Die Weisheit der Vielen und die Vielfalt der Weisheit
Kollektive Intelligenz bei RTL
Im Jahre 2008, in den Hoch-Zeiten des linearen Fernsehens, auf RTL zu bestaunen: „Die Weisheit der Vielen“. Eine Sendung, in der das Publikum vor Ort, aber auch vor den Bildschirmen zu Hause per Telefon über Fragen abstimmen sollten, um gemeinsam die an der Wahrheit am nächsten kommende Antwort zu finden. Während die Sendung vielleicht nicht ganz wissenschaftlichen Standards genügte und einen Schwerpunkt auf Schätzungen legte, bleibt das Phänomen real: In gewissen Kontexten sind Gruppen deutlich ‚besser‘ als einzelne Individuen. Beim Schätzen ist die Erklärung in etwa wie folgt: Manche überschätzen massiv, andere unterschätzen und das gleicht sich im Mittel aus. In einer vielzitierten Studie stellten Hong und Page (2004) fest, dass Vielfalt oft wichtiger ist als reine Spitzenleistung. Sie belegten, dass eine diverse Mischung intelligenter Personen bessere Ergebnisse liefert als eine exklusive Gruppe der Leistungsstärksten. Da die Expertengruppe untereinander zu homogen ist, fehlt ihnen der Vorteil unterschiedlicher Lösungsansätze, den die diverse Gruppe besitzt. Spätestens Surowiecki (2005) half mit seinem Werk „Die Weisheit der Vielen“ diese und ähnliche Erkenntnisse zu popularisieren. Das heißt natürlich nicht, dass eine Expertengruppe immer schlechter abschneidet. Es gibt Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Gruppe (im Mittel) bessere Ergebnisse liefert. Aber wann ist dies der Fall? Ein wichtiger Punkt ist das Oberthema dieses Sammelbandes: Vielfalt.
Ein Urnen-Experiment
Es hilft beispielsweise, wenn die Gruppe möglichst divers ist und unabhängig wählt. Betrachten wir einmal folgendes einfaches Beispiel, welches insbesondere in der epistemischen Logik diskutiert wurde (siehe Baltag et al. 2013). Stellen Sie sich zwei Urnen vor: Die ‚weiße Urne‘ enthält überwiegend weiße Kugeln (zwei weiße, eine schwarze), die ‚schwarze Urne‘ überwiegend schwarze (zwei schwarze, eine weiße). Eine dieser Urnen wird zufällig ausgewählt und in einen Raum gestellt, ohne dass jemand weiß, welche es ist.
Nun beginnt das Experiment: Personen gehen nacheinander in den Raum, ziehen eine Kugel, merken sich die Farbe und legen sie zurück. Danach geben sie vor allen anderen ihren Tipp ab, um welche Urne es sich handelt. Um Pattsituationen zu vermeiden, gilt die Regel: Wer sich unsicher ist (50/50), tippt immer entsprechend der eigenen gezogenen Farbe (zum Beispiel weiß gezogen → Tipp auf ‚weiße Urne‘).
Trügerische Kaskaden
Nehmen wir an, die ersten beiden Personen tippen auf die ‚weiße Urne‘. Aufgrund unserer Vorab-Regel wissen wir sicher: Beide haben tatsächlich eine weiße Kugel gezogen. (Hätte die zweite Person Schwarz gezogen, stünde es 1:1 und sie hätte auf ihren eigenen Zug ‚Schwarz‘ getippt).
Ab Person 3 beginnt nun die Informationskaskade: Selbst wenn diese Person eine schwarze Kugel zieht, wiegen die zwei weißen Kugeln der Vorgänger schwerer. Sie wird rationalerweise ebenfalls auf ‚Weiß‘ tippen. Da nun alle folgenden Personen immer nur den Tipp ‚Weiß‘ hören, wird ihre eigene Information wertlos – sie schließen sich der Herde an.
