Wissen aufbereiten und einbringen für mehr Klimaschutz und Demokratie

Er sei “das Musterbeispiel eines engagierten Wissenschaftlers” – so charakterisiert Deutschlandfunk Kultur Mojib Latif. Der vielfach ausgezeichnete Klimaforscher ist bekannt dafür, dass er die Erkenntnisse seiner Forschungen zum Klimawandel auch der Öffentlichkeit verständlich vermitteln kann und möchte. Seit April 2007 gehört er als Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg an. Als neuer Vizepräsident der Akademie möchte Mojib Latif Themen wie dem Klimawandel und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderungen noch größeren Raum geben. Im Gespräch skizziert er Ideen und Formate, wie das gelingen könnte.

Was reizt Sie am Amt des Vizepräsidenten?

Mich reizt die Möglichkeit, noch mehr gestalten zu können, denn das macht mir Spaß. Jetzt als Vizepräsident möchte ich ein paar Themen stärker nach vorne bringen. Was mich sehr umtreibt, das ist natürlich der Klimawandel, der die Lebensgrundlagen auf der Erde extrem verändern könnte – wie genau, das können wir nicht sagen. Wir führen gerade ein gigantisches Experiment mit dem Planeten aus, das es noch nie gegeben hat. Auf jeden Fall ist es immer schlecht, wenn sich die Umweltbedingungen schnell und stark verändern.

Das zweite Thema, das mich umtreibt, und das hängt auch damit zusammen, das sind die dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen. Und das müssen wir zusammen denken – extreme Umweltveränderungen und gesellschaftliche Umbrüche, sonst werden wir die damit zusammenhängenden Probleme nicht lösen können. Das zusammen durchzudenken - das ist etwas, was man in der Akademie gut machen kann. Weil hier praktisch alle Fächer vertreten sind: von den Naturwissenschaften und Technikwissenschaften über die Geisteswissenschaften bis hin etwa zur Medizin und zur Psychologie.

Der Klimawandel ist in dem Sinne kein rein naturwissenschaftliches Problem. Man kann es zwar naturwissenschaftlich begreifen, wie es dazu kommt. Aber wenn es um die Schritte hin zur Lösung geht, wenn es um die Eindämmung des Klimawandels geht, dann brauchen wir auch andere Fächer. Denn es ist auch ein psychologisches Problem, ebenso ein ethisches, wo gleich die Religionswissenschaften zum Beispiel mit ins Spiel kommen. Zudem ist es ein medizinisches Problem. Wir erleben etwa bei Hitzewellen, wie sehr der menschliche Körper schon bei über 30 Grad leidet. Wir haben in Deutschland teilweise schon Temperaturen von über 40 Grad gehabt – also wir wissen, wie sich das anfühlt. Kurz: Wir brauchen das fächerübergreifende Angehen von Problemen. Und das gilt für alle großen Herausforderungen, mit denen die Menschheit sich aktuell konfrontiert sieht.

Welche konkreten Ideen für Ihr Engagement als Vizepräsident haben Sie?

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Akademien verändern müssen, gerade im Hinblick auf die Kommunikation nach außen. Wir können nicht so weitermachen wie vor 200, 300 Jahren – wenn ich da an die Royal Society, die renommierte Gelehrtengesellschaft in London, denke. Beispielsweise haben dort Charles Darwin und Isaac Newton einige ihrer bahnbrechenden Erkenntnisse zur Diskussion gestellt. Das war ein recht kleiner Zirkel. Heute müssen wir die Öffentlichkeit an der Forschung teilhaben lassen. Was wissen wir und was nicht? Akademien sind in der Gesellschaft sehr hoch angesiedelt – und diesem Anspruch müssen sie selbstverständlich gerecht werden. Akademien zeichnen sich meiner Meinung nach durch herausragende Forschung aus. Das macht sie glaubwürdig. Dazu kommt der vorbehaltlose Austausch verschiedener Theorien, verschiedener Forschungsansätze. Das ist nicht notwendigerweise etwas, was nach außen dringen muss. Man stellt sich da auch der Kritik der anderen. „Gefürchtet“ sind die Momente, wo jemand, der nicht aus dem eigenen Fach kommt, sagt:„Ich habe da mal eine ganz dumme Frage...“ Und das sind dann häufig die schlausten Fragen! (lacht)  

