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Sicherheit ohne Vertrag: Autokratien im Schulterschluss

Kein Vertrag, kein Bündnisfall, kein Hauptquartier – und trotzdem kooperieren Autokratien sicherheitspolitisch immer enger. Was fördert diese Zusammenarbeit? Die Antwort liegt weniger in gemeinsamen Feinden als im Machterhalt der Regierenden.
Essay von Sabine Mokry, 15. Oktober 2026

Mit keinem anderen Land üben Chinas Streitkräfte so regelmäßig den gemeinsamen Ernstfall wie mit Russland – hier beim Großmanöver Wostok 2018 in Sibirien. (Pressebild des russischen Präsidialamtes)
Mit keinem anderen Land üben Chinas Streitkräfte so regelmäßig den gemeinsamen Ernstfall wie mit Russland – hier beim Großmanöver Wostok 2018 in Sibirien. (Pressebild des russischen Präsidialamtes)

Seit 2019 führten Russland, China und Iran im Golf von Oman regelmäßig Marinemanöver durch.[1] Im März 2025 etwa trafen chinesische Zerstörer, die eben noch vor Somalia Handelsschiffe eskortiert haben, im iranischen Hafen Chabahar auf Kreuzer der russischen Pazifikflotte, die aus Wladiwostok kommen, und auf Schiffe der iranischen Marine und der Revolutionsgarden. Gemeinsam übten sie einige Tage lang, ein brennendes Schiff zu löschen, ein gekapertes zu befreien und nachts auf Luftziele zu schießen. Es gibt keinen Vertrag, der die drei Streitkräfte zu gemeinsamen Übungen verpflichtet. Genauso wenig leitet sich aus den gemeinsamen Übungen eine Beistandsverpflichtung im Kriegsfall ab. Darüber hinaus gibt es kein permanentes gemeinsames Hauptquartier, das die Übungen koordiniert. Und trotzdem laufen die Schiffe fast jedes Jahr gemeinsam aus. Ähnliches gilt abseits des Meeres: Überwachungskameras chinesischer Bauart hängen bei den iranischen Revolutionsgarden, Nigerias früherer Generalstabschef hat an der Nationalen Verteidigungsuniversität in Peking studiert, Saudi-Arabien baut mit chinesischer Hilfe Drohnen und Raketen, und chinesische Maschinen halten die russische Rüstungsproduktion am Laufen. Wer verstehen will, was diese Zusammenarbeit der Autokraten trägt, muss nach innen schauen: Sie dient weniger der gemeinsamen Verteidigung als dem Machterhalt der Regierenden.[2]

Militärs aus China, dem Iran und Russland beim „Maritime Security Belt 2023“, dem dritten gemeinsamen maritimen Militärmanöver zwischen dem Iran, Russland und China (Agenturbild der Tasnim News Agency, einer staatlich kontrollierten iranischen Nachrichtenagentur)
Militärs aus China, dem Iran und Russland beim „Maritime Security Belt 2023“, dem dritten gemeinsamen maritimen Militärmanöver zwischen dem Iran, Russland und China (Agenturbild der Tasnim News Agency, einer staatlich kontrollierten iranischen Nachrichtenagentur)

Wessen Sicherheit?

Der Blick nach innen ist ungewohnt. Meist betrachten wir sicherheitspolitische Kooperationen von außen. Dabei legen wir oft einen Maßstab an, der aus unserer eigenen Erfahrung stammt. Im euro-atlantischen Kontext ist unser Vokabular für sicherheitspolitische Zusammenarbeit von Verträgen geprägt. Wir denken an Beistandspflicht, Bündnisfall, Verlässlichkeit. Die europäische Sicherheitsordnung besteht im Kern aus unterschriebenen Dokumenten, vom Nordatlantikvertrag bis zu den Abkommen der Rüstungskontrolle. Auch die Zeitenwende, Deutschlands Antwort auf den russischen Angriff auf die Ukraine, setzt auf Bündnissolidarität. Entsprechend fragen wir bei anderen Konstellationen vor allem, ob sie schon ein Bündnis gegen einen gemeinsamen Gegner sind. Die öffentliche Debatte kennt darauf zwei Antworten. Die eine sieht eine neue Achse und spricht von einer „axis of upheaval” (Achse des Umbruchs), einem „quartet of chaos” (Quartett des Chaos) oder einer „Achse der Skrupellosen”. Die andere hält dagegen, dass Russland, China, Iran und Nordkorea kein Bündnis geschlossen haben, und erklärt ihre Zusammenarbeit zur bloßen Zweckgemeinschaft. Spätestens als Moskau und Peking dem Iran nach den israelischen und amerikanischen Angriffen nicht beisprangen, schien das bestätigt. So gegensätzlich beide Urteile sind, sie beantworten dieselbe Frage: Allianz oder keine Allianz? Damit messen sie autoritäre Zusammenarbeit an einer Form, die die Beteiligten gar nicht anstreben, und übersehen, um wessen Sicherheit es eigentlich geht.

