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Polykrisen und die Zukünfte der Gegenwart

Wie entstehen Zukunftsbilder jenseits von Apokalypse und Technikglauben? Angesichts multipler Krisen bieten plurale Ökonomien ambitionierte Pfade: Sie rücken die Vielfalt existierender wirtschaftlicher Praktiken für eine echte Transformation in den Fokus.
Essay von Alica Repenning 5. Oktober 2025

Vielfältige Zukunftsentwürfe ermöglichen neue Perspektiven. (GEOMAR Expedition ALKOR AL630 Ostsee-Bornholmbecken)
Vielfältige Zukunftsentwürfe ermöglichen neue Perspektiven. (GEOMAR Expedition ALKOR AL630 Ostsee-Bornholmbecken)

Mögliche Zukünfte jenseits von Resignationen und Luftschlössern

Die Herausforderungen des Klimawandels, die sich beispielsweise anhand von Biodiversitätsverlust und Wasserknappheit äußern, verdeutlichen die Dringlichkeit gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels, den man als Transformation bezeichnet. Doch wie kann Transformation gelingen? Welche Möglichkeiten bestehen, die Wirtschaft neu zu denken und zu praktizieren? Und wie können alternative Zukunftsentwürfe jenseits von Endzeitstimmung oder illusorischen Imaginären gedacht werden? Um weder Luftschlösser zu entwerfen noch angesichts der tiefgreifenden Dimensionen der Krisen in Resignation zu verfallen, bietet der Ansatz der pluralen Ökonomien  einen alternativen Zugang (im Original: „diverse economies“).

Der Ansatz wurde bereits an anderer Stelle in diesem Sammelband umfassend definiert (Bäuerle, 2026). Ziel dieses Beitrags ist es, aufzuzeigen, wieso plurale Ökonomien in Zeiten der Polykrisen neue Relevanz gewinnen. Der Fokus liegt auf der Frage, inwiefern plurale Ökonomien in Verbindung mit vielfältigen Zukunftsentwürfen Perspektiven jenseits vermeintlicher systemischer Sackgassen eröffnen können.

Plurale Ökonomien

Die Perspektive der „diverse economies“ wurde 1996 von den Wirtschaftsgeografinnen Gibson und Graham entworfen. Sie folgt einer feministischen Perspektive und trägt zu einem konstruktivistischen und pragmatistischen Verständnis der Wirtschaft bei. Diese Perspektive bietet einen theoretischen Rahmen, der alternative Formen des Sehens, Entwerfens und Gestaltens der Wirtschaft einschließt – jenseits kritischer Theorie ebenso wie jenseits traditioneller wirtschaftswissenschaftlicher Perspektiven (Gibson-Graham, 2008). Folglich wird eine Wirtschaft der Pluralität betont. Dies bedeutet, die inhärente Vielfalt wirtschaftlicher Praktiken anzuerkennen, statt die Wirtschaft als monolithisches, rein profitorientiertes Konstrukt zu betrachten. So heben Gibson-Graham hervor, dass Sorgearbeit oder Schenken ebenfalls Teil der Wirtschaft sind – Praktiken, die häufig nicht gesehen oder entwertet werden. Sie betonen die Notwendigkeit, solche verborgenen Praktiken stärker in den Mittelpunkt zu rücken (Gibson-Graham, 2008; Healy, 2009). Forschung aus einer Diverse-Economies-Perspektive plädiert daher für einen Perspektivwechsel auf die Wirtschaft, indem sie Taktiken sichtbar macht, wie Wirtschaft anders gestaltet werden kann.

Das Eisberg-Modell nach Gibson-Graham: Die formale Marktwirtschaft bildet lediglich die sichtbare Spitze einer weitaus größeren, diversen Ökonomie.
Das Eisberg-Modell nach Gibson-Graham: Die formale Marktwirtschaft bildet lediglich die sichtbare Spitze einer weitaus größeren, diversen Ökonomie.