Zeitgemäße Wissenschaftskommunikation ist wichtig

Was man schließlich nach außen dringen lässt, ist dann mehr ein Konsens, den man in diesem geschützten Rahmen der Akademie erzielt hat. Dazu zählen natürlich auch die Wissenslücken. Zugleich sollten wir mit der Zeit gehen, unser Wissen aufbereiten, einbringen und dabei die neuen digitalen Möglichkeiten wie Social Media nutzen. Sonst entkoppeln wir uns von der Gesellschaft. Und das kann es auch nicht sein.

Haben Sie da schon ein konkretes Format im Sinn, das Ihnen gefallen könnte?

Ja! Man könnte etwa auf unserer Website eine Rubrik mit Wissenswertem einrichten. Hier könnten Akademiemitglieder kurz und knackig ein Schlaglicht auf das jeweilige Forschungsfeld werfen. Nach dem Motto „Wussten Sie schon, dass...“ könnte das für Aha-Erlebnisse sorgen. Zugleich gehen wir so auf die Menschen zu.

Welche interaktiven Formate finden Sie interessant?

Ich habe ja in den letzten Jahren viel an solchen Formaten rund ums Klima mitgemacht. Interessant finde ich etwa die Kombination des Klima-Themas mit Kunst, weil man ja auch die Gefühle ansprechen möchte. Und die Sinne. Ein Beispiel: „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Wenn man dieses Musikstück mal gehört hat, dann mag man sich fragen: Wie konnte der Komponist die Jahreszeiten so exakt in Musik abbilden? Antwort: Er konnte es nur, weil er es erlebt hat. Vivaldi lebte in Venedig und hat Schlittschuhläufer auf der Lagune erlebt. Warum war die damals zugefroren? Es gab eine Kleine Eiszeit! Dass die Lagune zugefroren war, war normal. Und dann kann man den Schritt machen zur globalen Erwärmung heute. Manche sagen: „Es gab doch noch im 17. und 18. Jahrhundert eine Eiszeit beziehungsweise dann eine Warmzeit!“ Tatsächlich waren das regionale Ereignisse. Was wir jetzt erleben, ist ein globales Phänomen. Die Erde erwärmt sich in allen Breitenzonen. Zu Vivaldis Zeiten mit der Kleinen Eiszeit, da war ein relativ begrenztes Gebiet von einer Klimaänderung betroffen.

Ich finde durch die Möglichkeiten, die einem die Kunst bietet, profitieren wir auch in der Wissenschaftskommunikation. Zum Beispiel bietet die Malerei hier Anknüpfungspunkte, wenn wir jetzt gerade bei der kleinen Eiszeit sind. Denken wir an die tollen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, die Caspar David Friedrich und William Turner gemalt haben. Was für ein Wahnsinn! Aber das war so. Warum? Es waren hauptsächlich extrem starke Vulkanausbrüche, die die Kleine Eiszeit ausgelöst haben. Das sagen uns die Klimamodelle. Wenn ein explosiver Vulkan ausbricht, werden sehr viele Schwefel-Verbindungen in das zweite Stockwerk der Atmosphäre, in die Stratosphäre freigesetzt. Und die wandeln sich dort zu Schwefelsäure-Tröpfchen um, die schließlich auch für die faszinierenden Sonnenauf- und -untergänge sorgen. Zuletzt konnten wir das Schauspiel nach dem Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 beobachten.

