Öko-Gerechtigkeit, Öko-Rassismus und epistemische Ungerechtigkeit

Umweltkatastrophen treffen Arme und BIPoC (Black/Indigenous People of Color) häufiger und härter als wohlhabende Weiße, bei Lösungsvorschlägen werden sie nicht gehört. Warum das so ist, zeigt Amitav Ghosh in seinem Buch The Hungry Tide über Öko-Rassismus.
Essay von Anna M. Horatschek, 5. Mai 2022

Piya, die indo-amerikanische Doktorandin aus den USA, ist entsetzt, als sie die aufgebrachten Männer einer kleinen indischen Insel – bewaffnet mit Holzspießen –, dicht gedrängt vor dem Ausgang einer brennenden Hütte beobachtet, in der ein Tiger gefangen ist. Er wird elendig verbrennen oder sie werden ihn bei dem Versuch zu entkommen qualvoll erstechen. In vorderster Reihe entdeckt Piya den Krabbenfischer Fokir, einen Dalit und damit aus der Kaste der Unberührbaren, der mit seiner Ortskenntnis für ihre Feldforschung zu den Iriwadi-Delphinen unentbehrlich geworden ist. Der junge Mann, den sie bislang für naturverbunden und sanftmütig hielt, erscheint ihr in diesem Moment wie ein unmenschlicher Barbar.

In dieser  Kernszene des Romans The Hungry Tide von Amitav Ghosh (2004; deutsch: Hunger der Gezeiten) treffen unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen bezüglich der Verteilung von Umweltressourcen (ecological justice) aufeinander; gleichzeitig entlarvt Piyas Reaktion ihre Ignoranz über den möglichen Beitrag ihres Forschungsprojektes zur Festschreibung globaler Ungerechtigkeiten wie ‚Öko-Rassismus‘ (environmental racism) und ‚epistemische Ungerechtigkeit‘ (epistemic injustice). Was ist damit gemeint? Der Roman illustriert diese Problemfelder, indem er die vom Autor akribisch recherchierte historische Situation verdichtet in seiner fiktionalen Welt dramatisiert.

Öko-Gerechtigkeit

Ökologie – wie auch der sehr viel ältere Begriff der  Ökonomie - geht zurück auf das altgriechische oikos, die Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft, also ein Beziehungsgefüge, das angesichts beschränkter materieller, ökonomischer und personeller Ressourcen zum Wohle aller Mitglieder organisiert werden muss. In Ökologiedebatten stellen sich nun zunehmend Fragen wie: Wer zählt zum Haushalt? Nur Menschen? Tiere? Pflanzen? Die gesamte materielle Welt? Wo ist der Ort des Menschen in diesem Haushalt? An der Spitze? Irgendwo im Tierreich? Wer bestimmt und wie finden wir heraus, was das Wohl aller ist? Die Ökokritik (ecocriticism) befasst sich seit dem Ende der 1970er Jahre mit diesen und ähnlichen Fragen.

Die obige Szene spielt in den Sundarbans im Golf von Bengalen, einer der größten salztoleranten Mangrovenwälder der Welt. Hier befindet sich der Sundarban National Park sowie ein Biosphärenreservat für 260 Vogelarten und bedrohte Arten wie das Salzwasserkrokodil. Vor allem jedoch ist die Region ein Schutzreservat für den Bengalischen Tiger, denn hier leben nach einer Schätzung von 2010 noch 500 bis 700 und damit die größte Population von panthera tigris. Bereits 1973 wurde der indische Teil der Sundarbans zum Kerngebiet des Sundarban Tiger Reserve, 1977 zum  geschützten Lebensraum für Tiere und im Mai 1984 zum National Park erklärt; 1987 wurden die indischen Sundarbans schließlich als UNESCO World Heritage Site anerkannt. Was sich als Erfolgsgeschichte des Umwelt- und Artenschutzes liest, ist allerdings eine Katastrophe für die dort lebende Bevölkerung, die zu den Ärmsten der Armen in Indien gehört. Denn der Schutz der Tiger kostet sie ihre Lebensgrundlage und häufig ihr Leben aufgrund des sogenannten HTC Problems, eine Abkürzung für den human-tiger-conflict, eines der am meisten beforschten Themen zu den Sundarbans an US-amerikanischen Universitäten.

Indische Briefmarke als Hinweis auf die besondere kulturelle Bedeutung der Tiger in den Sundarbans

Öko-Rassismus

Das HTC-Problem in den Sundarbans bedeutet nach den Befunden einer Studie der University of Minnesota von 2009, dass von 1984 bis 2006 offiziell 490 Menschen von Tigern getötet wurden, wobei durchschnittlich acht man-eaters pro Jahr identifiziert werden konnten. Allerdings geht die Wissenschaft davon aus, dass die wirklichen Zahlen mindestens 33 % höher liegen. Die Zeitschrift Geo berichtet im Februar 2010, dass in dem winzigen Dorf Burigoalini 2009 in den ersten drei Monaten zehn Personen von Tigern getötet wurden, im Roman fällt jede Woche eine Person einem man-eater zum Opfer.