Vielfältige Zukunftsentwürfe als Praxis und Vorstellung

Diverse Ökonomien werden somit definiert als eine „vielfältige wirtschaftliche Landschaft von Möglichkeiten (…), die eine andere Wirtschaft performt und eine Vielfalt wirtschaftlicher Aktivitäten als Gegenstand der Untersuchung sichtbar macht“ (Gibson-Graham, 2008, S. 616, eigene Übersetzung). Dieser Ansatz unterstreicht, dass unsere Wirtschaft nicht ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sondern bereits vielfältige alternative Formen des Wirtschaftens existieren. Entscheidend ist, diese Vielfalt wahrzunehmen, zu stärken und als Impulsgeber für die Imagination alternativer Zukünfte zu nutzen.

Future-making ist in diesem Zusammenhang sowohl ein Imaginieren als auch eine Praxis. Um dieses Zusammenspiel hervorzuheben, wird auf nowtopias (Ormerod, 2023)  oder real-utopias (Gümüsay & Reinecke, 2022) verwiesen. Demnach existieren bereits bessere Zukünfte und werden in der Gegenwart vollzogen, indem Personen ihre Zukunftsvisionen in die Tat umsetzen (Gibson-Graham & Dombroski, 2020). Das Praktizieren und Imaginieren von Zukunft ist immer ein Gefüge aus vergangenen Ereignissen, die zum Aufbau des aktuellen Zustands beitragen, dem Eingreifen in diesen Zustand in der Gegenwart sowie dem Imaginieren alternativer zukünftiger Entwicklungen, die daraus resultieren.

Polykrisen und die zukunftsweisende Gegenwart

Die Forschung zu multidimensionalen Krisensituationen hat in den vergangenen Jahren an Dynamik gewonnen und wird häufig unter dem Begriff Polykrise gefasst. Ob eine Polykrise etwas historisch völlig Neues darstellt oder nicht, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Angesichts der verbreiteten Verwendung des Begriffs zur Beschreibung mehrfacher und sich überlappender Krisen scheint er jedoch gut geeignet zu sein, die aktuellen, verflochtenen Dringlichkeiten und Problemlagen zu erfassen (Garretsen, Kitson, Yang, 2025).

In Zeiten multipler Krisen zeigt sich der Klimawandel einerseits als alarmierende Vorankündigung eines möglichen Endes unserer globalen Systeme und ist zugleich ein alltäglicher Bestandteil des Lebens. Die immanente Bedrohung durch den Klimawandel konkurriert mit ebenso fordernden und teils alltäglichen Problemen.

Reine Kritik scheint in dem Zusammenhang zu kurz zu greifen, da in Bezug auf den Klimawandel längst klar ist, was wir ändern müssen. Dabei wird die Frage des „Wie“ so kontrovers diskutiert, dass zukunftsweisende Praktiken und Imaginäre der Gegenwart in den Hintergrund der Diskussion rücken. Im Sinne der pluralen Ökonomien wird aus einer Perspektive der Kritik eine Perspektive der Möglichkeiten. Erste Schritte, Praktiken und vielfältige Perspektiven stehen hier abstrakten Klimazielen und einer reinen Kritik des Status-quo gegenüber.

Abseits des Klimawandels sehen wir neue Machtverhältnisse in Bezug auf digitale Wachstumsmärkte, die mit den Verheißungen der Künstlichen Intelligenz zusammenhängen. Dabei untergraben dringliche Belange der digitalen Souveränität Dringlichkeiten in Bezug auf die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen. Hier gelangen Fragen der Nachhaltigkeit durch Belange der digitalen Souveränität in den Hintergrund. Dabei zeigt sich eindrucksvoll, wie aktuelle Zukunftsentwürfe von den Möglichkeiten globaler Technologieunternehmen dominiert werden. Im Sinne der pluralen Ökonomien sollten dominante technikzentrierte Utopien dahingehend analysiert werden, wer diese Utopien entwirft, wessen Stimmen und Ziele einbezogen werden und wessen zukunftsweisende Perspektiven und Praktiken ignoriert oder marginalisiert werden (vgl. Datta, 2015).

