Vielfalt bei der Analyse von Manuskripten
Vielfalt der Handschriftlichkeit
Seit Jahrtausenden nutzen Gesellschaften das geschriebene Wort, um Informationen auszutauschen. Dabei haben sie vielfältige Medien verwendet. Der Medienwandel vom Analogen zum Digitalen vollzieht sich derzeit rasant und besitzt erhebliche Auswirkungen auf die Kommunikation. Das Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ (UWA) in Hamburg forscht zu Handschriften mit der ältesten überlieferten Tradition. Sie werden oft verallgemeinernd mit dem Sammelbegriff „Manuskripte“ beschrieben, wobei man damit generell ein mittelalterliches (europäisches) Buch, den Kodex, assoziiert, das dem gedruckten Buch entgegengestellt wird. Handschriftlichkeit blieb auch nach der Einführung des Typendrucks eine der Hauptformen der Schriftlichkeit. In vielen Weltregionen gingen Gesellschaften erst im 19. oder gar 20. Jahrhundert zum Typendruck über, sodass diesem global gesehen eher eine marginale Rolle zukommt.
Aufgrund der Bedeutung der Handschriftlichkeit haben Gesellschaften vielfältige Schreibmaterialien und -stoffe verwendet. Der Kodex ist dabei nur eine von vielen Buchformen. Um die unterschiedlichen Materialien zu erforschen, auf und mit denen geschrieben wurde, bedarf es einer breiten Palette an – idealerweise interdisziplinären – Ansätzen. Manuskriptforschung ist somit inhärent vielfältig. Das Ziel der Forschung besteht darin, die Kontexte der Erstellung (von wem, für wen, wann, wo und so weiter) sowie die weiteren Nutzungs- und Besitzverläufe bis in die Gegenwart zu erfassen. Dies ist unter anderem wichtig, um die Herkunft von Schriftartefakten zu klären und damit Debatten über ihre mögliche Rekonstitution, etwa in Form von Rückgabe im Falle von Raubgut, zu befördern. Im Folgenden wollen wir beispielhaft einige geistes- und naturwissenschaftliche Ansätze zur Erforschung handschriftlicher Objekte aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven darlegen.
Geisteswissenschaftliche Ansätze
Um die Vielfalt von Manuskriptkulturen zu verstehen, ist zunächst der Begriff „Manuskript“ wörtlich zu nehmen, also als ein „von Hand beschriebenes“ Objekt (siehe Fotos). Dadurch können wir über die enge Welt des Kodex hinausblicken und die Pluralität von weit verbreiteten Buchformen in unterschiedlichen Weltregionen verstehen, wie die besonders in Süd- und Südostasien verwendete Pothi-Form (Palmblattmanuskript), die Schriftrolle und das Leporello (Faltbuch). Gleichzeitig ermöglicht diese Weitung des Blicks, die volle Bandbreite an Schriftträgern jenseits des Papiers zu erfassen. Baumrinde, Ton und Palmenblätter sind nicht Sonderheiten gewisser Regionen und Perioden, sondern dienten über lange Zeiträume hinweg als Träger lebendiger Schriftkulturen. Die Schreibmaschine zum Beispiel wurde im 20. Jahrhundert in Südostasien mit einer Walzenlänge von bis zu 30 cm für die Verwendung von Palmblättern angepasst.
Schreibstoffe zeichnen sich durch eine ähnliche Vielfalt aus, wobei wir beispielsweise zahlreiche Varianten von Eisengallus- und Rußtinten mit komplexen Rezepturen finden. Manuskripte umfassen außerdem Schreibtechniken, die oft als disziplinär getrennt angesehen werden; so ist das Einritzen oder Eindrücken von Schriftzeichen auf Tontafeln im alten Mesopotamien ebenso eine Manuskriptkultur wie auf Stein eingemeißelte Inschriften oder mit Spraydosen aufgebrachte Graffiti der Gegenwart.
Die umfassende Erforschung dieser zunächst disparat wirkenden Merkmale kann nur durch eine lebendige Kultur der sogenannten „Kleinen Fächer“ getragen werden, die an der Universität Hamburg in außerordentlicher Vielfalt vertreten sind. Durch die Vermeidung eurozentrischer Grundannahmen ergibt sich ein pluralistischer Ansatz, der nicht als allgemeingültig erachtete Merkmale einer einzigen Manuskriptkultur zur Theorienbildung nutzt, sondern gerade die Vielfalt regional und zeitlich unterschiedener Manuskriptkulturen in Beziehung setzt. Durch einen verflechtungsgeschichtlichen Ansatz, der zeit- und regionalübergreifende Methoden und Begriffe entwickelt, wird die Pluralität als ein durch das Medium Manuskript bestimmtes anthropologisches Phänomen vergleichbar.
