Vielfalt und Meritokratie
„Lern fleißig, damit aus dir etwas wird.“ Wer diesen Satz als Kind gehört hat, ist mit einem Versprechen aufgewachsen: Wenn du dich anstrengst, wirst du es „zu etwas“ bringen. Arbeit, Fleiß und Ehrgeiz werden sich „auszahlen“ und ein gutes Leben ermöglichen – unabhängig von der sozialen Herkunft. Dieses Versprechen trägt einen Namen: Meritokratie. Der Begriff, der seit den 1950er Jahren im modernen Sprachgebrauch verankert ist, leitet sich von meritum (lat. für „Verdienst“) und kratos (griech. für „Macht“, „Herrschaft“) ab. Gemeint ist die Vorstellung einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche Güter und politische Macht nicht aufgrund von Geschlecht, Klasse oder Stand, sondern aufgrund von individuellen Fähigkeiten, Talenten und Leistungen verteilt werden.
Meritokratie beruht auf dem Glauben an soziale Mobilität und an eine gerechte Welt, in der Ansehen, Position und Ressourcen nach nachvollziehbaren Regeln vergeben werden. Man bekommt im Leben das, was man verdient; wer viel leistet, soll viel bekommen – so die Maxime. In diesem Rahmen erscheinen gesellschaftliches Prestige, berufliche Stellung, politische Macht und nicht zuletzt die finanzielle Situation als sichtbare Marker von Erfolg. Obwohl das mit der Meritokratie verbundene Versprechen selten mit all seinen Implikationen ausgesprochen wird, ist es zu einem Grundpfeiler moderner politischer Ordnungen geworden. Die Bundeszentrale für politische Bildung spricht in diesem Zusammenhang von der Meritokratie als Kernidee der „demokratischen Leistungsgesellschaft“. Der Publizist Adrian Wooldrige bezeichnet sie sogar als „Universalideologie“ der Gegenwart.[1]
Meritokratie als moralische Grammatik
Gleichzeitig bleibt erstaunlich unklar, was Meritokratie eigentlich ist. Der Ökonom Amartya Sen bemerkte, die Idee möge viele Vorzüge haben, „aber Klarheit gehört nicht dazu“.[2] Zentrale Elemente lassen sich nicht einfach voraussetzen. Was als „Leistung“ gilt, was als angemessene „Belohnung“ angesehen wird und wer die Macht hat, diese Maßstäbe festzulegen, unterscheidet sich je nach Gesellschaft, Kultur, Epoche und System. Wir alle leben in mehr oder weniger meritokratisch verfassten Gesellschaften – aber was genau das bedeutet, ist höchst umstritten.
Kategorien wie „Leistung“, „Verdienst“ oder „Erfolg“ sind älter als die Moderne. Doch das allein macht noch keine Meritokratie aus. Charakteristisch für die moderne Variante ist, dass sie nicht nur ein Verfahren zur Verteilung von Chancen und Ressourcen bietet, sondern eine moralische Grammatik. Diese lässt sich auch direkt in der politischen Rhetorik wiederfinden. So heißt es in einer programmatischen CDU-Mitteilung zur Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik ausdrücklich: „Wer mehr leistet, soll mehr haben. Leistung muss sich wieder lohnen.“[3] Damit wird Leistung nicht nur als ökonomisch wichtig, sondern als moralisch verdient dargestellt.
Meritokratie im Fokus
In jüngerer Zeit rückt der Begriff der Meritokratie verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Debatte. Der Philosoph Michael Sandel hebt in The Tyranny of Merit (2020) hervor, dass eine Kultur, die Erfolg konsequent als persönlichen Verdienst deutet, zwangsläufig Hochmut bei den „Gewinnern“ und Demütigung bei den „Verlierern“ erzeugt. Wer oben steht, neigt dazu, die eigene Position als moralisch gerechtfertigt zu sehen; wer unten bleibt, soll sich nicht nur mit weniger Ressourcen zufriedengeben, sondern trägt zusätzlich die Last der beschämenden Erzählung, selbst nicht genug geleistet zu haben.
Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty ordnet Meritokratie daher als Legitimationsregime ein: Sie erzählt ungleiche Resultate als Ausdruck individueller Verdienste und rückt strukturelle Bedingungen aus dem Blick. Nicht, weil es keine Aufsteigerinnen und Aufsteiger gäbe – die gibt es –, sondern weil ihre Geschichten leicht darüber hinwegtäuschen, wie stark Chancen durch Herkunft, Netzwerke und Institutionen vorgeprägt sind.
Der Jurist Daniel Markovits wiederum zeigt in The Meritocracy Trap (2019), dass die moderne Leistungsordnung nicht nur jene ausgrenzt, die den Zugang zu Elitebildung und Spitzenpositionen verpassen, sondern auch diejenigen überlastet, die „erfolgreich“ sind: eine kleine Schicht von Hochqualifizierten, die in hyperkompetitiven Karrieren buchstäblich ausbrennt. Meritokratie gerät so zur Falle für alle – die einen leiden unter Ausschluss, die anderen unter Überforderung.
Auf der anderen Seite erinnern Autoren wie Adrian Wooldridge in The Aristocracy of Talent (2021) daran, dass das meritokratische Ideal historisch eine emanzipatorische Sprengkraft besaß. Es brach ständische Privilegien und öffnete zumindest prinzipiell Zugänge zu Verwaltung, Wissenschaft und Politik. Die eigentliche Auseinandersetzung dreht sich daher heute weniger darum, ob Leistung zählen soll, sondern wie wir Leistung definieren, bewerten und sichtbar machen – und welche Rolle Vielfalt dabei spielt.
Bildung als Sortiermaschine der Leistungsgesellschaft
Besonders deutlich zeigt sich die Spannung zwischen meritokratischem Ideal und sozialer Wirklichkeit im Feld der Bildung. In modernen Gesellschaften fungiert das Bildungssystem als zentrale Sortiermaschine. Es vergibt Zertifikate, die zeigen sollen, wer wozu fähig ist. Der erreichte Bildungsabschluss – ob Ausbildung, Meisterbrief oder Hochschulstudium – ist zum maßgeblichen Kriterium dafür geworden, wer welche soziale Position „verdientermaßen“ einnehmen soll. Dieses Versprechen setzt jedoch voraus, dass der Wettbewerb im Bildungssystem tatsächlich fair ist. Genau hier beginnt das Problem der Bildungsungleichheit.
Die Forschung zeigt seit Jahren: Kinder aus bildungsnahen, wohlhabenden Familien erreichen im Durchschnitt deutlich bessere Schulleistungen und erhalten häufiger eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus bildungsfernen Haushalten – selbst bei vergleichbaren Kompetenzen.[4] Nach Analysen des Stifterverbands beginnen von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien nur etwa 20 ein Studium; bei Kindern aus Akademikerhaushalten sind es mehr als drei Mal so viele. Bei Masterabschlüssen und Promotionen driften die Zahlen noch weiter auseinander.[5] Es überrascht daher nicht, dass die meisten Spitzenpositionen in Wirtschaft und Wissenschaft aus einem relativ engen, privilegierten Milieu stammen; Schätzungen zufolge wachsen rund 80 Prozent der Vorstände der größten deutschen Unternehmen in eher wohlhabenden Familien auf.[6] Ein Aufstieg in diese privilegierten Kreise ist nur bedingt möglich. Die OECD kommt zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland im Schnitt etwa sechs Generationen – rund 180 Jahre – dauert, bis ein Kind aus den untersten Einkommensschichten das mittlere Einkommensniveau erreicht.[7] Das spricht nicht gerade für eine durchlässige Gesellschaft.
