Vielfalt als Erkenntnisquelle
Der berühmte Stadtbild-Satz fiel im Oktober 2025 bei einer Pressekonferenz des Bundeskanzlers Friedrich Merz, in der er Fortschritte in der Migrationspolitik und verstärkte Abschiebebemühungen der Bundesregierung bilanzierte: „wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem.“[1] Mit diesem einen Satz löste Merz eine tagelange Debatte darüber aus, was „dieses Problem“, das trotz intensivierter Abschiebungen fortbestehe, eigentlich sein möge.
Einige bemängelten die vage Formulierung und warnten, sie schüre diffuse Ängste vor Migration.[2] Andere verteidigten den Kanzler. So behauptete Unions-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn etwa: „Der Bundeskanzler spricht aus, was die Mehrheit der Deutschen denkt.“[3] CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann verwies nach Kritik vom Koalitionspartner darauf, dass seinem Eindruck nach „alle wissen, worum es geht“. [4] Als Forderungen dennoch nicht nachließen, doch bitte zu präzisieren, worum es denn nun gehe, wer oder was das Problem im Stadtbild sei, entgegnete Merz einige Tage später: „Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte. Ich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort.“[5]
Die Fiktion des Wir
Merz konstruierte somit ein kollektives, homogenes ‚Wir‘– eines, das eine gefühlte Wahrheit teilt, die sich vermeintlich von selbst erschließt. In Merz‘ Worten: „Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit.“[6] Dass diese Lesart jedoch keineswegs von allen geteilt wird, zeigte sich in zahlreichen Beiträgen in den sozialen Medien. Insbesondere rassifizierte Menschen[7] fragten sich öffentlich, ob sie wohl Teil des von Merz angesprochenen „Problems“ darstellten.[8] Eine tiefe Verunsicherung war spürbar. Denn im postmigrantischen Deutschland sind Menschen mit (familiärer) Migrationsgeschichte längst integraler Bestandteil der Gesellschaft, und doch wird ihre Zugehörigkeit immer wieder hinterfragt.[9] An dieser Zugehörigkeit Zweifel zu schüren, ist fatal – gerade in einer Zeit, in der sich angesichts wachsender AfD-Wahlerfolge und Geheimtreffen zum Thema „Remigration“ ohnehin viele Menschen fragen, ob und wie lange sie in Deutschland noch erwünscht sind.[10] Die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen im November 2023 machte öffentlich, wie weit rechte Netzwerke inzwischen reichen und wie strategisch sie ihre Ziele verfolgen: Hochrangige AfD-Mitglieder trafen sich mit dem rechtsextremen Vordenker Martin Sellner, Geschäftsleuten und Mitgliedern der CDU-nahen Werteunion, um Pläne zur massenhaften Deportation von Menschen zu besprechen – auch solchen, die deutsche Staatsangehörige sind.[11] Dass derartige Szenarien nicht nur in rechtsextremen Zirkeln diskutiert werden, sondern bis in Teile der sogenannten ‚bürgerlichen Mitte‘ anschlussfähig sind, hat viele nachhaltig erschüttert.
Zugehörigkeit auf Bewährung
Als Merz nach zehn Tagen der Debatte und anhaltender Unklarheit schlussendlich doch noch präzisierte,[12] wen er gemeint habe – Menschen ohne Aufenthaltsrecht, ohne Arbeit, die sich nicht an geltende Regeln halten – versuchte er zugleich zu beschwichtigen. Menschen mit „ausländischen Wurzeln“, die „in erster, zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben und arbeiten“, seien unverzichtbar für den deutschen Arbeitsmarkt. Doch auch diese Präzisierung war kein umfassendes Bekenntnis zu einem vielfältigen Deutschland. Vielmehr reduzierte Merz Zugehörigkeit auf Verwertbarkeit. Wer arbeitet – wer nützt – gehört dazu. Dass die Zugehörigkeit nicht von der ökonomischen Funktion abhängen sollte, gerät so aus dem Blick. Stattdessen reproduziert die Debatte eine altbekannte Logik: hier die „guten“ Zugewanderten, die arbeiten und sich anpassen, dort die vermeintlich „schlechten“, die zur Last fallen.[13] Doch auch für diejenigen, die als nützlich gelten, bleibt Zugehörigkeit prekär und an Bedingungen geknüpft, ist nie selbstverständlich, sondern potenziell jederzeit widerrufbar.
Debatten wie diese produzieren kollektive Ängste, und zwar auf zweierlei Arten. Erstens schüren sie diffuse Ängste vor einem „Problem“, das nicht klar benannt wird – und legitimieren damit Ressentiments, die viel weiter reichen, als Merz‘ eingeschränkte Präzisierungen suggerieren. Denn unter „es wissen doch alle, was gemeint ist“ kann sich jede und jeder selbst ausmalen, wer wo warum ein „Problem“ darstellt. Zweitens erzeugen sie Verunsicherung bei denen, deren Zugehörigkeit ohnehin in Zweifel gezogen wird und so wieder einmal zur Disposition gestellt wird. Sie sehen sich im öffentlichen Raum potenziellen Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie durch Namen, Sprache oder Aussehen als vermeintlich ‚nicht zugehörig‘ markiert werden. Die Konstruktion eines homogenen Kollektivs ist daher nicht nur eine Fiktion, sondern riskiert, die Gesellschaft weiter zu spalten – in diejenigen, die entscheiden, wer genehm ist und diejenigen, die um ihren Status als vollwertige Gesellschaftsmitglieder bangen müssen.