Monitoring der zentralen Ostsee, Bornholmbecken: Langzeitstudie zur Untersuchung von Artengemeinschaften und Ökosystemleistungen im Kontext globaler und regionaler Umweltveränderungen. (GEOMAR Expedition ALKOR AL592)
Monitoring der zentralen Ostsee, Bornholmbecken: Langzeitstudie zur Untersuchung von Artengemeinschaften und Ökosystemleistungen im Kontext globaler und regionaler Umweltveränderungen. (GEOMAR Expedition ALKOR AL592)

Vielfältige Zukunftsentwürfe für den Ostseeraum

Am Beispiel des Ostseeraums erkennen wir eine Region mit großen Potenzialen der nachhaltigen Transformation. Die Ostseeregion ist ein zentraler Schauplatz für grün-blaue Innovationen, die wirtschaftliches Wachstum mit ökologischen Anliegen in Einklang bringen sollen (Klein et al., 2023). Die Region gilt zudem als Vorreiterregion in der Meeresbeobachtung und verfügt über jahrzehntelange Daten zu Meereslebewesen und Fischbeständen (Geomar, 2024). Dennoch werden die Umweltbedingungen der Region als mangelhaft eingeschätzt; Probleme wie Temperaturanstieg, Eutrophierung, Ozeanversauerung und Verschmutzung sind weit verbreitet (HELCOM, 2023). Trotz der privilegierten Anrainer-Nationen mit hohem wirtschaftlichem Status, gestalten sich nachhaltige Transformationen als schwierig (Dobrzycka-Krahel & Bogalecka, 2022). Gleichzeitig rückt die Region zunehmend bei Sicherheitsfragen in den Fokus. Hybride Kriegsführung auf dem Meer und in digitalen Räumen des Ostseeraumes sind hier beispielhaft zu nennen.

Es lohnt sich, in der Ostseeregion auf zukunftsweisende Praktiken und Technologien zu schauen, die bereits in der Gegenwart alternative Zukünfte verwirklichen und ein Beispiel für plurale Ökonomien darstellen. Fragen, die hier spannend werden, sind: Welche Möglichkeiten zur Plastik-Reduktion werden praktiziert? Welche Politiken bringen landwirtschaftliche und meeresökologische Fragen in Einklang? Wie werden sichere und souveräne digitale Räume gestaltet? Welche Nationen sind Vorreiter in erneuerbaren und unabhängigen Energien? Ein Blick auf die teils weniger sichtbaren, aber dennoch existenten Ideen und Praktiken verweist auf bestehende vielfältige Zukunftsentwürfe in einer Region und auf die Vielfalt eines Wirtschaftssystems, dessen Erneuerung dringend nottut. Es kann sich lohnen, die transformativen und dennoch eher unsichtbaren Praktiken der Gegenwart in den Blick zu nehmen und die vielfältigen Potenziale für die pluralen Ökonomien einer Region zu erkennen. 

Literatur

Dr. Alica Repenning

Alica Repenning studierte Geographie an der Universität Heidelberg, der Loughborough University und der University of Copenhagen. Von 2019 bis 2023 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS). 2023 promovierte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin  mit einer Arbeit, in der sie die Spannungen zwischen Online- und Offline-Räumen sowie deren zeitliche Kontraste in den Fokus rückte. Seit Oktober 2023 ist sie Postdoktorandin am Lehrstuhl für Humangeographie an der Universität Greifswald.

In ihrer Forschung untersucht sie das Zusammenspiel von Menschen, Umwelt und Technologien bei der Gestaltung von Geographien des Wandels. Im Zentrum steht die gesellschaftliche und wirtschaftliche Aushandlung globaler Megatrends – insbesondere der digitalen Transformation und der Klimawandeltransition. Ihre Arbeit konzentriert sich insbesondere auf digitale Technologien, multiple Krisenlagen des Ostseeraums sowie Formen des transformativen Unternehmertums.