Wissensvielfalt in der globalen Klimapolitik
Der Klimawandel ist ein gesellschaftliches und politisches Handlungsproblem, in dem die Wissenschaft eine zentrale Rolle spielt: Ohne Klimawissenschaft wäre der durch Treibhausgasemissionen verursachte anthropogene Klimawandel wohl unbekannt geblieben. Die globale Klimapolitik begann damit, den Wissensstand zum Klimawandel zu bewerten, insbesondere mit der Gründung des Weltklimarates (IPCC) im Jahr 1988. Diese wissenschaftlich motivierte Kooperation führte 1992 zur UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) und schuf ein einzigartiges Terrain, in dem Wissenschaft und Politik zusammenkommen. Inzwischen umfasst die Klimapolitik jedoch ein breiteres Verständnis von Wissenssystemen, das über die Wissenschaft hinausgeht und die Frage nach „epistemischer Vielfalt“ aufwirft.
Nach bestem Wissen
Im Jahr 2015 wurde das Wissen Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften im Pariser Klimaabkommen im Kontext der Klimaanpassung verankert. Das Leitprinzip der „besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse“ (best available science) wurde ergänzt um „soweit angemessen, traditionelles Wissen, das Wissen Indigener Völker und lokale Wissenssysteme“.[1] Damit setzte das Abkommen auf ein neues Paradigma, das über einen engen Wissenschaftsbegriff hinausgeht und vielfältige Wissenssysteme einbezieht. Das Abkommen signalisierte damit einen Wandel von einem wissenschaftszentrierten zu einem pluralistischen Ansatz.[2] Gleichzeitig bleibt eine Hierarchie bestehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse gelten als unverzichtbar, während andere Wissenssysteme nur unter der Einschränkung „soweit angemessen“ berücksichtigt werden und ihre politische Relevanz zunächst auf die Klimaanpassung beschränkt bleibt.
In diesem Essay zeige ich, wie diese Wissenssysteme nach und nach Eingang in den globalen klimapolitischen Diskurs gefunden haben. Dabei gehe ich zunächst den Ursprüngen unseres heutigen Verständnisses epistemischer Vielfalt nach, insbesondere im Kontext der Auseinandersetzung mit indigenem Wissen. Darauf aufbauend reflektiere ich schließlich die Spannungen und Herausforderungen, die bei dem Versuch entstehen, epistemische Vielfalt in klimapolitische Entscheidungsprozesse und Maßnahmen zu integrieren.
Indigenes und lokales Wissen
Indigenes und lokales Wissen bezeichnet die Gesamtheit von Praktiken, Verständnisformen, Fertigkeiten und Weltbildern, die von Indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften über viele Generationen in enger Verbindung mit ihrer Umwelt entwickelt wurden. Es umfasst etwa Kenntnisse zu Ökosystemen, Wetter- und Jahreszyklen, Land- und Ressourcennutzung, Heilpflanzen sowie Überlebensstrategien und ist eng verflochten mit Sprache, kulturellen Traditionen und spirituellen Vorstellungen. Dieses Wissen wird überwiegend mündlich, durch Beobachtung, Teilnahme am Alltag und rituelle Praktiken weitergegeben und bleibt dynamisch, indem es sich kontinuierlich an neue Umwelt- und Gesellschaftsbedingungen anpasst. Im Unterschied zur auf universelle Gültigkeit ausgerichteten sogenannten westlichen Wissenschaft ist indigenes Wissen stark ortsgebunden und praxisorientiert, da es aus der langfristigen Bewirtschaftung konkreter Landschaften und Ökosysteme hervorgegangen ist.[3]
Ein häufig genanntes Beispiel im Kontext des Klimawandels ist das traditionelle Feuermanagement (cultural burning) der Aborigines in Australien. Indigene Gemeinschaften setzen seit Jahrtausenden gezielt kleinflächige, kühle Brände in geeigneten Jahreszeiten ein, um trockenes Unterholz zu entfernen, die Baumkronen und viele Tierlebensräume zu schonen und so die Ausbreitung heißer, unkontrollierbarer Buschfeuer zu verhindern. Aktuelle Forschung zeigt, dass solche Praktiken die Verfügbarkeit von brennbarem Material deutlich senken und die Intensität von Großbränden mindern können. Vor dem Hintergrund zunehmender Hitze- und Dürreperioden wird dieses indigene Feuermanagement heute verstärkt in moderne Feuer- und Landschaftsmanagementstrategien integriert und in Kombination mit technischen Methoden (zum Beispiel Fernerkundung, Modellierung) als wichtiger Baustein klimawandelangepasster Brandvorsorge betrachtet.[4]
Ursprünge der Auseinandersetzung mit indigenem Wissen
Das Konzept epistemischer Vielfalt, verstanden als die (Ko-)Existenz unterschiedlicher Wissensformen, gewann im Zuge kolonial geprägter ethnologischer Forschung der 1970er- und 1980er-Jahre an Aufmerksamkeit. Viele der frühen Forschungsansätze haben ihre Wurzeln in der Ethnologie, insbesondere in der Ethnoscience sowie in der Humanökologie.[5] Die Ethnoscience richtet ihren Fokus auf sogenannte „volkstümliche Taxonomien“, also auf Klassifikationssysteme, mit denen verschiedene Indigene Völker Pflanzen, Tiere und weitere Elemente ihrer natürlichen Umwelt ordnen und verstehen. Solche Systeme wurden vor allem in der Ethnobotanik, Ethnozoologie und Ethnobiologie untersucht.[6] Die Bezeichnungen „ethno“ und „volkstümlich“ dienten indes dazu, diese Wissenssysteme explizit von der westlichen Wissenschaft abzugrenzen.