Sicherheit heißt Regimesicherheit

Für autoritäre Herrscher lautet die Antwort: zuerst um ihre eigene. Regierende in Demokratien können eine Wahl verlieren, gehen in die Opposition und versuchen es beim nächsten Mal erneut. Wer in einer Autokratie die Macht verliert, verliert oft mehr: Freiheit, Vermögen, mitunter das Leben. Autokraten richten ihr Handeln deshalb konsequent darauf aus, an der Macht zu bleiben. Bedroht werden sie dabei weniger von fremden Armeen als von innen. Da ist eine Bevölkerung, die von politischer Teilhabe ausgeschlossen ist, und da sind Eliten, deren Loyalität immer wieder neu gesichert werden muss. Sicherheit bedeutet in dieser Logik vor allem Sicherheit des Regimes.[3]

Aus dieser Perspektive erscheint ein Bündnisvertrag in anderem Licht. In Demokratien schafft er Glaubwürdigkeit: Wer sich öffentlich und verbindlich festlegt, macht ein Versprechen teuer und damit glaubhaft. Für autoritäre Herrscher ist genau diese Bindung ein Risiko. Ein Vertrag verpflichtet nicht nur den Partner, sondern auch einen selbst. Er legt Zusagen offen und macht sie überprüfbar, auch für Akteure im eigenen Land. Informelle Arrangements dagegen lassen sich ausweiten, zurückfahren oder abstreiten, je nachdem, was der Machterhalt gerade verlangt. Wie schnell das gehen kann, zeigt Chinas Verhalten nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Peking richtete seine sicherheitspolitischen Kontakte binnen kurzer Zeit auf Moskau aus, auf Kosten anderer Partner, und musste dafür keinen einzigen Vertrag kündigen. Informalität ist in diesen Beziehungen daher kein Vorstadium auf dem Weg zum richtigen Bündnis. Sie ist die Form, die autokratische Regierungen bewusst wählen.

Kuwaitische Panzerhaubitzen vom Typ PLZ-45 aus chinesischer Produktion bei der Militärparade zum 50. Unabhängigkeitstag am 26. Februar 2011. (Foto veröffentlicht vom US Militär)
Kuwaitische Panzerhaubitzen vom Typ PLZ-45 aus chinesischer Produktion bei der Militärparade zum 50. Unabhängigkeitstag am 26. Februar 2011 (Foto veröffentlicht vom US-Militär)

Was autoritäre Regime zusammenschweißt

Was aber hält sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Autokratien zusammen? Die Antwort liegt in den drei Strategien, mit denen autoritäre Herrscher ihre Macht sichern: Sie werben um Zustimmung in der Bevölkerung, sie binden die Eliten an sich, und sie unterdrücken diejenigen, die sich widersetzen. Zu jeder dieser Strategien, Legitimation, Kooptation und Repression, kann eine Sicherheitskooperation mit anderen Autokratien beitragen.[4]

Das beginnt bei der Legitimation. Die Manöver im Golf von Oman richten sich nicht nur an die Weltöffentlichkeit, sondern auch an das heimische Publikum. Staatlich kontrollierte Medien präsentieren sie als Antwort auf eine instabile internationale Ordnung. Die äußere Bedrohung wird betont, und die eigene Führung erscheint als die Kraft, die ihr gewachsen ist und mächtige Partner an ihrer Seite hat.

Sicherheitskooperation dient außerdem der Kooptation. Gemeinsame Rüstungsprojekte verteilen Aufträge, Budgets und Zugang zu Technologie. Wenn Saudi-Arabien mit chinesischer Hilfe ballistische Raketen fertigt und Drohnen produziert, entstehen nicht nur militärische Fähigkeiten. Es entstehen auch Ressourcen, die sich an Militärs und andere Eliten verteilen lassen. Ähnlich wirken die zahllosen Treffen, die solche Beziehungen begleiten. Wer einer Delegation angehört, mit ausländischen Spitzenvertretern verhandelt und in den Abendnachrichten erscheint, gewinnt an Status. Wer durch das Regime an Status gewinnt, hat ein fundamentales Interesse an dessen Erhalt.