Wer nun glaubt, diese Situation stelle das Artenschutzprogramm in Frage, irrt. Die oben erwähnte, mit staatlicher Förderung aus den USA und Indien erstellte Dissertation über den Tigerschutz in den Sundarbans kommt zu dem Schluss, dass – in Abwägung zwischen toten Menschen und toten Tigern sowie den damit verbundenen Kosten – ein Tiger erst dann getötet werden sollte, wenn er mindestens zwei Menschen umgebracht hat, da geschätzte 50 Prozent der man-eaters nur einen Menschen reißen. Nach dieser Rechnung ist ein durch die UNESCO geschützter Tiger zwei Sundarban-Bewohner wert.

Eine solche systematische Missachtung der Würde, Rechte und Interessen von politisch machtlosen Gruppen wird wissenschaftlich bearbeitet und aktivistisch bekämpft als ‚Öko-Rassismus‘. Denn nicht zufällig treffen im globalen Maßstab die Negativauswirkungen von massiven Eingriffen in die Umwelt - wie die Einrichtung von großen Artenschutzreservaten -, und ökologische Katastrophen arme und BIPoC (Black/Indigenous People of Color) ungleich häufiger und härter als die wohlhabenden und weißen Bevölkerungsteile.

So berichten Charaktere in dem Roman, dass sich der Wasserstand in den Sundarbans aufgrund des Klimawandels in den letzten Jahren bereits merklich verändert hat, außerdem fischen finanzkräftige Firmen mit ihren Booten die verbleibenden Krabben und damit die Lebensgrundlage der örtlichen Krabbenfischer weg, um sie an wohlhabende urbane Zentren zu verkaufen, und die Geldzuwendungen mächtiger Institutionen wie der UNESCO veranlassen die indische Regierung unter Verweis auf das an westlichen Forschungseinrichtungen entworfene Artenschutzprogramm, mit Waffengewalt gegen die in den Sundarbans angesiedelten Dalits vorzugehen, so geschehen im Morichjhãpi massacre von 1979. Der Roman beschreibt durch einen fiktionalen Augenzeugenbericht, wie bei diesem historischen Massaker staatliche Ordnungshüter und Forstbeamte gemeinsam mit angeheuerten Schlägertruppen über Wochen hinweg durch Aushungern, Brandlegung und Schusswaffengebrauch die ursprünglich aus Bangladesh  geflohenen Dalits von Morichjhãpi vertrieben und dabei nach offiziellen Angaben zwei, nach inoffiziellen Augenzeugenberichten bis zu 4000 von ihnen getötet wurden.

Ausgerechnet Kanai, ein erfolgreicher Hindu aus einer höheren Kaste, weist Piya in der eingangs erwähnten Szene darauf hin, dass in Amerika ein in Gefangenschaft gehaltener Tiger – deren Zahl die der Bengaltiger in freier Wildbahn übertrifft -, sofort umgebracht würde, wenn er einen Menschen reißen würde. Das Leben eines Dalit zählt ganz offenbar weniger als das eines Amerikaners oder als das eines von der UNESCO geschützten Tigers.

Epistemische Ungerechtigkeit

Die fiktionale Gegenwart im Roman zeigt, dass die Geringschätzung der Dalits sich bis ins 21. Jahrhundert hinein wenig gebessert hat, denn selbst eine akademisch gebildete, umweltbewusste und weltoffene Feldforscherin wie Piya weiß aufgrund ihres wissenschaftlichen Tunnelblicks auf die Irawadi-Delphine nichts über die Lebensumstände der engstens mit ihnen zusammen lebenden Menschen, und westlich gebildete und gut situierte Inder ignorieren nicht nur die unzumutbaren Benachteiligungen der Dalits, wie Kanai selbstkritisch anmerkt, sondern sie verachten ihre gesamte Kultur. So ist der seit Generationen mündlich überlieferte religiös-mythologische Bon-Bibi Mythos der Sundarban-Bewohner für Kanais Onkel Nirmal, Oxfordabsolvent, Marxist und stolzer unbelieving secularist, nichts als Aberglauben und falsches Bewusstsein. Eine solche Diskriminierung indigener Wissenstradition durch kulturell dominante Hindus zugunsten westlicher Wissensnormen stellt eine epistemische Ungerechtigkeit dar, ein Begriff, mit dem  die Philosophin Miranda Fricker 2009 den engen Zusammenhang der Wirkmächtigkeit von Wissen mit politischen und ökonomischen Machtkonstellationen und –interessen bezeichnet.