Einerseits trugen diese Forschungen dazu bei, andere Wissenssysteme als legitimes „Wissen“ anzuerkennen, anstatt sie als Formen von Unwissen, etwa als Unkenntnis, Mythos oder Aberglauben, zu marginalisieren. Andererseits hat derselbe akademische Diskurs dazu beigetragen, eine grundlegende Trennlinie zwischen wissenschaftlichem und indigenem Wissen zu verfestigen – eine Dichotomie, die in sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsstudien häufig als „die große Kluft“ (the great divide) bezeichnet wird.[7] Zudem konzentrierte sich diese Forschung vornehmlich auf praktische oder utilitaristische, zweckorientierte Dimensionen von Wissen und vernachlässigte dabei andere Aspekte wie Weltanschauungen, religiöse Praktiken und Spiritualität. Indem indigenes Wissen primär als Sammlung volkstümlicher Taxonomien gefasst wurde, wurde es vereinheitlicht, vereinfacht und aus seinem breiteren kulturellen Kontext herausgelöst.
Allmählich initiierten Indigene Völker Prozesse zur aktiven Rückgewinnung ihres Wissens, weniger im akademischen Kontext als vielmehr im Rahmen ihres politischen Engagements in internationalen Umwelt- und Entwicklungsagenden.[8] Der Erdgipfel von 1992 in Rio de Janeiro gilt dabei als Wendepunkt in der formellen Anerkennung epistemischer Vielfalt innerhalb internationaler Umweltregime, etwa im Bereich der Biodiversität, der Bekämpfung der Wüstenbildung und des Waldschutzes. Das im Zuge der Konferenz verabschiedete Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) war der erste internationale Vertrag, der Indigene Völker und lokale Gemeinschaften ausdrücklich als Wissen tragende Einheiten innerhalb eines rechtbasierten Rahmens anerkannte.
Was zuvor weitgehend ein von der Ethnologie dominierter Diskurs gewesen war, entwickelte sich zu einer Debatte, an der Indigene Völker selbst aktiv beteiligt waren. Dieser Wandel lässt sich als Ausdruck dessen verstehen, was der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking als „resistance by the known to the knowers“ beschreibt.[9]
Die Anerkennung epistemischer Vielfalt in der globalen Klimapolitik
Im Vergleich zu Biodiversität und anderen Umweltbereichen wurde indigenes und lokales Wissen im Kontext des Klimawandels erst vergleichsweise spät anerkannt. Erst ab den 2000er-Jahren fand epistemische Vielfalt sowohl in den Sachstandsberichten des IPCC als auch in Beschlüssen der UNFCCC schrittweise Berücksichtigung. Die IPCC-Berichte, die den Wissensstand zum Klimawandel bewerten, nahmen erstmals im dritten Sachstandsbericht von 2001 Bezug auf lokales und indigenes Wissen. Seither hat die Zahl solcher Verweise kontinuierlich zugenommen, insbesondere in den Beiträgen der Arbeitsgruppe II, die sich mit klimabezogenen Auswirkungen, Anpassung und Vulnerabilität befassen.[10]
Indigenes Wissen wird vor allem für lokale Klimaanpassungen geschätzt, etwa durch traditionelle Wasserbewirtschaftung, vielfältige Anbaupraktiken und Landschaftsmanagement wie kontrollierte Brände, die ökologische Resilienz stärken. Zudem liefern indigene Beobachtungen zu Jahreszeiten, Tierwanderungen und Vegetation wertvolle ergänzende Klimadaten. Dies sind jedoch nur einige Beispiele aus einem weitaus breiteren Spektrum an klimabezogenen Wissenspraktiken.