Ein solcher Ansatz erlaubt es, das Verhältnis von Handschriftlichkeit und Druck weit jenseits der Verengung auf das europäische Modell neu zu denken. Gesellschaften haben vielfältigere Drucktechniken als den Typendruck mit beweglichen Lettern entwickelt und folgten deutlich anderen Zeitschienen als der mit Johannes Gutenberg verbundene Medienwandel. In Ostasien setzte sich wesentlich früher der Blockdruck durch, bei dem der Inhalt (Bild und Text) als handschriftliches Relief ins Holz geschnitzt wurde und so mit Tinte die serielle Produktion von Schriftartefakten ermöglichte. In vielen arabischschriftlichen Gesellschaften dagegen wurde der Wandel zum Druck im 19. Jahrhundert durch das Steindruckverfahren (Lithographie) getragen, bei dem der handschriftlich auf den Stein aufgetragene Text ebenfalls die serielle Produktion gestattete. Diese beiden Beispiele machen schon deutlich, dass der Medienwandel zum Druck global gesehen von sehr unterschiedlichen Techniken getragen wurde und zeitlich unabhängig von der häufig als paradigmatisch angesehenen europäischen Entwicklung erforscht werden muss. Weiterhin wird deutlich, dass Handschriftlichkeit und Druck keine konzeptuelle Dualität darstellen. Vielmehr bleiben beide auch nach dem Erscheinen einer gewissen Drucktechnik eng verbunden. Druckkulturen profitieren von den Errungenschaften handschriftlicher und epigraphischer Praktiken in Bezug auf Materialien, Werkzeuge und Techniken, sodass sie oft von Manuskriptkulturen abgeleitet sind und lange in ihnen eingebettet bleiben. Handschrift und Druck schließen sich bei der Herstellung von Schriftartefakten keineswegs aus – sie sind seit der Antike miteinander verwoben und beeinflussen sich bis heute gegenseitig.
Naturwissenschaftliche Ansätze
Die ganzheitliche Erforschung der vielfältigen Manuskriptkulturen erfordert und ermöglicht nicht nur die Verflechtung traditionell disziplinär getrennter Geisteswissenschaften, sondern eröffnet auch Verbindungen mit den Naturwissenschaften. Den Naturwissenschaften und ihren universell einsetzbaren Methoden kommen eine besondere Bedeutung zu. Dabei bedingen die unterschiedlichen Manuskriptarten und die verschiedensten Fragestellungen ebenso vielfältige analytische Ansätze. In den letzten Jahren haben zum Beispiel die sogenannten non-targeted Omics-Analysen an Bedeutung gewonnen. Dabei handelt es sich um eine Vielzahl an unterschiedlichen Methoden, die gemeinsam haben, dass nicht einzelne Sequenzen, Moleküle oder Elemente isoliert (targeted) betrachtet werden, sondern in ihrer Gesamtheit mit dem Ziel, so viele chemische und physikalische Informationen wie möglich über ein Manuskript zu gewinnen. Dieser Ansatz eröffnet die Möglichkeit, unter anderem folgende Aspekte zu bearbeiten: Alter; Authentizität; Befall mit Insekten,
Mikroorganismen, Schimmelpilzen; Darstellung von versteckten oder verblassten Schriftzeichen; Herkunft; Herstellungsprozess; Konservierungsmaßnahmen; Informationen über Autoren/innen und Nutzer/innen; Lagerungsbedingungen; Materialität von Schreibunterlagen und Tinten, Rückschlüsse auf kulturelle Praktiken.
Zu den wichtigsten Omics-Disziplinen in diesem Bereich zählen: Genomics, Proteomics, Metabolomics und Metallomics / Isotopolomics (siehe Abbildung). Die Bezeichnungen der einzelnen Ansätze richten sich nach den jeweiligen Analytgruppen. So werden mit Genomics-basierten Methoden DNA-Moleküle als Träger der Geninformationen analysiert. Bei Proteomics-Methoden steht die Erforschung von Proteinen und Peptiden im Vordergrund, bei Metabolomics-Applikationen Stoffwechselprodukte (Metabolite) sowie kleine organische Moleküle und bei Metallomics- oder Isotopolomics-Techniken die Detektion von Elementen und Isotopenverhältnissen. Je nach Fragestellung werden unterschiedliche Omics-Verfahren oder deren Kombinationen angewendet.