Im Sinne dieser Überlegungen zeigt The Hungry Tide, dass Fokirs kulturelles Wissen über das Mensch-Tiger-Verhältnis im Rahmen des regionalen Bon Bibi Mythos der örtlichen Situation sehr viel besser angepasst ist als das von Piya – und der indischen Regierung - vertretene westliche Ökomodell. Die Erzählung verbindet Pragmatismus und Spiritualität und weist Menschen und Tigern – mythologisch legitimiert - eigene Gebietsansprüche zu: Bewegt sich ein Mensch über die ihm zugewiesene Grenze, so muss er damit rechnen, von einem Tiger angefallen zu werden, bewegt sich ein Tiger in Menschengebiet, so haben die Menschen das Recht, ihn umzubringen. Sie regelt also die Gebietsansprüche von Menschen und Tigern in dem ökologisch dichtgedrängten Lebensraum der Sundarbans auf – in heutiger Diktion – posthumanistische Weise, insofern Menschen und Tigern gleiche Rechte zuerkannt werden. Zwar loben Literaturkritiker den Mythos – nicht zuletzt als linguistisches und motivisches Archiv kultureller und religiöser Traditionen, denn er vereint hinduistische, muslimische, christliche und animistische Glaubensfragmente -, aber sie bezeichnen dieses indigene Wissen als ‚Glauben‘ in Absetzung vom westlich geprägten ‚Wissen‘, und stellen damit eine deutliche Hierarchie bezüglich seiner handlungsrelevanten Validität auf.

Der Roman ist pessimistisch, sowohl was die Herstellung von Ökogerechtigkeit, als auch was die Heilung des Öko-Rassismus und der  epistemischen Ungerechtigkeit in den Sundarbans betrifft: Fokir, der Vertreter der Dalit, stirbt in einem Tsunami, als er – erfahren im Umgang mit der Situation - Piya das Leben rettet, während Piya, ausgestattet mit neuen Drittmitteln aus den USA und um einiges klüger, was den Status ihrer akademischen Tätigkeit im globalen Gerechtigkeitsgefüge betrifft, ihr Forschungsprojekt weiterführen kann. Allerdings nennt sie es am Ende des Romans zu Ehren des Dalit ‚Fokir‘.

Literaturhinweise

  1. Barlow, Adam C. D. The Sundarbans Tiger Adaptation, Population Status, and Conflict Management. PhD Thesis University of Minnesota, 2009. https://www.researchgate.net/publication/242522089_The_Sundarbans_tiger_adaptation_population_status_and_conflict_management. Accessed 2022-02-06
  2. Fricker, Miranda. Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford UP, 2007.
  3. Ghosh, Amitav: The Hungry Tide. London: HarperCollins. 2004.
  4. Ghosh, Amitav.  Hunger der Gezeiten. 2006.
  5. Hanig, Florian. „Der Tod im Wald“. GEO. 01.02.2010 . https://archiv.reporter-forum.de/rw13/wp-content/uploads/Der-Tod-im-Wald-FLORIAN-HANIG.pdf. Accessed 2022-02-06
  6. Nandy, Ashis: “Recovery of Indigenous Knowledge and Dissenting Futures of the University.” In: The University in Transformation: Global Perspectives on the Futures of the University. Ed. by Inayatulla, Sohail and Jennifer Gidley. Westport, CT: Bergin & Garvey. 2000, 115-123.
  7. Weiler, Hans N. “Whose Knowledge Matters? Development and the Politics of Knowledge.” web.stanford.edu. Web. 24 October 2015. Accessed 2022-2-06.
  8. Weiler, Hans N. „Wissen und Macht in einer Welt der Konflikte. Zur Politik der Wissensproduktion.“ (2011).  https://www.boell.de/sites/default/files/assets/boell.de/images/download_de/wirtschaftsoziales/wissensgesellschaft_wissenundmacht.pdf. Accessed 2022-02-06.

Prof. Dr. Anna Margaretha Horatschek

Anna Margaretha (Annegreth) Horatschek war ordentliche Professorin und Leiterin des Englischen Seminars an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), wo sie von 2000 bis 2018 den Lehrstuhl für Englische Literatur von Shakespeare bis zur Gegenwart innehatte. Seit 2011 ist sie Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und von 2016 bis 2021 war sie Vizepräsidentin der Akademie. Sie erwarb ihre akademischen Abschlüsse an der University of California, Berkeley, USA (B.A. 1978), an den Universitäten Freiburg (PhD. 1987) und Mannheim (Habilitation 1995) und lehrte ein Jahr lang als Gastprofessorin in Washington D.C., USA (1998).