Religiöse Vielfalt auf dem Kiez
Mit seinen Bars, Imbissen und Musikclubs steht der Kiez heute für das andere Hamburg: Er ist laut, wild, politisch und oft widerspenstig. Man kennt das Viertel für seine Clubkultur auf der Reeperbahn, darunter etwa das „Molotow“ oder der „Kaiserkeller“, für die besetzten Häuser in der Hafenstraße, Graffiti, Punk, Protestkultur und Penny-Dokus. Hier auf dem Kiez wird getrunken, gefeiert und protestiert.
Doch der Ort des Feierns war einst vor allem ein Ort des Gebets. Am heutige Beatles-Platz begann im 16. Jahrhundert ein bemerkenswertes Experiment. Indem man religiösen Minderheiten Schutz gewährte, entstand ein einzigartiges Nebeneinander von vielfältigen Glaubensgemeinschaften.
Dänische Toleranzpolitik vor Hamburgs Mauern
Dort, wo die berühmte Reeperbahn im Westen endet, befand sich lange ein Stadttor und damit eine Landesgrenze: das Nobistor. Hinter den schlichten hölzernen Toren endete die Stadt Hamburg, es begann die damals eigenständige Nachbarstadt Altona.[1] Im Jahre 1584 wurde hier Menschen jüdischen Glaubens, zehn Jahre später römisch-katholischen Christusgläubigen Schutz gewährt, dazu kamen dann bald auch mennonitische Glaubensflüchtlinge und die Reformierten.[2] Mit dem „Altonaer Stadtprivileg“ vom 23. August 1664 garantierte der dänische König als Herrscher über Altona allen Gewerbetreibenden das Recht, sich unabhängig von ihrer Herkunft in Altona niederzulassen und – ganz anders als nebenan in Hamburg – ihre eigene Religion frei auszuüben.
Altona war mit dieser Form religiöser Toleranz kein Einzelfall. Ähnliche Regelungen galten auch im damals ebenfalls dänischen Glückstadt und Friedrichstadt, die – wie Altona – gezielt verfolgten Religionsgemeinschaften Zuflucht boten. Die religiöse Offenheit war dabei auch ein Instrument des dänischen Königs: Sie sollte durch Zuwanderung das Wachstum der Städte vorantreiben und hatte das Ziel, Hamburgs Einfluss im Norden zu begrenzen. Der König war erfolgreich, die Bevölkerung Altonas wuchs bis 1710 von 3.000 auf 12.000 an und war damit nach Kopenhagen die größte Stadt im Königreich Dänemark.[3] Im Laufe des 18. Jahrhunderts verdoppelte sich diese Zahl noch einmal und die Stadt erreichte eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit.[4]
Während Hamburg streng lutherisch geprägt war, entstand nun direkt vor den Toren der Stadt eine beeindruckende religiöse Vielfalt. Um 1790 fanden sich in Altona allein acht christliche Kirchen: drei evangelisch-lutherische, zwei reformierte, eine mennonitische, eine römisch-katholische und eine Herrnhuter Brüdergemeine. Hinzu kamen zwei jüdische Synagogen.[5] Einige dieser Gemeinden sammelten sich auf engstem Raum in zwei Straßenzügen am Nobistor. Sie trugen die Namen „Kleine Freiheit“ und „Große Freiheit“ und erinnern an die über Jahre gewährte Gewerbe- und Religionsfreiheit unter den dänischen Königen.
Christliche Vielfalt auf der Kleinen und Großen Freiheit
Die religiöse Toleranz prägte das Stadtbild Altonas. So verfügte die reformierte Gemeinde etwa bereits ab 1603 über eine eigene Kirche und einen eigenen Friedhof. Ihre Glaubenstradition geht auf die Reformation in der Tradition Ulrich (Huldrych) Zwinglis und Johannes Calvins zurück, die in Zürich und Genf wirkten. Nachdem sich die Altonaer Gemeinschaft 1686 in eine deutsche und eine französische Gemeinde aufspaltete, entstanden zwei separate Gotteshäuser. Beide lagen dicht nebeneinander an der Ecke Reichengasse (später: Reichenstraße) und Kleine Freiheit. Sie waren „von keinem sonderlichen Ansehen“ und „ohne Bilder“, wie es in zeitgenössischen Berichten heißt.[6] Diese Schlichtheit entsprach dem reformierten Ideal einer Konzentration auf die Predigt im Gottesdienst. Kunstvolle Altäre, Malereien oder Heiligenfiguren wurden entfernt, sollte doch nichts den Blick auf das Wort Gottes verstellen.