Genomics- und Proteomics-Methoden eignen sich vor allem zur Identifizierung der Schreibmaterialien, beispielsweise um zu bestimmen, ob für die Herstellung von Pergamentmanuskripten Häute von Rindern oder Schafen verwendet wurden oder welche Pflanzen zur Erzeugung der Tinten dienten. Auf diese Weise können nicht nur Informationen über die Materialität gewonnen werden, sondern auch Rückschlüsse auf die kulturellen Praktiken zum Zeitpunkt ihrer Entstehung gezogen werden. Weiterhin haben sich die beiden Ansätze bewährt, um Rückstände von Menschen, Tieren, Mikroorganismen oder Viren zu identifizieren. Insbesondere Insekten, Bakterien und Pilze können zum Verfall von Manuskripten beitragen. Durch die genaue Bestimmung des jeweiligen Befalls lassen sich geeignete Konservierungsmaßnahmen ableiten. Zudem wurden mit den beiden Techniken auch Nahrungsreste auf Manuskripten nachgewiesen, die Hinweise auf die Ernährungsgewohnheiten der Autoren/innen und Nutzer/innen liefern. Metabolomics-Strategien eignen sich zur Charakterisierung von kleinen organischen Verbindungen und lassen Rückschlüsse auf die Herkunft, die Herstellungsmaßnahmen sowie bereits durchgeführte Restaurierungsmaßnahmen zu. Metallomics-Daten basieren auf der Detektion anorganischer Elemente, die in den Tinten zum Beispiel in Form von Eisen- oder Quecksilbersalzen eingesetzt werden. Bei der Analyse von Isotopenverhältnissen ist vor allem der Zerfall des radioaktiven Kohlenstoffisotops 14C von Relevanz, das eine Abschätzung des Alters der Manuskripte ermöglicht.
Für die Gewinnung von Datensätzen mit Omics-Verfahren ist mindestens eine minimalinvasive Probenahme erforderlich. Diese kann beispielsweise mittels Tupfer erfolgen, mit denen die Manuskriptoberfläche abgestrichen wird, sodass mit bloßem Auge keine Beschädigungen am Objekt sichtbar sind. Der Informationsgehalt, der mit solchen Methoden gewonnen werden kann, ist jedoch begrenzt, da lediglich oberflächliche Analyten in sehr niedrigen Gehalten erfasst werden. Abhängig vom Alter und von der Beschaffenheit verlieren Manuskripte häufig kleinere Fragmente, die nicht mehr für eine Rekonstruktion geeignet sind, sich aber für Analysen eignen. Mit den Fragmenten lässt sich häufig eine größere Vielzahl an Analyten detektieren und damit ein umfassenderes Informationsspektrum gewinnen. Zudem wird auf diese Weise eine potentielle Beeinträchtigung des eigentlichen Manuskripts durch invasive Verfahren vermieden.
Alternativ zu Omics-Daten können ohne Probenahme reine Bilddaten (Imageomics) zur Analyse von Manuskripten eingesetzt werden, die mit hochauflösenden Kameras oder Mikroskopen gemacht wurden. Häufig werden solche Bilddaten bei vielen unterschiedlichen Wellenlängen aufgenommen (Multispektral- oder Hyperspektral-Imaging), um verborgene oder verblasste Schriftzeichen sichtbar zu machen. Darüber hinaus werden auch bildgebende Verfahren genutzt, wie sie aus der medizinischen Diagnostik bekannt sind, und zu denen die Magnetresonanztomographie oder die Computertomographie zählen. Letztere eignet sich beispielsweise, um Schrifttafeln aus dem Inneren von Tonumschlägen einsehen zu können, die die Inhalte der Tafeln vor ungewollten Blicken schützen. Dadurch konnten die Inhalte entziffert werden, ohne Hand an die Tonumschläge legen zu müssen.
Die Forschung für die in diesem Essay dargestellten Ergebnisse wurden gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder – EXC 2176 “Understanding Written Artefacts: Material, Interaction and Transmission in Manuscript Cultures”, Projektnr. 390893796. Die Forschung fand am Centre for the Study of Manuscript Cultures (CSMC) der Universität Hamburg statt.