Antonio Vivaldi, Caspar David Friedrich, William Turner - vom Einfluss des Klimas auf Kultur

Das heißt, auch die Bilder von Caspar David Friedrich und William Turner sind ein Beleg dafür, dass unsere Computermodelle gar nicht schlecht sind. In der Wissenschaft untersuchen wir immer verschiedene Faktoren und deren relativen Einflüsse: Was kann der Grund für die Kleine Eiszeit gewesen sein? Die Sonne? Eine interne Schwankung? Können es die Vulkane gewesen sein? Und so kann man auch die Kunst heranziehen, um bestimmte Fragen in der Wissenschaft zu beantworten und die Modelle zu überprüfen.

Zugleich holt man so Menschen in ihrer Begeisterung für Musik und Kunst ab und führt sie zum Klima-Thema.

Genau. Und das ist ja wichtig – wir wollen ja möglichst viele Menschen erreichen mit unseren Forschungserkenntnissen. Gerade beim Thema Klimawandel. Er ist eines der Themen, das ich in meiner Arbeit für die Akademie betonen möchte.

Wenn wir in unserer interdisziplinären Arbeitsgruppe zum Klimawandel diskutiert haben, dann ging es schon bei der Definition von Fragen wie „Was ist ein Modell?“ hoch her. Da ist mir bewusst geworden, dass wir uns darüber verständigen müssen, was wir mit bestimmten Begriffen meinen. Und das bringt mich auch weiter in der Kommunikation nach außen. Wir müssen die Menschen abholen. Deshalb bestreite ich auch sehr viele öffentliche Veranstaltungen: um dicht an die Menschen ranzukommen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie wissen, was sie bewegt. Das steht in gewissem Widerspruch zur Faktenliebe der Wissenschaft, das weiß ich. (lacht) Aber wir werden beim Klimaschutz nichts erreichen, wenn wir nicht die Faktenwelt mit der Gefühlswelt zusammenbringen. Dass die Bewegung Fridays for Future die gesellschaftliche Diskussion über den Klimawandel wieder in Gang gebracht hat, hängt genau damit zusammen. Und darüber müssen wir uns verständigen: Hat die Akademie den Anspruch, notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu unterstützen? Wenn ja, dann kommen wir in unserer Kommunikation nicht ohne die Gefühlswelt aus. Bilder sagen eben doch mehr als tausend Worte. Die Kommunikation nach außen muss aber stets faktenbasiert sein.

Faktenwelt der Wissenschaft und Gefühlswelt der Menschen zusammen bringen

Sehr liegt mir auch am Herzen, dass wir uns der Gefährdung der Demokratie stellen. Das treibt mich wirklich um. Wir sehen ja, auf welche Weise Politiker wie Putin oder Lukaschenko sich verhalten. Mit wie viel Wucht China zur Macht drängt. Alles ohne Rücksicht auf Verluste – Menschenrechte zählen nicht. Wir müssen aufpassen, dass die westlichen Demokratien nicht untergehen. Trump ist ein mahnendes Beispiel. Auch in Europa wird die Freiheit eingeschränkt - etwa in Polen und Ungarn.

Demokratien im Stresstest. Wie können sich die Mitglieder der Akademie dazu verhalten?

Bildung ist unglaublich wichtig. Wir sehen das ja in den USA, was da innerhalb einer Amtsperiode eines Präsidenten erodiert ist. Und wir dürfen nicht denken, dass so etwas hier nicht passieren könnte. Wenn der richtige Mensch mit der richtigen Ansprache kommt – Menschen sind da empfänglich! Deshalb müssen wir die Vorteile der Demokratie und von Frieden hervorheben. Ebenso die Errungenschaften der EU. Die Demokratie muss jeden Tag erkämpft und gesichert werden. Das müssen wir hinkriegen.