Sicher für wen?
Statt eine vermeintliche Homogenität und kollektive Wahrheiten zu konstruieren, sollten wir also genauer hinschauen. Was bewegt Menschen tatsächlich in Bezug auf Stadt und Sicherheit? Die Forschung zu vernacular security – das heißt alltagsweltlichen Verständnissen von Sicherheit – zeigt, dass es diesbezüglich keine einheitliche Wahrnehmung gibt.[14] Das bestätigt auch ein Forschungsprojekt, in dem Aziz Epik und ich 125 Hamburger Bürgerinnen und Bürger eingeladen haben, in Workshops darüber nachzudenken, was eine ‚sichere Stadt für alle‘ ausmachen würde.[15] Die Ergebnisse widersprechen der Annahme, alle wüssten, was gemeint ist, denn die Perspektiven sind vielfältig und nicht immer miteinander in Einklang zu bringen. Während einige eine höhere Polizeipräsenz forderten, äußerten andere, dass gerade die Anwesenheit der Polizei sie verunsichere. Zugleich zeigte sich, dass die Frage selbst – was würde dich dich sicherer fühlen lassen? – produktiver ist als die Annahme, darauf gäbe es eine gleichbleibende Antwort.
So sprachen einige der an den Workshops Teilnehmenden über Nachbarschaftssolidarität und Begegnungsorte ohne Konsumzwang, über barrierefreie Wege und gut beleuchtete Straßen, über verständliche Behördensprache und bezahlbaren Wohnraum. Menschen mit Behinderungen machten darauf aufmerksam, dass unübersichtliche Räume und kurzfristige Änderungen im Straßenbild – etwa durch unangekündigte Baustellen – für sie erhebliche Herausforderungen darstellen. Queere Menschen und Frauen betonten, dass auch das häusliche Umfeld für sie ein Ort der Gefährdung sein kann. Vieles davon sind Dimensionen urbaner Sicherheit, die in der Stadtbild-Debatte und gängigen Sicherheitsdebatten nicht vorkommen – obwohl sie viele betreffen.[16]
Auffällig war außerdem, dass die Teilnehmenden Sicherheit überwiegend nicht durch Ausschluss, sondern durch Ermöglichung imaginierten. Sicherheit wurde vielseitig betrachtet, indem unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden wurden: als Institutionen, Räume, Infrastrukturen und Praktiken, die das Sicherheitsgefühl in der Stadt über verschiedene Gruppen hinweg verbessern können. Sicherheit entstand in ihren Visionen nicht dadurch, dass bestimmte Menschen verdrängt, ausgeschlossen oder abgeschoben werden, sondern durch Strukturen, die ein würdevolles Leben für alle ermöglichen. Statt härterer Strafen und mehr Überwachung forderten die Teilnehmenden eine verlässliche Existenzsicherung, den Ausbau von Drogenkonsumräumen und „Housing First“ (Zugang zu dauerhaftem Wohnraum als grundlegende Lösung für Obdachlosigkeit) sowie Anlaufstellen mit professionellem Personal auch für akute Krisensituationen.
Vielfalt ist notwendig
Nimmt man diese vielfältigen Perspektiven auf Sicherheit ernst, verschiebt sich der Fokus. Es geht nicht mehr darum, wer ein „Problem“ im Stadtbild darstellt, sondern darum, wie Ressourcen gerecht verteilt werden, wie Raumnutzung in einer pluralen Gesellschaft verhandelt werden kann und was es braucht, damit sich Menschen im öffentlichen Raum und zuhause sicher fühlen – ohne andere der Unsicherheit und Ausgrenzung preiszugeben. Hinter unseren Ergebnissen steht eine Einsicht, die über das Thema Stadt und Sicherheit hinausweist: Vielfalt ist nicht nur empirisch gegeben, sie ist auch epistemisch notwendig. Die Annahme, „alle“ wüssten oder sähen dasselbe, ist eine Fiktion, die abweichende Erfahrungen und Perspektiven ausblendet und unhörbar macht.
Feministische Wissenschaftstheorie argumentiert schon lange, dass Wissen nicht objektiver wird, wenn wir Perspektiven ausblenden und eine vermeintlich ‚neutrale‘ Perspektive als Maß aller Dinge setzen – wir müssen vielmehr verschiedene Standpunkte systematisch mit einbeziehen.[17] Gerade marginalisierte Menschen bringen dabei oft Einsichten ein, die anderen verschlossen bleiben. Wer sich sowohl in der dominanten Ordnung orientieren als auch eigene Erfahrungen behaupten muss, entwickelt eine Art doppeltes Sehen – der Historiker und Soziologe W.E.B. Du Bois nannte es „double consciousness“.[18] Das vielfältige Wissen ist eine Ressource unserer postmigrantischen Gesellschaft. Allerdings nur, wenn es auch gehört wird. Denn robustes Wissen entsteht nicht durch behaupteten Konsens und gefühlte Wahrheiten, die kaum mehr präzisiert werden, sondern durch Widerspruch und kritische Debatte. Das gilt für die Wissenschaft, in der Peer Review und Kritik zentral sind, aber auch für öffentliche Debatten.