Das Tückische daran: Wenn die ersten beiden Kugeln zufällig weiß waren, obwohl die schwarze Urne im Raum steht (Wahrscheinlichkeit: 1/9), entsteht eine falsche Kaskade. Würden die Personen stattdessen einfach ihre gezogene Farbe nennen, würde das ‚Gesetz der großen Zahlen‘ greifen: Nach vielen Ziehungen würde sich das wahre Verhältnis der Kugeln zeigen. Das gegenseitige Beobachten der Tipps unterdrückt also paradoxerweise Informationen, obwohl jede einzelne Person für sich rational handelt.
Scheinbare Mehrheiten
Das Beispiel ist zugegeben konstruiert, aber es gibt realistische Sorgen der übermäßigen Parallelisierung. So können einseitige Meinungsmacher einen zu starken Einfluss im öffentlichen Diskurs haben. Dies kann auch in scheinbar dynamischen Netzwerken geschehen, gerade durch Botnetze und die Möglichkeiten moderner generativer Künstlicher Intelligenz. Die wenigsten Nutzenden kommentieren auf einer Plattform – viel mehr scrollen sie einfach durch und machen sich ein Bild der vermeintlichen Mehrheitsmeinung. Genauso gibt es einen vermeintlich wahrnehmbaren Zeitgeist, der immer hinterfragt werden muss. Populistische Pauschalen und einfache Lösungen sind selten das, was der Wahrheit nahekommt. Stattdessen gilt es, eine Vielzahl an gut informierten und aufrichtigen Perspektiven auf ein Thema einzubinden.
Mehr Qualität wagen
Wir Forschenden müssen uns auch an die eigene Nase fassen: Zu oft priorisieren wir kurzfristige, sichere Ergebnisse oder machen es uns in der Lehre mit Standardisierung bequem. Das verengt den Möglichkeitsraum drastisch und birgt drei Gefahren: Es droht die erwähnte Gleichschaltung, es fehlen (überraschend) relevante Perspektiven und die Persönlichkeitsbildung kommt zu kurz. Wir sollten wieder mehr Qualität wagen und diese notfalls auch bei Vorgesetzten einfordern. Ich hoffe, das Urnen-Beispiel hat den ersten Punkt bereits hinlänglich verdeutlicht.
Ungeahnte Relevanz
Zum zweiten Problem, der überraschenden Relevanz sei folgendes gesagt: Die Welt ist schnelllebig und vielseitig. Es hilft, im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein einiges an Spezialwissen zu sammeln.
Wie relevant die Forschung an Coronaviren sein sollte, hätte ich 2010 nicht abgeschätzt. Ich halte dies insbesondere auch für ein Plädoyer für Grundlagenforschung. Aus Nutzersicht könnte man sagen: Womöglich hat sich die physikalische Grundlagenforschung durch den technischen Fortschritt längst amortisiert. Schon im 19. Jahrhundert schufen wir die Basis für Technologien, die damals noch völlig unvorstellbar waren.
Auch die Geisteswissenschaften sind hier nicht zu vergessen. Überlegungen zur Verteilungsgerechtigkeit werden im wirtschaftlichen Wandel plötzlich relevant, oder bei den Kulturwissenschaften. Ein – leider – sehr relevantes Beispiel wären hier Osteuropastudien. Nach dem Kalten Krieg wurde dieser Bereich an den Hochschulen stark ausgedünnt. Warum sollten hier weiterhin Steuergelder eingesetzt werden, wenn der Ost-West-Konflikt doch gelöst schien? Als Russland dann seinen Krieg gegen die Ukraine begann, fehlte es hierzulande an akademischer Expertise.
Die ‚Gießkanne‘ ist besser als ihr Ruf: Breite Finanzierung, die nicht versucht, Trends zu erraten, ist ein legitimes Prinzip der Erkenntnisgewinnung. Eine große Sorge, die ich derzeit habe, ist die Gleichschaltung durch Lehrtools der Künstlichen Intelligenz (siehe Pérez-Escobar & Sarikaya 2024). Die scheinbare Effizienz von E-Tutoren beunruhigt mich. Wenn die persönliche Lehre wegfällt, verlieren die Studierenden etwas Wesentliches. Früher dienten Einführungsvorlesungen nicht der bloßen Wissensvermittlung, sondern dazu, den individuellen Zugang der Lehrenden zum Thema kennenzulernen.