Aus der Akademie heraus könnten wir das konkret unterstützen etwa mit einer Essay-Reihe: Der einzelne Text muss gar nicht lang sein – 2000, 3000 Zeichen lang. Jede und jeder von den Mitgliedern kann sich dazu aus der eigenen Sicht äußern. Ich könnte mir vorstellen, dass der Mediziner hervorhebt, Demokratie gewährleistete eine bessere Gesundheitsversorgung. Das sage ich jetzt, ohne natürlich genau zu wissen, wie unsere Mediziner das sehen. Einfach als konkretes Beispiel. Oder ein Psychologe denkt in seinem Essay darüber nach, warum Menschen so leicht zu verführen sind.

Demokratieschutz - Essays und YouTube-Videos kombinieren

Wenn rund 50 Mitglieder jeweils rund zwei Seiten schreiben, könnte daraus ein 100-Seiten-Büchlein werden. Begleitend dazu fände ich ganz kurze YouTube-Videos gut. In einer halben Minute kann man die Dinge schon auf den Punkt bringen. Auf jeden Fall ist es mir wichtig, dass es zu den Aufgaben der Akademie gehört, die Freiheit der Wissenschaft zu garantieren. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass Wissenschaft ihren Stellenwert in unserer demokratischen Gesellschaft behält.

Wissenschaftskommunikation ist gerade in den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie sehr in den Mittelpunkt gerückt. Das öffentliche Interesse ist verständlicherweise da. Immer wieder kommt in Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Moment, in dem sie etwas empfehlen und einschätzen sollen. Wie gehen Sie mit diesem Spagat zwischen Faktenlage und persönlicher Meinung um?

Das ist tatsächlich schwierig. Wenn Sie in der Talkshow sitzen, können Wissenschaftler schwer sagen: „Das sind die Fakten, und jetzt spreche ich als Person.“ Die Grenzen sind fließend. Wenn man gefragt wird etwa beim Thema Klimawandel: „Und was machen wir jetzt?“ In dem Moment geht man in den Meinungsraum, auch wenn es wissenschaftliche Empfehlungen gibt, was zu tun ist. Ich löse dieses Problem vor allem damit, dass ich Bücher schreibe. Das ist zwar sehr anstrengend, aber die Bücher geben mir die Möglichkeit, beides zu kombinieren: Also auf der einen Seite Fakten zu präsentieren und auf der anderen Seite aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Da wird das dann ziemlich klar, was ist Wissenschaft, was ist Meinung. Ich überlege gerade, ob ich ein neues Buch schreibe. Das letzte Buch „Heißzeit“ lief supergut und war ein Spiegel-Bestseller. Aber es ist sehr viel Arbeit, und ich habe so viel anderes zu tun. (lacht)

Welches Buch würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?

Ich würde mir noch mal „Die Grenzen des Wachstums“ vornehmen, dieser Bericht des Club of Rome von 1972 – ich bin ja auch Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Dieses Buch jetzt genau zu studieren mit dem heutigen Blick, das könnte mich sehr inspirieren auch für die zukünftige Forschung.

Zwei Punkte waren damals neu: Einerseits die Abkehr von der Technologie-Gläubigkeit – man kann nicht alle Probleme mit Technik meistern. Andererseits war die Computertechnik damals bereits soweit ausgereift gewesen, dass man in einigermaßen überschaubarer Zeit Szenarien durchrechnen konnte. So war es diesem Bericht möglich, anhand von Modellrechnungen aufzuzeigen, was passiert, wenn wir immer mehr Ressourcen verbrauchen. Ich glaube, „Die Grenzen des Wachstums“ ist aktueller denn je. Und das würde ich mir jetzt gern genauer angucken.

Bitte ergänzen Sie diesen Satz: Wenn es die Akademie der Wissenschaften in Hamburg nicht schon geben würde, müsste man sie erfinden, weil...

... die Akademie einen Ort für den fächerübergreifenden Austausch bietet.

Das Interview führte Dagmar Penzlin.

Veröffentlicht am 8. Juni 2021