Auch die UNFCCC hat nach und nach lokales und indigenes Wissen anerkannt, insbesondere im Bereich der Anpassungspolitik,[11] und ist somit zu einem wichtigen Forum für die langfristige Einbindung Indigener Völker in globale Klimaverhandlungen geworden. Erst in den letzten Jahren wurden Indigene Völker dabei nicht nur als Stakeholder, sondern auch explizit als Quelle von Wissen anerkannt. Ein Höhepunkt dieses Prozesses war das Pariser Klimaabkommen, in dem die politische Relevanz lokalen und indigenen Wissens offiziell bestätigt wurde.
Im Anschluss wurde die Local Communities and Indigenous Peoples Platform (LCIPP) eingerichtet: Eine institutionelle Innovation, die eine gleichberechtigte Vertretung Indigener Völker und Staaten vorsieht. Der Aufgabenbereich der LCIPP ähnelt dem anderer Einrichtungen unter dem Dach der UNFCCC. Sie bietet fachliche Beratung und technische Unterstützung, ohne aber die umfassenderen politischen und kulturellen Dimensionen indigenen Wissens zu adressieren.
Quo Vadis?
Der Wissensbegriff in der Klimapolitik ist vielfältiger geworden. Die Einbindung Indigener Völker in die UNFCCC und den IPCC zeigt, dass Veränderungen auch innerhalb stark institutionalisierter Rahmen möglich sind, in denen Wissenschaft und Politik eng miteinander verzahnt sind. Indigene und lokale Wissenssysteme verfolgen jedoch andere Ansprüche und übernehmen eine andere Rolle als die formale Wissenschaft. Bestehende internationale Organisationen sind nur begrenzt in der Lage, die sich aus ihrem Wissen ergebenden Forderungen und Ansprüche Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften angemessen zu berücksichtigen.
Die IPCC-Sachstandsberichte stützen sich primär auf peer-reviewte Literatur; darüber hinaus gehendes Wissen wird nur sekundär berücksichtigt. Indigenes Wissen fließt meist nur ein, wenn es in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert ist. Erste Ansätze, indigenes Wissen in den Prozess einzubeziehen, führen bisher nicht zu einer grundlegenden Veränderung der Wissenspolitik. Auch in der UNFCCC zeigt sich eine ähnliche Begrenzung. Die LCIPP bietet zwar fachliche Beratung und technische Unterstützung, adressiert aber kaum die politischen Dimensionen indigenen und lokalen Wissens, etwa den Verlust dieses Wissens durch die nicht-nachhaltige Ausbeutung natürlicher Ressourcen.
Die zentrale Herausforderung bleibt, globale Institutionen so zu gestalten, dass sie über die Grenzen bestehender internationaler Organisationen hinaus wirksam und relevant sind. Dabei geht es nicht nur um indigenes und lokales Wissen, sondern allgemein um die Rolle von Wissen in der heutigen sozial-ökologischen Krise. Vielfalt ist dabei nicht nur wünschenswert, sondern unverzichtbar.
Fußnoten
- Übereinkommen von Paris, Art. 7 Abs. 5, eigene Übersetzung.
- López-Rivera, ‘Diversifying Boundary Organizations’.
- Local and Indigenous Knowledge Systems (LINKS) | UNESCO. (2025, September 30). www.unesco.org/en/links. Zugegriffen: 16. März 2026
- Ijatuyi, E. J., Lamm, A., Yessoufou, K., Suinyuy, T., & Patrick, H. O. (2025). Integration of indigenous knowledge with scientific knowledge: A systematic review. Environmental Science & Policy, 170, 104119. doi.org/10.1016/j.envsci.2025.104119
- Berkes, Sacred Ecology, 49–50.
- Vgl. etwa Conklin, Folk Classification.
- Latour, Science in Action; Agrawal, ‘Dismantling the Divide Between Indigenous and Scientific Knowledge’.
- Martello, ‘A Paradox of Virtue?’; López-Rivera, Blurring Global Epistemic Boundaries: The Emergence of Traditional Knowledge in Environmental Governance.
- Hacking, Kinds of People: Moving Targets, 306.
- Nakashima et al., Indigenous Knowledge for Climate Change Assessment and Adaptation; López Rivera, ‘Re-Encountering Climate Change’.
- Ford et al., ‘Adaptation and Indigenous Peoples in the United Nations Framework Convention on Climate Change’.