Schließlich stärkt Sicherheitskooperation die Fähigkeit zur Repression. Chinesische Überwachungskameras, die an die iranischen Revolutionsgarden geliefert wurden, erweitern unmittelbar ihre Möglichkeiten, Oppositionelle zu beobachten. China und Vietnam haben vereinbart, nachrichtendienstliche Erkenntnisse auszutauschen und gemeinsam gegen sogenannte Farbrevolutionen vorzugehen. Gemeint sind Protestbewegungen, die den Regierenden gefährlich werden könnten.

An die Stelle eines Vertrags treten Routinen. Die Tiefe einer Beziehung autokratischer Staaten bemisst sich an drei Dingen: wie häufig sich die Beteiligten begegnen, wie beständig diese Kontakte über die Jahre sind und wie viele und welche Akteure daran mitwirken, vom Staatschef über Ministerien und Generalstäbe bis zu Thinktanks und Rüstungsfirmen. Je breiter dieser Kreis, desto stabiler sind die Beziehungen. Was bindet, ist keine Unterschrift. Es sind Gewohnheit, gemeinsame Ausbildung und gemeinsame Beschaffung von Rüstungsgütern oder Sicherheitstechnologie. Oft dient dieselbe Kooperation mehreren Zwecken. Ein gemeinsames Manöver ist Propagandabild, Karrierechance für die beteiligten Offiziere und Gewinn an militärischen Fähigkeiten in einem. Welcher dieser Zwecke im Vordergrund steht, unterscheidet sich allerdings von Partner zu Partner.

Nigeria rüstet seine Luftwaffe inzwischen mit aktuelleren Kampfflugzeugen des chinesisch-pakistanischen Typs JF-17 Thunder aus
Nigeria rüstet seine Luftwaffe mit Kampfflugzeugen des chinesisch-pakistanischen Typs JF-17 Thunder aus.

Ein Geflecht – kein Block

Wie unterschiedlich Beziehungen ausfallen, zeigt meine Erhebung zu Chinas Sicherheitsbeziehungen mit zehn repräsentativ ausgewählten Autokratien.[5] Sie reichen von Russland und Iran über Vietnam und Saudi-Arabien bis zu Nigeria, Kuba und Sudan. Für die Jahre 2019 bis 2024 habe ich erfasst, wer sich wann und auf welcher Ebene mit wem getroffen hat, wer gemeinsam geübt, Waffen geliefert oder Sicherheitskräfte trainiert hat.

Mit keinem anderen Staat unterhält China so dichte, beständige und breit verankerte Sicherheitsbeziehungen wie mit Russland. Gemessen an Zahl und Dauer waren die gemeinsamen Militärübungen mit Russland im Untersuchungszeitraum 36-mal intensiver als mit Iran, dem nächsten Partner auf der Rangliste. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine haben die Kontakte nach Moskau die zu anderen Autokratien zunehmend verdrängt.

Mit allen anderen Staaten kooperiert China selektiv und jeweils mit eigenem Schwerpunkt. Mit Vietnam und Iran geht es vor allem um Regimesicherheit, also um Polizei, Geheimdienste und Überwachung. Mit Nigeria stehen Waffenlieferungen und die Ausbildung von Offizieren im Vordergrund, mit Saudi-Arabien gemeinsame Rüstungstechnologie. Mit Sudan dagegen beschränken sich die beobachtbaren Kontakte weitgehend auf Militärattachés. Das Muster der Beziehungen gleicht weniger einer Achse als einem Geflecht, dessen Fäden je nach Bedarf geknüpft werden.

Damit lassen sich beide Lesarten aus der öffentlichen Debatte korrigieren. Wer nur auf den fehlenden Vertrag schaut, unterschätzt, wie tief einzelne dieser Beziehungen reichen. Wer aus Manövern und Gipfelbildern einen geschlossenen Block ableitet, übersieht, wie selektiv die Beziehungen sind.

