Polykrisen und die Zukünfte der Gegenwart
Mögliche Zukünfte jenseits von Resignationen und Luftschlössern
Die Herausforderungen des Klimawandels, die sich beispielsweise anhand von Biodiversitätsverlust und Wasserknappheit äußern, verdeutlichen die Dringlichkeit gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels, den man als Transformation bezeichnet. Doch wie kann Transformation gelingen? Welche Möglichkeiten bestehen, die Wirtschaft neu zu denken und zu praktizieren? Und wie können alternative Zukunftsentwürfe jenseits von Endzeitstimmung oder illusorischen Imaginären gedacht werden? Um weder Luftschlösser zu entwerfen noch angesichts der tiefgreifenden Dimensionen der Krisen in Resignation zu verfallen, bietet der Ansatz der pluralen Ökonomien einen alternativen Zugang (im Original: „diverse economies“).
Der Ansatz wurde bereits an anderer Stelle in diesem Sammelband umfassend definiert (Bäuerle, 2026). Ziel dieses Beitrags ist es, aufzuzeigen, wieso plurale Ökonomien in Zeiten der Polykrisen neue Relevanz gewinnen. Der Fokus liegt auf der Frage, inwiefern plurale Ökonomien in Verbindung mit vielfältigen Zukunftsentwürfen Perspektiven jenseits vermeintlicher systemischer Sackgassen eröffnen können.
Plurale Ökonomien
Die Perspektive der „diverse economies“ wurde 1996 von den Wirtschaftsgeografinnen Gibson und Graham entworfen. Sie folgt einer feministischen Perspektive und trägt zu einem konstruktivistischen und pragmatistischen Verständnis der Wirtschaft bei. Diese Perspektive bietet einen theoretischen Rahmen, der alternative Formen des Sehens, Entwerfens und Gestaltens der Wirtschaft einschließt – jenseits kritischer Theorie ebenso wie jenseits traditioneller wirtschaftswissenschaftlicher Perspektiven (Gibson-Graham, 2008). Folglich wird eine Wirtschaft der Pluralität betont. Dies bedeutet, die inhärente Vielfalt wirtschaftlicher Praktiken anzuerkennen, statt die Wirtschaft als monolithisches, rein profitorientiertes Konstrukt zu betrachten. So heben Gibson-Graham hervor, dass Sorgearbeit oder Schenken ebenfalls Teil der Wirtschaft sind – Praktiken, die häufig nicht gesehen oder entwertet werden. Sie betonen die Notwendigkeit, solche verborgenen Praktiken stärker in den Mittelpunkt zu rücken (Gibson-Graham, 2008; Healy, 2009). Forschung aus einer Diverse-Economies-Perspektive plädiert daher für einen Perspektivwechsel auf die Wirtschaft, indem sie Taktiken sichtbar macht, wie Wirtschaft anders gestaltet werden kann.
Vielfältige Zukunftsentwürfe als Praxis und Vorstellung
Diverse Ökonomien werden somit definiert als eine „vielfältige wirtschaftliche Landschaft von Möglichkeiten (…), die eine andere Wirtschaft performt und eine Vielfalt wirtschaftlicher Aktivitäten als Gegenstand der Untersuchung sichtbar macht“ (Gibson-Graham, 2008, S. 616, eigene Übersetzung). Dieser Ansatz unterstreicht, dass unsere Wirtschaft nicht ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sondern bereits vielfältige alternative Formen des Wirtschaftens existieren. Entscheidend ist, diese Vielfalt wahrzunehmen, zu stärken und als Impulsgeber für die Imagination alternativer Zukünfte zu nutzen.
Future-making ist in diesem Zusammenhang sowohl ein Imaginieren als auch eine Praxis. Um dieses Zusammenspiel hervorzuheben, wird auf nowtopias (Ormerod, 2023) oder real-utopias (Gümüsay & Reinecke, 2022) verwiesen. Demnach existieren bereits bessere Zukünfte und werden in der Gegenwart vollzogen, indem Personen ihre Zukunftsvisionen in die Tat umsetzen (Gibson-Graham & Dombroski, 2020). Das Praktizieren und Imaginieren von Zukunft ist immer ein Gefüge aus vergangenen Ereignissen, die zum Aufbau des aktuellen Zustands beitragen, dem Eingreifen in diesen Zustand in der Gegenwart sowie dem Imaginieren alternativer zukünftiger Entwicklungen, die daraus resultieren.
Polykrisen und die zukunftsweisende Gegenwart
Die Forschung zu multidimensionalen Krisensituationen hat in den vergangenen Jahren an Dynamik gewonnen und wird häufig unter dem Begriff Polykrise gefasst. Ob eine Polykrise etwas historisch völlig Neues darstellt oder nicht, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Angesichts der verbreiteten Verwendung des Begriffs zur Beschreibung mehrfacher und sich überlappender Krisen scheint er jedoch gut geeignet zu sein, die aktuellen, verflochtenen Dringlichkeiten und Problemlagen zu erfassen (Garretsen, Kitson, Yang, 2025).
In Zeiten multipler Krisen zeigt sich der Klimawandel einerseits als alarmierende Vorankündigung eines möglichen Endes unserer globalen Systeme und ist zugleich ein alltäglicher Bestandteil des Lebens. Die immanente Bedrohung durch den Klimawandel konkurriert mit ebenso fordernden und teils alltäglichen Problemen.
Reine Kritik scheint in dem Zusammenhang zu kurz zu greifen, da in Bezug auf den Klimawandel längst klar ist, was wir ändern müssen. Dabei wird die Frage des „Wie“ so kontrovers diskutiert, dass zukunftsweisende Praktiken und Imaginäre der Gegenwart in den Hintergrund der Diskussion rücken. Im Sinne der pluralen Ökonomien wird aus einer Perspektive der Kritik eine Perspektive der Möglichkeiten. Erste Schritte, Praktiken und vielfältige Perspektiven stehen hier abstrakten Klimazielen und einer reinen Kritik des Status-quo gegenüber.