Deutlich anders präsentierte sich die römisch-katholische Kirche auf der Großen Freiheit, wo sie seit 1660 über eines der prächtigsten Gotteshäuser im gesamten Viertel verfügte. Die nach einem verheerenden Brand zerstörte Kirche wurde 1723 neu erbaut. Unter dem Patronat des heiligen Joseph, dessen steinernes Bildnis über der Kirchentür prangte, erstrahlte das Innere „mit schöner Malerei und Bildern“ und einem „recht prächtigen“ Altar, im Gottesdienst flankiert von kostbaren Messgewändern der Priester.[7]
Direkt gegenüber der katholischen Kirche sollte übrigens 1959 dann der Musikclub „Kaiserkeller“ eröffnen. Im darauffolgenden Jahr spielte die englische Rockband „The Beatles“ hier – nur wenige Meter vom Altar von St. Joseph entfernt – ihre Hamburger Konzerte und würde bald zu den einflussreichsten Bands der Gegenwart aufsteigen. Auf dem Kiez überdauert die Legende, die Beatles hätten im Rausch die Kirchenmauer entweiht. In der St. Joseph-Gemeinde kursiert allerdings eine andere Version: Dort heißt es, einer der Musiker habe sich von der Empore aus mitten in den Sakralraum erleichtert.
Nur etwa hundert Meter von der St. Joseph-Kirche entfernt, verfügte die mennonitische Gemeinde ab 1673 über ein eigenes Kirchengebäude auf der Großen Freiheit und fünf Jahre später zudem über einen Friedhof an der heutigen Paul-Roosen-Straße. Unter dem besonderen Schutz des dänischen Königs hatten sich ab dem frühen 17. Jahrhundert immer mehr mennonitische Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden in Altona angesiedelt. Viele von ihnen waren wohlhabende Kaufleute, deren wirtschaftliche Bedeutung zu ihrer Duldung beitrug.[8]
Die Mennoniten waren pazifistisch. Sie lehnten nicht nur den Kriegsdienst traditionell ab, sondern verweigerten auch jedem Eid. In frühmodernen Staaten war der Schwur jedoch von zentraler Bedeutung, denn er galt als Garant für Loyalität gegenüber den Herrschenden. So brachte die Verweigerung von Eid und Kriegsdienst die mennonitischen Gläubigen immer wieder in Konflikt mit der Obrigkeit.
Der mennonitische Gottesdienst in Altona wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts noch auf Holländisch gehalten, nur alle zwei Wochen gab es mittwochs eine Predigt auf Deutsch.[9]
Viele mennonitische Gruppen emigrierten mit der Zeit nach Russland, Nord- und Südamerika. In den USA entstanden daraus Strömungen wie die konservativen Amischen, die für ein schlichtes, gemeinschaftsorientiertes Leben mit strenger Abgrenzung von moderner Technik bekannt sind. Weltweit zählt die mennonitische Gemeinschaft heute über eine Million Mitglieder mit Gemeinden von Kanada bis Tansania.
Auf der Großen Freiheit 73 bis 75 sind bis heute zwei ehemalige Gebäude der mennonitischen Gemeinde erhalten. Das eigentliche Kirchengebäude lag jedoch, wie auch bei der bereits genannten römisch-katholischen und reformierten Gemeinde, nicht direkt an der Straße, sondern zurückgesetzt im Innenhof.
Das jüdische Altona
Nur wenige Schritte von den Gebäuden der mennonitischen Gemeinde entfernt, verlief kaum sichtbar ein dünner Draht über den Dächern der Straße. Er spannte sich weiter hinunter bis zur St. Joseph-Gemeinde, führte an der reformierten Kirche vorbei, kreuzte das Nobistor und verlief von dort aus um das Stadtgebiet Altonas.
