmlos gemeint sein. Wiederholt erlebt, kann sie eine andere Botschaft transportieren: Du bist nicht von hier. Solche Momente zählen zu dem, was in der Forschung als Mikroaggressionen untersucht wird. Es handelt sich um alltägliche, oft subtile Äußerungen oder Verhaltensweisen, durch die Menschen aufgrund zugeschriebener Gruppenzugehörigkeiten abgewertet oder als „anders“ markiert werden (Sue et al., 2007). Entscheidend ist weniger die einzelne Begegnung als ihre Wiederholung: Aus einzelnen Momenten wird ein Muster, und aus dem Muster eine Erwartung, die man fortan mit sich trägt.

Vertrauen als Sicherheitsinfrastruktur

Genau hier berührt Zugehörigkeit unmittelbar die Frage der Sicherheit. Wer wiederholt erfahren hat, dass Anerkennung nicht selbstverständlich ist, wird soziale Situationen kritischer einschätzen: Werde ich hier ernst genommen? Kann ich offen sprechen? Wird mir geglaubt? Unsicherheit entsteht dann nicht erst dort, wo unmittelbare Gefahr droht. Sie kann auch dort beginnen, wo Verlässlichkeit verloren geht.

Besonders greifbar wird das im Gesundheitswesen. In unserem Hamburger Forschungsprojekt CARE (Community Action for Racial Equity) haben wir uns mit den Erfahrungen von Menschen beschäftigt, die dort Rassismus und Diskriminierung erleben. In den Gesprächen wurde deutlich, dass wiederkehrende Erfahrungen die Erwartungen verändern können, mit denen Menschen ärztlichem Fachpersonal oder Einrichtungen wie Krankenhäusern begegnen. Aus der Frage „Wird mir diesmal geholfen?“ kann die Frage werden: „Werde ich diesmal überhaupt ernst genommen?“ Solche Erfahrungen können beeinflussen, mit welchem Vertrauen Menschen künftig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Die internationale Forschung zeigt, dass Rassismuserfahrungen gesundheitlich relevant sind. Eine große systematische Übersicht und Metaanalyse von Paradies et al. (2015) fand Zusammenhänge zwischen berichteten Rassismuserfahrungen und schlechterer psychischer sowie schwächer ausgeprägter körperlicher Gesundheit. Diskriminierung ist damit keine Frage verletzter Umgangsformen allein; ihre Folgen können sich auch in der psychischen und körperlichen Gesundheit zeigen.

Hier zeigt sich zugleich eine weitere Seite von Zugehörigkeit. Wo Menschen erwarten können, gehört, respektiert und fair behandelt zu werden, kann Vertrauen wachsen. Wo diese Erwartung wiederholt enttäuscht wird, wird Vertrauen fragil.

Und gerade Vertrauen ist eine der wichtigsten Sicherheitsinfrastrukturen einer Gesellschaft. Bei Infrastruktur denken wir gewöhnlich an Straßen, Schienen oder Stromnetze. Ihren Wert erkennen wir besonders dann, wenn sie ausfallen. Mit Vertrauen verhält es sich ähnlich: Es bleibt oft unsichtbar, solange es funktioniert, und wird spürbar, wenn es verloren geht. Niklas Luhmann beschrieb Vertrauen bereits 1968 als einen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Ohne ein Mindestmaß an Vertrauen würde schon der Alltag von kaum zu bewältigenden Unsicherheiten und Entscheidungen bestimmt. Vertrauen ersetzt dabei weder Rechtsstaat noch Polizei oder Gesundheitsversorgung. Es trägt aber dazu bei, dass Menschen andere Menschen und Institutionen als verlässlich erleben können.

(Werefkin, 1914)
(Werefkin, 1914)

Was eine sichere Gesellschaft braucht

Diese soziale Infrastruktur entsteht an ganz gewöhnlichen Orten: in der Nachbarschaft, in Schulen, Vereinen, Behörden, am Arbeitsplatz oder im Gesundheitswesen. Sie entsteht, wenn Menschen erfahren, dass ihre Stimme gehört wird, wenn Menschen aufeinander achten, wenn Institutionen nachvollziehbar und fair handeln und wenn Beteiligung tatsächlich Einfluss ermöglicht. Teilhabe bedeutet dabei mehr als Anwesenheit. Sie vermittelt die Erfahrung, dass die eigene Perspektive zählt und man das gemeinsame Leben mitgestalten kann.

Deshalb ist Zugehörigkeit keine Einbahnstraße. Von Menschen zu verlangen, sich zugehörig zu fühlen, reicht nicht aus. Es braucht Bedingungen, unter denen Zugehörigkeit tatsächlich erfahren werden kann: Beteiligung, die etwas verändert; Beschwerdewege, die ernst genommen werden; Schutz vor Diskriminierung; verlässliche Institutionen und Räume, in denen Menschen einander regelmäßig begegnen, nicht erst dann, wenn Konflikte entstehen.