Vielen jungen Menschen ist dieser Befund durchaus bewusst. Befragungen unter Studierenden zeigen, dass eine große Mehrheit überzeugt ist, dass soziale Herkunft im deutschen Arbeitsleben eine Rolle spielt.[8] Meritokratie aber lebt vom Versprechen der Chancengleichheit und sozialer Mobilität. Wenn dieses Versprechen für breite Teile der Bevölkerung offenkundig nicht eingelöst wird, verliert es seine integrative Kraft.
Vielfalt der Gesellschaft, Verengung der Wege
Gesellschaften des 21. Jahrhunderts sind in vieler Hinsicht vielfältig. Menschen unterscheiden sich nach Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, körperlichen und geistigen Voraussetzungen, Lebensstilen und Milieus. Trotzdem lassen sich gerade bei Laufbahnen mit hoher gesellschaftlicher Anerkennung erstaunlich wenige Muster ausmachen. Der Publizist Simon van Teutem spricht in seinem Buch zugespitzt vom Bermuda-Dreieck der Talente (2025): Investmentbanking, Unternehmensberatung, Großkanzlei. Ein beträchtlicher Teil der Absolventinnen und Absolventen prestigeträchtiger Studiengänge steuert genau diese Felder an – in den USA teils fast die Hälfte eines Jahrgangs, in Deutschland in abgeschwächter Form.
Die unausgesprochene Botschaft lautet: Hier landen die, die „es geschafft haben“. Die Attraktivität speist sich aus Gehalt, Status und dem Gefühl, alle Optionen offenzuhalten. Der Einstieg in eine „High-Prestige-Branche“ wirkt wie ein Ausweis meritokratischen Sieges – und vermittelt gleichzeitig die beruhigende Illusion, man könne später immer noch „etwas Sinnvolles“ tun. Doch eine Gesellschaft, die ihre „besten Köpfe“ vor allem in Tätigkeiten lenkt, deren gesellschaftlicher Mehrwert zumindest umstritten ist, produziert Fehlallokationen. Klimakrise, demografischer Wandel und Digitalisierung stellen enorme Herausforderungen dar, und es fehlen hervorragend qualifizierte Lehrkräfte, Pflegefachkräfte, Ingenieurinnen für die Energiewende, Verwaltungsjuristen, Datenethikerinnen und Kulturarbeitende.[9]
Vielfalt als Bedingung gelingender Meritokratie
In vielen Debatten wird Vielfalt auf Repräsentation reduziert: mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Menschen mit Migrationsgeschichte in Parlamenten, mehr „First-Gen Students“ an Universitäten. Das ist wichtig, greift aber zu kurz, wenn man die tiefer liegende Frage ernst nimmt, was zählt und wie Anerkennung verteilt wird.
Eine Meritokratie, die ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will, stellt mindestens drei Bedingungen an Vielfalt:
- Vielfalt der Startbedingungen ernst nehmen
Es reicht nicht, formale Gleichheit vor dem Gesetz zu garantieren. Wer Chancen angleichen will, muss praktische Hindernisse abbauen: durch frühkindliche Förderung, qualitativ hochwertige Kitas, Ganztagsschulen, Entkopplung von Schulqualität und Wohnadresse, gezielte Unterstützung für Kinder aus einkommensarmen Haushalten und für diejenigen mit Migrationsgeschichte.
- Vielfalt der Lebensentwürfe ermöglichen
Eine reife Leistungsgesellschaft sollte anerkennen, dass nicht nur ein schmaler Pfad maximaler Prestige-Rendite als Erfolg gelten kann. Wenn die besten Abiturientinnen und Abiturienten fast automatisch in dieselben Branchen strömen, ist das ein Verlust an Perspektiven – für die Einzelnen wie für die Gesellschaft. Eine alternde, ökologisch unter Druck stehende Demokratie ist auf Spitzenleistungen auch in der Pflege, in der öffentlichen Verwaltung, in der Wissenschaftskommunikation oder in der kommunalen Politik angewiesen.