Flottenparade beim „Marine Security Belt 2019“, dem ersten gemeinsamen maritimen Militärmanöver Chinas, des Iran und Russlands (Agenturbild der Tasnim News Agency, einer staatlich kontrollierten iranischen Nachrichtenagentur)
Flottenparade beim „Marine Security Belt 2019“, dem ersten gemeinsamen maritimen Militärmanöver Chinas, des Iran und Russlands (Agenturbild der Tasnim News Agency, einer staatlich kontrollierten iranischen Nachrichtenagentur)

Implikationen für Politik und Forschung

Für die europäische Politik ist diese Unterscheidung keine akademische Feinheit. Autoritäre Sicherheitsbeziehungen schwächen Sanktionen, weil sie Wege um westliche Exportkontrollen herum eröffnen. Sie höhlen Rüstungskontrolle aus, wenn Technologie über informelle Kanäle weitergegeben wird. Und sie verbreiten Überwachungs- und Kontrolltechnologie über Grenzen hinweg. Wer darauf reagieren will, kommt mit der Frage nach Freund oder Feind nicht weit. Es gilt zu unterscheiden, ob eine Beziehung Chinas strategisch tief verflochten ist, wie mit Russland oder sich auf eine Nische beschränkt wie mit Nigeria. Dafür muss man diese Beziehungen allerdings erst einmal erkennen.

Das ist schwieriger, als es klingt. Informelle Zusammenarbeit hinterlässt keine Vertragstexte, keine Ratifikationsdebatten und keine Archive. Was von ihr sichtbar wird, hat meist jemand sichtbar machen wollen. Die Manöver im Golf von Oman sind gut dokumentiert, weil sie gesehen werden sollen. Die Überwachungskameras bei den Revolutionsgarden sind es nicht. Wer die Berichte staatlicher Medien auswertet, hat es zudem mit einer Quelle zu tun, die selbst Teil dessen ist, was sie beschreibt, denn die Inszenierung ist einer der Zwecke der Kooperation. Ausgerechnet dort, wo sich die autoritäre Logik am deutlichsten zeigt, bei der Zusammenarbeit von Polizei, Geheimdiensten und Überwachung, ist die Quellenlage am dünnsten.

Unser Bild internationaler Sicherheit ist deshalb systematisch danach sortiert, welche Akteure sich selbst dokumentieren. Demokratien tun das ungleich mehr: Ihre Verträge werden veröffentlicht, ihre Parlamente debattieren über Einsätze, ihre Verteidigungshaushalte sind grundsätzlich einsehbar. Autokratien zeigen uns, was wir sehen sollen.

Daraus folgt nicht, dass man über autoritäre Sicherheitskooperation nichts wissen kann. Es folgt, dass man dieses Wissen mühsamer zusammentragen muss. Man muss es aus vielen verstreuten Quellen in mehreren Sprachen schöpfen, systematisch erfassen und gegeneinander prüfen, und man muss offen darlegen, wo Unsicherheiten bleiben.

Fußnoten

  1. Angaben des chinesischen Verteidigungsministeriums zufolge war China 2026 nicht an der Übung beteiligt. Ende Februar übten die russische Korvette Stoikiy und iranische Einheiten gemeinsam Pirateriebekämpfung im Golf von Oman. 
  2. Sabine Mokry, ‘Die Logik autoritären Regierens in Sicherheitskooperationen zwischen Autokratien’, Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 2026, pp. 1–26, https://doi.org/10.5771/0946-7165-2026-2-001.
  3. Milan W Svolik, ‘Power Sharing and Leadership Dynamics in Authoritarian Regimes’, American Journal of Political Science 53: 2, 2009, pp. 477–494.
  4. Johannes Gerschewski, The Two Logics of Autocratic Rule (Cambridge: Cambridge University Press, 2023).
  5. Sabine Mokry, ‘Security Ties Between Autocracies: Insights into Authoritarian Alignment Through the Case of China’, European Journal of International Security, 2026.
     

Dr. Sabine Mokry

Sabine Mokry ist Politikwissenschaftlerin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg. Sie forscht zu Chinas Außen- und Sicherheitspolitik und zu sicherheitspolitischen Verflechtungen zwischen autoritären Staaten. Daneben beschäftigt sie sich damit, wie Künstliche Intelligenz wissenschaftliche Wissensproduktion verändert.

Nach dem Studium in Passau, Nanjing und Berlin wurde sie 2023 an der Universität Leiden promoviert. Anschließend war sie Postdoc im Columbia-Harvard China and the World Program. Vor ihrer Promotion arbeitete sie am Mercator Institut für Chinastudien (MERICS) in Berlin. 

Ihr erstes Buch „Chinese Scholars and Think Tanks’ Constructions of China’s National Interest: Hidden Hand on Demand“ erschien 2025 bei Routledge. Die Ergebnisse ihrer Forschung vermittelt sie regelmäßig an politische Entscheidungsträger:innen und eine breitere Öffentlichkeit, unter anderem in Internationale Politik, War on the Rocks und in Medienbeiträgen.