Fragen wir genauer hin
Merz empfahl: „Fragen Sie mal Ihre Töchter“. Nehmen wir ihn beim Wort – aber fragen wir tatsächlich nach. Fragen wir die Töchter, die nachts allein nach Hause gehen, die sich zuhause unsicher fühlen. Fragen wir die Töchter, die selbst als „Problem im Stadtbild“ adressiert werden, weil ihr Name, ihr Aussehen oder ihre Sprache sie markiert. Fragen wir die Töchter, die in diesem Land geboren wurden und sich dennoch fragen müssen, ob sie dazugehören. Die Antworten werden vielfältig sein, in Teilen widersprüchlich. Aber sie wären ein Anfang – und der Realität eines postmigrantischen Deutschlands näher als jede Behauptung, „alle“ wüssten schon, was gemeint sei. Vielstimmigkeit ernst zu nehmen heißt, genau hinzuhören – und präzise zu fragen, welche Probleme wir eigentlich meinen und wie sie sich lösen lassen könnten.
Fußnoten
- www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.friedrich-merz-stadtbild-aussage-wortlaut-mhsd.c674d7a6-52bd-4cbf-a68a-12f1700128fc.html (abgerufen am 13.03.2026)
- www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-migration-100.html (abgerufen am 13.03.2026)
- www.nd-aktuell.de/artikel/1195110.stadtbild-debatte-was-merz-wirklich-mit-dem-problem-im-stadtbild-meinte.html (abgerufen am 13.03.2026)
- www.stern.de/politik/deutschland/stadtbild-debatte--linnemann-mahnt-klingbeil-zu-disziplin-36160442.html (abgerufen am 13.03.2026)
- www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-debatte-petition-100.html (abgerufen am 13.03.2026)
- www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-und-das-stadtbild-so-reagiert-das-netz-auf-seine-toechter-aussage-a-5eb7030c-11c3-4bca-a804-1ac2348514e1 (abgerufen am 13.03.2026)
- Der Ausdruck „rassifiziert“ bezieht sich auf den Vorgang, bei dem Individuen oder Gruppen aufgrund willkürlicher Merkmale in gesellschaftlich konstruierte Kategorien eingeteilt werden. Diese Einteilung kann oft zu Diskriminierung, Vorurteilen und Ungleichheiten führen. Der Begriff macht deutlich, dass „Rasse“ eine soziale und keine biologische Realität ist, die durch gesellschaftliche Normen, Machtverhältnisse und historische Zusammenhänge geformt wird.
- www.nd-aktuell.de/artikel/1194820.merzr-stadtbild-aeusserung-wer-stoert-hier-eigentlich-wen-im-stadtbild-herr-merz.html (abgerufen am 13.03.2026)
- Naika Foroutan. 2019. Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript Verlag.
- www.soziopolis.de/duisburger-splitter-i-montag.html (abgerufen am 13.03.2026)
- correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (abgerufen am 13.03.2026)
- www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-kanzler-konkretisiert-stadtbild-aussage-zu-einwanderern-a-79710163-8edf-4bf6-9a59-4c276ddbbc2c. (abgerufen am 13.03.2026)
- Jones, Hannah, Gunaratnam, Yasmin, Bhattacharyya, Gargi, Davies, William and Dhaliwal, Sukhwant. 2017. „Un/deserving migrants and resisting dehumanisation“. In: Go home?: The politics of immigration controversies, Manchester: Manchester University Press, pp. 120-140. doi.org/10.7765/9781526117946.00016
- Jarvis, Lee, Michael Lister, und Akinyemi Oyawale. 2025. „Twenty Years of Vernacular Security Research: An Introduction“. Security Dialogue 56(5), 501-518. doi.org/10.1177/09670106251363163.
- Perkowski, Nina, Aziz Epik, Tabea Louis und Laura Reyes Pollak, Räume der Sicherheit in unsicheren Zeiten: Eine sichere Stadt für alle. Dokumentation und Ergebnisse, 2023. www.sista.uni-hamburg.de/projektergebnisse/sista-broschuere-final.pdf.
- Perkowski, Nina, und Aziz Epik. 2024. „Alltägliche (Un-)Sicherheit in Hamburg: Erkenntnisse einer partizipativen Studie“. Wissen schafft Demokratie 16: 142–53.
- Harding, Sandra. 1992. „Rethinking Standpoint Epistemology: What Is ‚Strong Objectivity?‘“ The Centennial Review 36 (3): 437–70.
- Du Bois, W. E. B. (2007 [1903]): Of Our Spiritual Strivings, in: (Ders.), The Souls of Black Folk, Oxford / New York: Oxford UP, S. 7-14.