Akademischer Eigensinn
Meine ganze akademische Karriere wurde in den ersten Seminaren am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg geprägt. Und zwar nicht zuletzt aufgrund der Eigenarten der Lehrenden: Eine Liebe zur Logik, der Fokus auf Strukturähnlichkeiten zwischen den Disziplinen und der Blick auf die eigentliche Forschungspraxis. Idiosynkratische, also unkonventionelle Interessen, die ein standardisiertes Portfolio nicht bedient hätte. Oder – wenn es sie bedient – wäre ich selbst obsolet, weil Hunderttausende Studierende genau diesen Hintergrund mitbrächten. Es ist daher wichtig, dass wir in der Lehre eigene Schwerpunkte setzen. Eine kleine ‚Sekte der Mathematik‘ – die Intuitionistische Logik – erlebt etwa gerade ein Revival. Sie ist in der Informatik relevant, und es ist gut, dass es Standorte gab, die diese Denktradition hochgehalten haben.
Wir müssen uns nun auch in der Wissenschaft selbst ein Bewusstsein dafür schaffen: Wenn wir nur dort Projektgelder vergeben, wo Ergebnisse naheliegen, werden neue, unerwartete Ansätze unwahrscheinlicher. Wenn wir zu viel und zu oft publizieren, können wir schwerer neue Blickwinkel entwickeln. Wir fliegen schon aus dem System, bevor sich zeigt, dass die neue Perspektive etwas bringen könnte.
Epistemische Tugenden
Nun habe ich viel über Nutzen gesprochen. Aber das Denken in der Kategorie ‚Nutzen' schadet oft der Vielfalt. Goodharts Gesetz besagt in etwa: „When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure“. Wenn wir Wissenschaft in Nutzen messen, wird sie nicht nützlicher. Daher sollten wir uns manchmal auch auf Aspekte der Persönlichkeitsbildung besinnen. Auch hier hilft es, viele Eindrücke zu sammeln – sprich: vielfältigen Perspektiven, Erfahrungen und Meinungen ausgesetzt zu sein. Nicht optimierte Lehre formt den Charakter; die Frustrationstoleranz erzeugt Freundschaften, die lange halten. Meine Behauptung ist: Vielfalt ist auch gut für den Charakter.
Nachdem nun viel dazu gesagt wurde, was Vielfalt bringt, wie ermöglichen wir diese denn? Ich glaube, dass der beste Weg die Rückbesinnung auf Werte und Tugenden ist. Für gutes epistemisches Miteinander müssen wir zurück zu epistemischen Werten wie der Bescheidenheit, der Ehrlichkeit und der Offenheit. Nicht der lauteste Hahn hat recht. Nicht der sturste Bock. Eigentlich ist es auch egal, wer Recht hat; wichtig ist nur, dass wir uns zusammen (oder gesamtgesellschaftlich) in die richtige Richtung bewegen. Und hier kommt ihr ins Spiel: Hinterfragt, was ihr lest, aber seid anderen Meinungen gegenüber offen. Alles zu hinterfragen ist nämlich auch kein sinnvoller Algorithmus, um der Wahrheit näher zu kommen.
Zusammenfassend: Wir brauchen also eine Vielfalt der Weisheit und verschiedenste Expertisen, um dann die Vielfalt abzurufen und alle möglichst inklusiv zu beteiligen.
Literatur
- Baltag, A., Christoff, Z., Hansen, J. U., & Smets, S. (2013). Logical models of informational cascades. Studies in Logic, 47, 405–432.
- Hong, L., & Page, S. E. (2004). Groups of diverse problem solvers can outperform groups of high-ability problem solvers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(46), 16385–16389.
- Pérez-Escobar, J. A., & Sarikaya, D. (2024). The Post-COVID 19 era, chat bots, and the homogenization of education: Pluralism as an epistemic virtue exemplified by mathematics education. Philosophy of Mathematics Education Journal, 41.
- Surowiecki, J. (2005). The wisdom of crowds. Vintage.