- Vielfalt der Anerkennungsformen ausbauen
Wer Care-Arbeit leistet, Infrastruktur am Laufen hält oder demokratische Institutionen stärkt, sollte gesellschaftlich und materiell nicht drastisch schlechter dastehen als jene, die Finanzprodukte strukturieren oder Steuerlücken ausnutzen. Solange das Gegenteil der Fall ist, lernen Kinder unausgesprochen: Was wirklich zählt, ist das, was sich hoch vergüten und spektakulär erzählen lässt.
Institutionen können hierzu beitragen, indem sie ihre Selektionskriterien überprüfen: Noten und Abschlüsse kontextualisieren, Bildungsaufstiege und untypische Lebenswege positiv werten, „First-Gen Professionals“ und Menschen mit Migrationsgeschichte nicht als Risiko, sondern als Ressource begreifen. Studien zeigen, dass gerade diese Gruppen häufig hohe intrinsische Motivation und besondere Perspektiven mitbringen – ein Gewinn für Problemlösungsfähigkeit und Innovation.
Kulturell schließlich geht es darum, unser Repertoire an Erfolgsgeschichten zu erweitern. Medien, Politik und Wissenschaft können Biografien sichtbarer machen, in denen nicht nur Einkommen und Titel, sondern auch gesellschaftlicher Beitrag, Teamarbeit und Resilienz eine Rolle spielen. Rankings und „Top-Listen“ sind keine harmlosen Spielereien; sie prägen, was wir als erstrebenswert empfinden – und wirken auf jene zurück, die sich an ihnen orientieren.
Fußnoten
- Wooldridge, Adrian (2021): The Aristocracy of Talent. How Meritocracy Made the Modern World. New York: Skyhorse Publishing, S. 1 (Introduction).
- Sen, Amartya (2000): Merit and Justice. In: Arrow, Kenneth J.; Bowles, Samuel; Durlauf, Steven N. (Hrsg.): Meritoc-racy and Economic Inequality. Princeton, NJ: Princeton University Press, S. 5–16, hier S. 5.
- Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) (o. J.): Leistung muss sich wieder lohnen. Online verfügbar unter: www.cdu.de/aktuelles/leistung/leistung-muss-sich-wieder-lohnen/ (Zugriff am 18.11.2025).
- Hußmann, Anke; Wendt, Heike; Bos, Wilfried u. a. (Hrsg.) (2017): IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkin-dern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster / New York: Waxmann. Online verfügbar unter: www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/IGLU_2016_Berichtsband.pdf
(Zugriff am 18.11.2025). - Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft; McKinsey & Company (2020): Chancen für Nichtakademikerkinder. Von der Grundschule bis zur Promotion – soziale (Selbst-) Selektion benachteiligt Nichtakademikerkinder. In: Hoch-schul-Bildungs-Report 2020. Online verfügbar unter:
www.hochschulbildungsreport2020.de/chancen-fuer-nichtakademikerkinder
(Zugriff am 18.11.2025). - Nepomnyashcha, Natalya (2022): Soziale Herkunft kann genauso benachteiligen wie ein Migrationshintergrund. Gastkommentar in: Handelsblatt, 22.09.2022. Online verfügbar unter:
www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-soziale-herkunft-kann-genauso-benachteiligen-wie-ein-migrationshintergrund-/28675144.html (Zugriff am 18.11.2025). - Siems, Dorothea (2018): Einkommen: Aufstieg in die Mittelschicht dauert 180 Jahre.
In: WELT Online, 15.06.2018. Online verfügbar unter: www.welt.de/wirtschaft/article177647914/Einkommen-Aufstieg-in-die-Mittelschicht-dauert-180-Jahre.html (Zugriff am 18.11.2025). - Nepomnyashcha 2022.
- Hußmann; Wendt; Wilfried 2017.