Dieser Draht war Teil eines Eruv, einer symbolischen Umgrenzung, die es jüdischen Gläubigen erlaubte, am Sabbat bestimmte Tätigkeiten im öffentlichen Raum auszuüben. Denn nach den Geboten der Tora ist es an diesem Ruhetag untersagt, Lasten außerhalb des eigenen Hauses zu tragen. Doch der Eruv verwandelte die Stadt in einen geschlossenen Raum, in dem das Tragen nach den religiösen Gesetzen erlaubt war. Auf diese Weise ließ sich das städtische Leben mit den Anforderungen des Sabbats in Einklang bringen.
Bereits im 17. Jahrhundert entwickelte sich Altona zu einem wichtigen Ort jüdischen Lebens im norddeutschen Raum. Im Jahre 1641 bestätigte und erweiterte der dänische König Christian IV. die bereits bestehenden Rechte und erließ ein sogenanntes Generalprivileg.[10] Das Privileg garantierte den jüdischen Gemeinden landesherrlichen Schutz sowie die Errichtung von Synagogen und eigenen Begräbnisplätzen. Dazu gehörte der bis heute erhaltene jüdische Friedhof an der Königstraße.[11] Er umfasst zwei getrennte Bereiche: einen für die portugiesische und einen für die hochdeutsche Gemeinde.
Vom Beten zum Feiern
Zwar war die religiöse Vielfalt in Altona zunächst ein politisches und ökonomisches Kalkül, das die Stadt stärken und im Wettbewerb mit Hamburg attraktiv machen sollte. Doch bemerkte schon ein Zeitgenosse, dass dabei mehr geschah als bloße Standortpolitik. Geistliche sahen sich gezwungen, theologisch tiefer zu argumentieren und zugleich einen untadeligen Lebenswandel vorzuleben – kurz, sich spürbar mehr zu bemühen, damit ihre Gemeinden nicht zu anderen Konfessionen oder Religionen abwanderten.[12] Ein Gewinn dieser Vielfalt lag somit in einer geschärften Reflexion religiöser Praxis und theologischen Denkens. Zugleich bereicherte sie unmittelbar das Gemeinwesen. So sei die mennonitische Gemeinde „eine wahre Wohltat für die Menschheit und besonders unsere Stadt geworden“, schrieb der Altonaer Pastor Johann Adrian Bolten.[13] Er war Geistlicher an der St. Trinitatiskirche, der lutherischen Hauptkirche Altonas, deren hoher Kirchturm selbst vom Hamburger Spielbudenplatz aus gut zu sehen war.
Die beiden einst von Glaubensflüchtlingen geprägten Straßenzüge Kleine Freiheit und Große Freiheit wandelten sich im 19. Jahrhundert grundlegend. Auf der Hamburger Seite des Nobistors entwickelte sich die Vorstadt, der „Hamburger Berg“. Durch den Spielbudenplatz entwickelte sich das Gebiet zu einem beliebten Vergnügungsviertel. Im Jahr 1833 erhielt das Quartier schließlich seinen heutigen Namen: Es wurde nach der lutherischen St. Pauli Kirche am Pinnasberg offiziell in St. Pauli umbenannt.
Wo religiöse Flüchtlinge einst ihre Freiheit gefunden hatten, drängten sich nun Seeleute, Prostituierte und Vergnügungsstätten. Konfrontiert mit diesem bunten Treiben schrieb etwa der Reisende John Cairns im Jahre 1895 in einem Brief an die schottische Heimat, dass St. Pauli vom Teufel in eine Brutstätte des Verderbens verwandelt worden sei: „Mein lieber Herr, bete für diese schuldbeladene und gottverlassene Stadt.“[14]
Heute erinnert kaum noch etwas daran, dass am Nobistor so viel gebetet wurde. Von den früheren Kirchen auf der Großen Freiheit ist nur die römisch-katholische erhalten geblieben, die sich selbst als der „älteste Club auf St. Pauli“ bezeichnet. Doch die religiöse Vielfalt auf dem Kiez ist lebendig geblieben. Neben den christlichen und jüdischen Spuren aus früherer Zeit rund um die „Freiheiten“ sind heute neue religiöse Adressen hinzugekommen. Dazu zählen die alevitische Gemeinde Hamburg e.V. am Nobistor 33 bis 35 und wenige Schritte entfernt die Yeni-Beyazıt-Moschee der Islamischen Gemeinde Nobistor e.V. Hamburgs Verbindung zum Islam hat eine lange Tradition: Im Jahr 1694 veröffentlichte der Theologe Abraham Hinckelmann hier eine vollständige Koran-Ausgabe in arabischer Sprache. Dieser Hamburger Druck gilt als das weltweit älteste erhaltene Exemplar seiner Art.[15]
Ein gutes Nebeneinander verschiedener Religionen entsteht nicht von selbst. Vielleicht liegt genau darin bis heute der Geist der „Großen Freiheit“, im mutigen „Ja“ zu Offenheit und der Bereitschaft, anderen Glaubensrichtungen Raum zu geben. Doch es braucht rechtlichen Schutz und eine Nachbarschaft, die respektvoll mit Vielfalt umgeht. Der Kiez könnte als Vorbild für ein solches Experiment dienen.