Kehren wir zu den beiden Personen auf ihrem Heimweg zurück. Wir wissen nicht, warum die eine entspannt geht und die andere sich immer wieder umsieht, aber wir wissen jetzt, wonach zu fragen wäre: nicht nur, ob eine konkrete Gefahr droht, sondern ob diese Person sich hier zugehörig, gesehen und verlässlich behandelt fühlt. Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen gemacht, die nichts mit dieser Straße zu tun haben. Vielleicht kennt die andere Person die Nachbarschaft, vertraut den Menschen dort und weiß, wen sie im Notfall anrufen könnte. Wahrscheinlich wirken mehrere Faktoren zugleich, darunter Vertrauen, Zugehörigkeitserfahrung und Vertrautheit mit dem Ort, und viele davon stehen in keiner Kriminalstatistik.

Genau das ist der Punkt: Sicherheit lässt sich nicht auf eine Zahl, eine Institution oder eine Schutzmaßnahme reduzieren. Eine Gesellschaft braucht einen funktionierenden Rechtsstaat und verlässliche öffentliche Institutionen, aber ebenso eine soziale Infrastruktur, die Menschen miteinander verbindet. In diese investieren wir, wenn wir Begegnung ermöglichen, Beteiligung wirksam machen, Diskriminierung abbauen und Vertrauen nicht als selbstverständlich voraussetzen. Die Wirkung der sozialen Infrastruktur ist schwerer zu erfassen als die einer Straßenlaterne. Aber sie entscheidet mit darüber, wie Menschen eine Straße, eine Klinik und letztlich die Gesellschaft selbst erleben, lange bevor etwas passiert.

Eine sichere Gesellschaft ist deshalb nicht nur eine, in der wenig Gefahr droht. Sie ist eine, in der man nicht erst beweisen muss, dass man dazugehört.

Literatur

  • Adedeji, A. (2021). Social capital and migrants’ quality of life: A systematic narrative review. Journal of International Migration and Integration, 22(1), 87–101. https://doi.org/10.1007/s12134-019-00724-6

  • Adedeji, A., Silva, N., & Bullinger, M. (2021). Cognitive and structural social capital as predictors of quality of life for Sub-Saharan African migrants in Germany. Applied Research in Quality of Life, 16(3), 1003–1017. https://doi.org/10.1007/s11482-019-09784-3 

  • Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. https://doi.org/10.1037/0033-2909.117.3.497 

  • Hart, T. C., Chataway, M., & Mellberg, J. (2022). Measuring fear of crime during the past 25 years: A systematic quantitative literature review. Journal of Criminal Justice, 82, 101988. https://doi.org/10.1016/j.jcrimjus.2022.101988

  • Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: A meta-analytic review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316 

  • Kawachi, I., & Berkman, L. F. (2001). Social ties and mental health. Journal of Urban Health, 78(3), 458–467. https://doi.org/10.1093/jurban/78.3.458 

  • Lorenc, T., Clayton, S., Neary, D., Whitehead, M., Petticrew, M., Thomson, H., Cummins, S., Sowden, A., & Renton, A. (2012). Crime, fear of crime, environment, and mental health and wellbeing: Mapping review of theories and causal pathways. Health & Place, 18(4), 757–765. doi.org/10.1016/j.healthplace.2012.04.001 

  • Luhmann, N. (1968). Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Ferdinand Enke. 

  • Paradies, Y., Ben, J., Denson, N., Elias, A., Priest, N., Pieterse, A., Gupta, A., Kelaher, M., & Gee, G. (2015). Racism as a determinant of health: A systematic review and meta-analysis. PLoS ONE, 10(9), e0138511. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0138511 

  • Sue, D. W., Capodilupo, C. M., Torino, G. C., Bucceri, J. M., Holder, A. M. B., Nadal, K. L., & Esquilin, M. (2007). Racial microaggressions in everyday life: Implications for clinical practice. American Psychologist, 62(4), 271–286. https://doi.org/10.1037/0003-066X.62.4.271 

Dr. Adekunle Adedeji

Adekunle Adedeji zog 2013 nach Deutschland, um ein Masterstudium im Bereich Public Health an der HAW Hamburg zu beginnen. Anschließend promovierte er am UKE Hamburg im Fach Medizinische Psychologie und arbeitete in der Forschungsgruppe Child Public Health.

2021 erhielt Dr. Adedeji ein Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Dieses ermöglichte ihm, an der North-West University in Südafrika seinem Forschungsinteresse nachzugehen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er als Postdoktorand an der BIGSSS Bremen tätig und übernahm zugleich eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAW Hamburg. Dort vertiefte er seine Forschung zu Gesundheit, Wohlbefinden und Vielfalt.

Seine Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass ein besseres Verständnis komplexer sozialer Probleme zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen beitragen kann. Er verfolgt das Ziel, Forschung zu betreiben, die Politik und Praxis informiert und dazu anregt, soziale Ungleichheiten abzubauen und das Wohlbefinden aller Menschen zu fördern.