Klimagerechtigkeit

Der Klimawandel wirkt generationen- und grenzübergreifend. Klimaschutz ist eine Frage der Gerechtigkeit zwischen globalem Norden und Süden - zwischen Arm und Reich ebenso wie zwischen Generationen. Zielführender Klimaschutz erfordert einen Wertewandel.
Essay von Mojib Latif

Küstenorte werden besonders vom Klimawandel bedroht: Luftaufnahme des Slums La Perla (Puerto Rico, 2017)

Das Klima der Erde verändert sich seit Beginn der Industrialisierung mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, und die Menschen sind die Ursache. Sie stoßen gewaltige Mengen Treibhausgase aus, vor allem das Kohlendioxid (CO2), weswegen sich die Erde erwärmt. Wetterextreme nehmen zu und intensivieren sich, die Festlandeismassen schmelzen und die Meeresspiegel erhöhen sich. Bereits jetzt sind Millionen von Menschen auf der Welt direkt oder indirekt vom Klimawandel betroffen, darunter auch schon viele Menschen in Deutschland. Es besteht kein Zweifel darüber, weder in der Wissenschaft noch in weiten Teilen der Politik, dass wir die Erwärmung des Planeten auf das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Maß begrenzen müssen – auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit, um unsere Lebensgrundlagen nicht zu gefährden. Noch jedoch steigen die weltweiten Emissionen.

Die kumulierten historischen CO₂-Emissionen seit 1850. (Global Carbon Project 2021)

Kumulierte historische CO2-Emissionen haben Erwärmung verursacht

Die Begrenzung des Klimawandels ist eine Frage der Gerechtigkeit, zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden – zwischen den Armen und Reichen und zwischen den Generationen. Weil das CO2 über Jahrhunderte in der Atmosphäre verweilt, ist der Ort seines Ausstoßes irrelevant. Es verteilt sich innerhalb von Wochen um den Erdball und ist damit überall wirksam. So steigt der CO2-Gehalt der Luft über der Antarktis genau so schnell wie andernorts, obwohl in der Südpolarregion so gut wie keine Emissionen stattfinden. Jeder CO2-Ausstoß lässt den CO2-Gehalt der Atmosphäre weiter ansteigen und erhöht damit die Klimawirkung. Es sind daher die kumulierten historischen und nicht die aktuellen CO2-Emissionen, die die bisherige Erwärmung verursacht haben.

Die Industrienationen Nordamerikas und Europas besitzen gemeinsam immer noch den Löwenanteil an den historischen Emissionen, weswegen sie auch den Großteil der Verantwortung für die Erderwärmung tragen. Sie weigern sich allerdings ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden und stoßen immer noch zu viele Treibhausgase aus. Deswegen tun es ihnen andere Länder gleich, was man an dem Anteil Asiens erkennt, der schnell wächst – was vor allem an China liegt. Um eine bestimmte Erwärmung nicht zu überschreiten, dürfen die Menschen nur eine bestimmte CO2-Menge ausstoßen. Das zulässige CO2-Budget zur Einhaltung der Pariser Klimaziele neigt sich dem Ende zu. Ginge es nach Gerechtigkeitsaspekten, müssten die Industrienationen ihren CO2-Ausstoß schnell und drastisch senken, damit die Entwicklungsländer eine Wohlstandsperspektive hätten, ohne dass der Planet überhitzt.

Klimakatastrophe trifft Arme besonders hart

Der Klimawandel betrifft die am stärksten gefährdeten Menschen unverhältnismäßig stark, worin eine himmelschreiende Ungerechtigkeit besteht. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – knapp vier Milliarden Menschen – sind für gerade mal zehn Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich, werden aber von Stürmen, Dürren und anderen Folgen des Klimawandels wie den ansteigenden Meeresspiegeln besonders hart getroffen. Die reichen Menschen stoßen überproportional viele Treibhausgase aus. Allein die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen die Hälfte der weltweiten Treibhausgase.

Dürre und Extremwetter bedrohen als Klimawandelfolgen v.a. den globalen Süden (Thailand, 2019)

Ungerechte Bürde für kommende Generationen

Und schließlich ist der Klimawandel auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Die heutige Generation hat bereits einen Großteil des verbleibenden CO2-Budgests aufgebraucht, weigert sich aber, ihre CO2-Emissionen deutlich zu senken. Damit bürden die jetzt an den Schalthebeln der Macht sitzenden Menschen die Lasten des Klimaschutzes den jungen Menschen auf, denn diese müssten innerhalb kürzester Zeit die CO2-Emissionen auf null senken. Das hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 29. April 2021 bemängelt und Teile des deutschen Klimaschutzgesetzes für verfassungswidrig erklärt, weil es die Freiheitsrechte der jungen Menschen erheblich einschränken würde.

In diesem Jahr begehen wir den 50. Jahrestag des Erscheinens des Berichts des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“. Der italienische Industrielle Aurelio Peccei, einer der Mitbegründer des Club of Rome, formulierte die Herausforderung, vor der die Welt steht, um einen Kollaps zu vermeiden, wie folgt: „Wir müssen verstehen, dass das Schicksal unserer Erde auf dem Spiel steht und wir müssen versuchen, das Wohl unserer Erde mit den Entwicklungen in Einklang zu bringen, die mit der Modernisierung einhergehen. Das verlangt eine menschliche, ja eine kulturelle Revolution.“[1] Die Herstellung einer globalen Gerechtigkeit mit all ihren Facetten wird sicherlich Teil dieser kulturellen Revolution sein müssen.

Drohende Dominanz der Partikularinteressen

Ich sehe die kulturelle Revolution zuallererst auch darin, dass die Menschen endlich erkennen, dass wir in einer kranken Welt leben und das wiederentdecken, was das Menschsein ausmacht. Werte wie Rücksicht, Verantwortung, Nächstenliebe, Teilen oder Respekt, die Fähigkeit zur Kooperation und Kriterien wie zum Beispiel Gerechtigkeit müssen in den Gesellschaften einen festen Platz einnehmen. Sonst laufen sie Gefahr, zu zerfallen. Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und die Umwelt würden unter die Räder kommen, Partikularinteressen würden dominieren und Tyrannei die Welt beherrschen. Passt nicht der Ukraine-Krieg in dieses Muster? Die Starken und Skrupellosen hätten das Sagen, und nur ihnen würde es vergleichsweise gut gehen. Die allermeisten Menschen würden auf der Strecke bleiben, weil sie sich nicht gegen die Macht der Mächtigen wehren könnten. Und es wären die Ärmsten und Schwächsten, die am allermeisten unter den Verhältnissen und der fortschreitenden Umweltzerstörung wie dem Klimawandel zu leiden hätten.

Das Fazit: Einen zielführenden Klimaschutz wird es nur geben können, wenn es auf der Welt gerecht zugeht.
 

  1. Peccei, Aurelio. „50 Jahre Club of Rome - Die Grenzen des Wachstums“. Deutschlandfunk. Zugegriffen 11. April 2022. www.deutschlandfunk.de/50-jahre-club-of-rome-die-grenzen-des-wachstums-100.html.

Prof. Dr. Mojib Latif

Seit über drei Jahrzehnten erforscht Mojib Latif besonders die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre und deren Einfluss auf das Klima. Für seine Forschungsarbeiten ist er mehrfach ausgezeichnet worden. So mit der Sverdrup Goldmedaille der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft, mit dem Deutschen Umweltpreis und der Alfred-Wegener-Medaille der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Seit November 2017 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Die Mitgliederversammlung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg hat ihn am 19. November 2021 zum Akademiepräsidenten gewählt.