Fußnoten
- Zur Geschichte Altonas: Kopitzsch (2015).
- Kopitzsch (2015), S. 18.
- Freimark (2005), S. 292.
- Kopitzsch (2010), 32–33.
- Bolten (1790), S. 39.
- Schmidt (1747), S. 138.
- Schmidt (1747), S. 138.
- Wichmann (1865), S. 33–34.
- Bolten (1790), S. 355.
- Freimark (2005), S. 292.
- Studemund-Halévy (2015).
- Schmidt (1747), S. 192–193.
- Bolten (1790), S. 290.
- Macewen (1895), S. 153.
Hinckelmann (1694). Vgl. Braun (1959).
Literaturverzeichnis
Bolten, Johann Adrian, Historische Kirchen-Nachrichten von der Stadt Altona und deren verschiedenen Religions-Partheyen, von der Herrschaft Pinneberg und von der Grafschaft Ranzau, Band 1, Altona 1790.
Braun, Hellmut, Der Hamburger Koran von 1694, in: Christian Voigt und Erich Zimmermann (Hg.), Libris et litteris. Festschrift für Hermann Tiemann zum 60. Geburtstag am 9. Juli 1959, Hamburg 1959, S. 149–166.
Freimark, Peter, Zum Verhältnis von Juden und Christen in Altona im 17. und 18. Jahrhundert, in: Ina Lorenz (Hg.), Zerstörte Geschichte. Vierhundert Jahre jüdisches Leben in Hamburg, Hamburg 2005, S. 291–317.
Hinckelmann, Abraham D., Al-Coranus S. Lex Islamitica Muhammedis, Filii Abdallae Pseudoprophetae, Hamburg 1694.
Kopitzsch, Franklin, Altona, in: Ders. und Daniel Tilgner, Hamburg Lexikon, Hamburg 2010, S. 31-35.
Kopitzsch, Franklin, Altona. Epochen und Facetten einer Stadtgeschichte, in: Hans-Jörg Czech, Franklin Kopitzsch und Vanessa Hirsch (Hg.), 350 Jahre Altona. Von der Verleihung der Stadtrechte bis zur Neuen Mitte (1664–2014), Dresden 2015, S. 16–37.
Macewen, Alexander Robertson, Life and Letters of John Cairns, London 1895.
Schmidt, Ludolf Heinrich, Versuch einer historischen Beschreibung der an der Elbe belegenen Altona, Altona/Flensburg 1747.
Stoever, Johann Hermann, Über die Juden in Altona, in: Ina Lorenz (Hg.): Zerstörte Geschichte. Vierhundert Jahre jüdisches Leben in Hamburg 2005, S. 319–321.
Studemund-Halévy, Michael, Der lange Weg zum Weltkulturerbe. Der Portugiesenfriedhof an der Königstraße, in: Hans-Jörg Czech, Franklin Kopitzsch und Vanessa Hirsch (Hg.), 350 Jahre Altona. Von der Verleihung der Stadtrechte bis zur Neuen Mitte (1664–2014), Dresden 2015, S. 84–95.
Wichmann, Ernst Heinrich, Geschichte Altona’s. Unter Mitwirkung eines Kenners der vaterstädtischen Geschichte, Altona 1865.