Abseits des Klimawandels sehen wir neue Machtverhältnisse in Bezug auf digitale Wachstumsmärkte, die mit den Verheißungen der Künstlichen Intelligenz zusammenhängen. Dabei untergraben dringliche Belange der digitalen Souveränität Dringlichkeiten in Bezug auf die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen. Hier gelangen Fragen der Nachhaltigkeit durch Belange der digitalen Souveränität in den Hintergrund. Dabei zeigt sich eindrucksvoll, wie aktuelle Zukunftsentwürfe von den Möglichkeiten globaler Technologieunternehmen dominiert werden. Im Sinne der pluralen Ökonomien sollten dominante technikzentrierte Utopien dahingehend analysiert werden, wer diese Utopien entwirft, wessen Stimmen und Ziele einbezogen werden und wessen zukunftsweisende Perspektiven und Praktiken ignoriert oder marginalisiert werden (vgl. Datta, 2015).
Vielfältige Zukunftsentwürfe für den Ostseeraum
Am Beispiel des Ostseeraums erkennen wir eine Region mit großen Potenzialen der nachhaltigen Transformation. Die Ostseeregion ist ein zentraler Schauplatz für grün-blaue Innovationen, die wirtschaftliches Wachstum mit ökologischen Anliegen in Einklang bringen sollen (Klein et al., 2023). Die Region gilt zudem als Vorreiterregion in der Meeresbeobachtung und verfügt über jahrzehntelange Daten zu Meereslebewesen und Fischbeständen (Geomar, 2024). Dennoch werden die Umweltbedingungen der Region als mangelhaft eingeschätzt; Probleme wie Temperaturanstieg, Eutrophierung, Ozeanversauerung und Verschmutzung sind weit verbreitet (HELCOM, 2023). Trotz der privilegierten Anrainer-Nationen mit hohem wirtschaftlichem Status, gestalten sich nachhaltige Transformationen als schwierig (Dobrzycka-Krahel & Bogalecka, 2022). Gleichzeitig rückt die Region zunehmend bei Sicherheitsfragen in den Fokus. Hybride Kriegsführung auf dem Meer und in digitalen Räumen des Ostseeraumes sind hier beispielhaft zu nennen.
Es lohnt sich, in der Ostseeregion auf zukunftsweisende Praktiken und Technologien zu schauen, die bereits in der Gegenwart alternative Zukünfte verwirklichen und ein Beispiel für plurale Ökonomien darstellen. Fragen, die hier spannend werden, sind: Welche Möglichkeiten zur Plastik-Reduktion werden praktiziert? Welche Politiken bringen landwirtschaftliche und meeresökologische Fragen in Einklang? Wie werden sichere und souveräne digitale Räume gestaltet? Welche Nationen sind Vorreiter in erneuerbaren und unabhängigen Energien? Ein Blick auf die teils weniger sichtbaren, aber dennoch existenten Ideen und Praktiken verweist auf bestehende vielfältige Zukunftsentwürfe in einer Region und auf die Vielfalt eines Wirtschaftssystems, dessen Erneuerung dringend nottut. Es kann sich lohnen, die transformativen und dennoch eher unsichtbaren Praktiken der Gegenwart in den Blick zu nehmen und die vielfältigen Potenziale für die pluralen Ökonomien einer Region zu erkennen.
Literatur
- Datta, A. (2015). New urban utopias of postcolonial India. Dialogues in Human Geography, 5(1), 3–22. https://doi.org/10.1177/2043820614565748
- Dobrzycka-Krahel, A., & Bogalecka, M. (2022). The Baltic Sea under Anthropopressure—The Sea of Paradoxes. Water, 14(22), 3772. https://doi.org/10.3390/w14223772
- Garretsen, H., Kitson, M., & Yang, C. (2025). Global forces and local impacts: Megatrends in regional development. Cambridge Journal of Regions, Economy and Society, 18(1), 1–16. doi.org/10.1093/cjres/rsae047
- Geomar. (2024). Baltic Sea. https://www.geomar.de/en/discover/baltic-sea (abgerufen 25.11.2025)
- Gibson-Graham, J. K. (2008). Diverse economies: Performative practices for other worlds. Progress in Human Geography, 32(5), 613–632. https://doi.org/10.1177/0309132508090821
- Gibson-Graham, J. K., & Dombroski, K. (2020). Chapter 1 Introduction to The Handbook of Diverse Economies: Inventory as ethical intervention. https://china.elgaronline.com/edcollchap/edcoll/9781788119955/9781788119955.00008.xml (abgerufen 25.11.2025)
- Gümüsay, A. A., & Reinecke, J. (2022). Researching for Desirable Futures: From Real Utopias to Imagining Alternatives. Journal of Management Studies, 59(1), 236–242. https://doi.org/10.1111/joms.12709
- HELCOM. (2023). State of the Baltic Sea (Baltic Sea Environment Proceedings No. 194, Third HELCOM Holistic Assessment 2016–2021). https://helcom.fi/wp-content/uploads/2023/10/State-of-the-Baltic-Sea-2023-in-brief-final-2.pdf (abgerufen 25.11.2025)
- Healy, S. (2009). Economies, Alternative. In International Encyclopedia of Human Geography (pp. 338–344). Elsevier. https://doi.org/10.1016/B978-008044910-4.00132-2
- Klein, O., Lisdat, C., & Tamásy, C. (2023). Blue economy agenda for the Baltic Sea region. In Blue economy people and regions in transitions (pp. 141–157). Routledge.